Esprit: „100 Prozent Missmanagement“ – Alle Deutschland-Filialen schließen
Düsseldorf. Die Modekette Esprit verschwindet aus den Fußgängerzonen in Deutschland: Bis zum Jahresende schließt das Unternehmen all seine 56 Filialen in Deutschland, wie Esprit am Freitag mitteilte. Etwa 1300 Mitarbeiter verlieren ihren Job.
Die Esprit Europe GmbH, die die Obergesellschaft etwa für den deutschen Markt ist, sowie weitere Gesellschaften des Modekonzerns hatten im Mai eine Insolvenz in Eigenverwaltung angemeldet. Damit rutschte der Konzern zum zweiten Mal in nur vier Jahren in die Insolvenz.
Schon vor einigen Tagen zeichnete sich ab, dass von der Modekette nicht viel übrig bleiben wird. Ein Käufer für das gesamte Unternehmen konnte nicht gefunden werden. „Wir müssen leider feststellen, dass alle Interessenten in dem unverändert sehr angespannten Marktumfeld für den Modehandel nicht oder nur sehr begrenzt bereit sind, dieses unternehmerische Risiko einzugehen“, sagte der als Sanierer angetretene Rechtsanwalt Christian Gerloff.
Esprit: Nur die Marke bleibt in Deutschland übrig
Seit Freitag ist klar: Von Esprit bleibt in Deutschland nur noch die Marke übrig. Die Markenrechte für das insolvente europäische Geschäft gehen an den britischen Finanzinvestor Alteri. Dieser übernimmt aber nicht das operative Geschäft. Das heißt, die Filialen werden geschlossen, die Produkte abverkauft. Die Stellen in den Geschäften sowie in der Zentrale in Ratingen fallen weg.
Alteri gehört unter anderem das Modeunternehmen CBR Fashion mit den Marken Street One und Cecil. Vorher war die Beteiligungsfirma, hinter der der US-Finanzinvestor Apollo steht, schon beim Babyausstatter Baby Walz eingestiegen.
Laut Branchenkennern war Alteri bereits länger als potenzieller Käufer im Gespräch. Insider sehen Alteri als Investor, der auf kurzfristige Gewinnmaximierung aus sei, „aber eben auch sehr professionell und als harter Verhandlungspartner“ agiere. Zum Kaufpreis wollte Esprit keine Angaben machen.
Zu den Hochzeiten hatte Esprit mehr als drei Milliarden Euro umgesetzt. Doch die Erlöse sanken 2023 auf 709 Millionen Euro. Deutschland ist der wichtigste Markt für den Konzern, er steht für rund die Hälfte des Umsatzes.
Pleitewelle in der Modebranche – Managementfehler bei Esprit
Die Modebranche erlebt seit Jahren eine Pleitewelle. Allein im ersten Halbjahr gingen nach Zählung der Restrukturierungsberatung Falkensteg 91 Modefirmen pleite – sieben Prozent mehr als im Vorjahr, als die Zahl ohnehin schon auf hohem Niveau war.
Die Gründe sind vielfältig: Erst verloren stationäre Anbieter Umsatz an Onlinehändler, dann sorgte die Pandemie für Einbußen. Nun verschärfen hohe Kosten und zurückhaltende Verbraucher, die angesichts der hohen Lebenshaltungskosten gerade bei Modeausgaben sparen, die Lage. Darunter leiden vor allem Marken im Mittelpreissegment wie Esprit. Anbieter im oberen Preissegment und billige Fast-Fashion-Anbieter stehen oft besser da.
Bei Esprit kommen Managementfehler dazu. Heiko Ronge, einst der größte Franchisenehmer von Esprit mit mehr als 60 Stores, sagte dem Branchenblatt „Textilwirtschaft“ vor wenigen Tagen, dass der „Zerfall“ des Unternehmens völlig unnötig sei. Der Markenname sei nach wie vor toll, die heutige Situation sei „das Ergebnis von 100 Prozent Missmanagement“.
Nach dem erfolgreichen Chef Heinz Krogner habe es zu viele Chefs „mit zu vielen Strategien“ gegeben, die die Kunden nicht mehr verstanden haben, sagte er weiter.
Ronge hat bereits alle Verbindungen mit Esprit gekappt. Wie er sind viele Franchisenehmer, die die meisten Esprit-Boutiquen betrieben hatten, schon abgesprungen.
Auch andere Branchenkenner kritisieren, dass Esprit sein Online- und stationäres Geschäft nicht richtig verzahnt habe. „Traditionsmarken wie Esprit, die es nicht schaffen, sich neu zu erfinden, werden zwischen billiger Fast-Fashion und Luxusmarken zerrieben“, sagt Britta Harjes, Direktorin im Bereich Konsumgüter und Handel der Unternehmensberatung Atreus. Die Marke habe ihr Alleinstellungsmerkmal verloren, da auch keine Innovationskraft mehr zu spüren gewesen sei.
Esprit wurde 1968 gegründet und war bis zur Jahrtausendwende erfolgreich. Das Unternehmen hatte den Ruf, hochwertige Kleidung zu erschwinglichen Preisen anzubieten. Doch die Marke hat an Strahlkraft verloren. So wird Konkurrent Zara, der im gleichen Preissegment aktiv ist, in der Branche als modischer wahrgenommen.
Die Marke Esprit hat wohl kaum eine Zukunft
Die Marke Esprit soll in absehbarer Zeit weitergeführt werden, heißt es. Produkte unter dem Label würden demnach weiter hergestellt und in Deutschland verkauft – in welcher Form, ist bisher nicht bekannt.
Es sei noch das Geheimnis des neuen Markeneigentümers, wie man die Marke wieder in den Markt bringen wolle, sagt auch ein Brancheninsider. Denn die Lieferketten seien bereits gerissen, zahlreiche Händler hätten Esprit aus ihrem Sortiment gestrichen: „Das Vertrauen des Handels ist zerstört.“
Ein anderer Experte rechnete damit, dass die Marke nach einer solchen Unterbrechung erst viele Jahre wachsen muss, um überhaupt wieder sichtbar zu werden. In der Zwischenzeit würden andere Anbieter den Platz von Esprit einnehmen.
Das Ende von Esprit zeichnete sich bereits während der Pandemie ab: 2020 hatte sich die Modekette angesichts geschlossener Läden unter den Schutzschirm des Insolvenzrechts geflüchtet, rund ein Drittel der Belegschaft entlassen und 100 Filialen geschlossen.
Esprit ist weltweit in rund 40 Ländern aktiv. Die Geschäfte außerhalb von Europa sind von der Insolvenz nicht betroffen. Die Hauptgesellschaft des Konzerns, die Esprit Holding, sitzt in Hongkong. Nach mehreren Pleiten in europäischen Ländern hat sie praktisch kein operatives Geschäft mehr.
Dass das Insolvenzverfahren wie bei Esprit nicht zu einer Fortführung der Geschäfte führt, ist in der aktuellen Lage typisch. Für Modefirmen, die 2023 in die Insolvenz mussten, fand sich bis Ende des ersten Halbjahres 2024 nur bei 27 Prozent der Betroffenen eine Lösung. Vor drei Jahren gelang das noch in fast 75 Prozent der Fälle, zeigen Falkensteg-Daten.
Von dem Schicksal ist auch etwa der frühere Reno-Mutterkonzern HR Group, die Münchener Modekette Hallhuber oder das fränkische Label Madeleine betroffen. Hier scheiterten ebenfalls Gespräche mit den Investoren.