Fluggesellschaften: Small-Planet-Pleite: Warum die Airline-Branche so anfällig ist
Die Pleite der Airline wird sich wohl bis ins neue Jahr auswirken.
Foto: dpaFrankfurt. Es sind zwei Ereignisse, die auf den ersten Blick so gar nicht zueinander passen. Da muss in der vergangenen Woche der eher kleine deutsche Ableger der Ferienfluggesellschaft Small Planet Insolvenz anmelden.
Und fast zeitgleich kündigen vier Manager und Piloten in Basel die Gründung einer neuen Billig-Airline für die Langstrecke an: Swiss Skies. Und alles das geschieht in einem Luftverkehrsmarkt, der in den zurückliegenden Monaten vor allem durch Flugverspätungen und -ausfälle aufgefallen ist.
Die aktuellen Entwicklungen haben eine Debatte über die grundsätzlichen Strukturen des Luftfahrt- und speziell des Ferienfluggeschäfts entfacht. „Die Pleite von Small Planet zeigt, dass die Markteintrittsbarrieren für neue Airlines zu niedrig sind“, glaubt Gerald Wissel vom Hamburger Beratungsunternehmen Airborne Consulting.
Er macht ein grundsätzliches Problem aus: Eine neue Airline müsse sich mit Kampfpreisen den Markt erkaufen, die etablierten Anbieter dann mitziehen. Das drücke die Durchschnittserlöse aller. „Geht dann die neue Airline pleite, ist es zu spät. Die Ticketpreise sind im Keller“, so Wissel.
Tatsächlich legt die Insolvenz der Small Planet GmbH einige Konstruktionsschwächen der Branche offen. Die Airline ist ein Ableger der litauischen Small Planet. Die hat nach eigenen Angaben 29 Jets und fliegt vor allem im Auftrag für Reisekonzerne Thomas Cook oder Tui im sogenannten Wet-Lease-Modell.
Dabei werden Gerät und Crews vermietet und auf Strecken eingesetzt, für die Auftraggeber die entsprechenden Verkehrsrechte besitzen. Tui und Co. brauchen die Kapazitäten der kleinen Wet-Lease-Airlines, um Nachfragespitzen auszugleichen oder in Notfällen, etwa wenn eigenes Gerät ausfällt.
Doch das damit verbundene Risiko ist groß. Denn die Partner sind häufig sehr klein, es fehlt ihnen die notwendige Größe, die gerade in schwierigen Zeiten wichtig ist. Darunter litt auch Small Planet. Als es technische Probleme mit Teilen der eigenen Flotte gab, noch dazu Personal knapp war, musste die Airline ihrerseits Flugzeuge chartern. Doch so ein Sub-Charter kostet viel Geld. Außerdem brachten Ansprüche vieler Passagiere auf Kompensation wegen Verspätungen und Ausfällen weitere Probleme.
Bei den Reisekonzernen ist man erst einmal erleichtert, dass Small Planet mit der Erlaubnis des Luftfahrtbundesamtes weiterfliegen kann. Durch die seit Wochen andauernden Engpässe bei Personal und Fluggerät hat kaum eine Airline noch Kapazitäten, gestrandete Passagiere zurückzuholen. Mittlerweile – so heißt es in der Branche – würden die Reisekonzerne sogar die Tankrechnung für Small Planet begleichen, denn die Airline bekommt wegen der Insolvenz den Sprit nur noch gegen Vorkasse.
Neue Airlines oft ohne Puffer
„Will man eine neue Airline zum Erfolg führen, muss man Reserven einplanen. Das machen viele aber nicht, weil das den eigenen Businessplan kaputt macht, den man für Investoren braucht“, erklärt Berater Wissel.
Entweder müsse man mit Kapazitätsreserven bei Mannschaften und Gerät planen. „Oder aber ich kalkuliere direkt beim Ticketpreis einen gewissen Puffer für potentielle Extraaufwendungen, wenn etwas schief läuft“, so Wissel. Er habe bei vielen Airline-Projekten erlebt, dass beides unterlassen werde – weil das die potentiellen Investoren nur ungern hörten.
Die Pleite von Small Planet wird sich wohl bis ins neue Jahr auswirken, obwohl es sich um eine kleine Airline handelt. Aber die Touristikkonzerne haben ihre Bestellungen von Wet-Lease-Kapazitäten für den Sommer 2019 in der Regel längst abgeschlossen.
„Tui hat den Flugplan für die Sommersaison 2019 bereits vor geraumer Zeit ohne Vollcharter-Abnahme bei Small Planet geplant“, sagt Roland Keppler. Der Chef von Tuifly glaubt, dass andere Reiseunternehmen jetzt hingegen vor größeren Herausforderungen stünden.
Die Ereignisse rund um Small Planet sieht er auch als eine Mahnung an die eigene Branche: „Die jüngste Insolvenz zeigt, wie wichtig es für einen Reisekonzern ist, eine eigene Airline zu haben. Die Situation im Wet-Lease-Markt ist sehr angespannt, die Kapazitäten sind eng“, so der Tuifly-Chef.
Am Mittwoch stellte auch die kleine Charterfluggesellschaft Azur Air Germany mit Sitz in Düsseldorf ihren Betrieb ein. Die Airline flog schon seit mehreren Wochen nicht mehr mit eigenem Gerät für ihre Auftraggeber, sondern hatte dafür selbst andere Fluggesellschaften beauftragt. Hohe Kosten durch Unregelmäßigkeiten bei Flügen hätten zu Verlusten geführt, teilte die Geschäftsführung am Mittwoch mit.
Tuifly-Chef Keppler sorgt sich, dass es für weitere Airlines diesen Winter eng werde: „Wir sehen ja bei allen im Markt, wie die schwierige Situation die Kosten in die Höhe getrieben hat.“ Deshalb sei eine solide Finanzierung so wichtig, ebenso wie Reserven. Tuifly selbst wolle im kommenden Sommer die Zahl der Reserveflugzeuge aufstocken, um damit Unregelmäßigkeiten besser abfedern können.
Berater Wissel hat deshalb eine Idee, wie die strukturellen Probleme besser in den Griff zu bekommen wären. Er schlägt vor, die Eintrittshürden für neue Airlines nach oben zu setzen. „Denkbar wäre es zum Beispiel, dass das Luftfahrtbundesamt die Finanzierungspläne viel strenger prüft, etwa hinsichtlich des Puffers für Probleme im Flugbetrieb, die ja immer auftreten können“, so Wissel.
Die in vielen Businessplänen anzutreffende Prognose, dass man nach drei Jahren in schwarzen Zahlen komme, sei unrealistisch: „Das dauert mindestens fünf Jahre.“