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FlugtaxisVolocopter will dieses Jahr erste Passagiere befördern – doch ein Ziel wackelt

Bisher fehlt dem Flugtaxi-Start-up die Zulassung für die Sommerspiele in Paris. Der CEO will dennoch in diesem Jahr mit Fluggästen abheben. Die Chancen stehen nicht schlecht.Jens Koenen, Nadine Schimroszik 14.03.2024 - 11:18 Uhr
Das Volocity: Der Zweisitzer soll einen Piloten und einen Fluggast befördern und wird elektrisch angetrieben. Foto: IMAGO/ABACAPRESS

Frankfurt, Berlin. Es ist das große Ziel, auf das bei Volocopter fast alles ausgerichtet ist: Erstmals will das Start-up Ende Juli bei den Olympischen Spielen in Paris Passagiere mit dem elektrischen Senkrechtstarter Volocity befördern. Doch das Vorhaben wackelt bedrohlich. Hauptgrund: Bisher fehlt die erforderliche Zulassung der europäischen Luftfahrtbehörde Easa.

„Die Chancen, rechtzeitig zu Olympia eine volle Zertifizierung zu bekommen, sind geringer geworden“, sagte Dirk Hoke, der CEO von Volocopter, dem Handelsblatt. Volocopter arbeitet seit Jahren an einem elektrisch betriebenen Fluggerät. Das Unternehmen aus Bruchsal bei Karlsruhe zählt neben Lilium aus der Nähe von München zu den wichtigsten deutschen Firmen in einem global hart umkämpften Markt.

Die Non-Profit-Organisation Vertical Flight Society (VFS) listete im vergangenen Jahr weltweit rund 700 Konzepte für elektrische Senkrechtstarter von mehr als 300 Firmen auf. Volocopter will der erste Anbieter sein, der in Europa kommerzielle Flüge durchführt. Mit Spannung verfolgt deshalb die gesamte Branche das Vorhaben in Paris.

Volocopter verspricht Flugbetrieb in Paris und Rom noch in diesem Jahr

Dennoch sieht es CEO Hoke nicht als einen Rückschlag für Volocopter und die gesamte Branche, sollte das Unternehmen im Sommer in Paris nur Demonstrationsflüge absolvieren dürfen. „Ich habe immer gesagt, dass der Plan, dort mit dem Transport von Passagieren zu starten, sehr ambitioniert ist“, sagte der frühere Airbus-Manager.

Es bleibe bei dem Ziel, als Erster in Europa kommerzielle Flüge durchzuführen. „Wir würden den Flugbetrieb dann eben später in Paris starten. Daran ändert sich nichts“, sagte Hoke und fügte hinzu: „Wir werden dieses Jahr auch noch in Rom kommerzielle Flüge beginnen.“ Im kommenden Jahr werde Volocopter dann in Osaka die Besucher zur Weltausstellung auf die Insel fliegen.

Das Beispiel des Unternehmens aus Bruchsal zeigt, wie schwer sich die Flugtaxifirmen auf den „letzten Metern“ tun. Die Zertifizierung des Fluggeräts gilt als die größte Herausforderung. Da es sich um völlig neue Technologien handelt, brauchen die Aufseher Zeit bei der Prüfung.

Gleichzeitig hängt an der Zulassung alles: die Serienfertigung der Fluggeräte, der Flugbetrieb, das Geschäftsmodell und nicht zuletzt das Vertrauen der Investoren. So hieß es in Start-up-Kreisen noch vor einigen Wochen, dass ein erfolgreicher Auftritt in Paris für die weitere Finanzierung von Volocopter sehr wichtig sei.

„Es müssen bis zum Start des kommerziellen Betriebs noch Details der Finanzierung geklärt werden“, räumt Hoke ein: „Da wird es aber in den nächsten Wochen Klarheit geben.“ Die letzte Finanzierungsrunde fand im November 2022 statt. Damals sammelte das Unternehmen 182 Millionen US-Dollar ein.

Selbst wenn wir die Zertifizierung heute schon hätten, könnte ich zum jetzigen Zeitpunkt nicht sagen, was wir in Paris zeigen können.
Dirk Hoke
CEO Volocopter

Bei Investoren scheint das Erwartungsmanagement des Volocopter-Chefs jedenfalls zu fruchten. „Als Shareholder kann ich nur sagen, dass Volocopter ein hervorragendes Unternehmen ist und auf dem Weg nach oben in einer neu entstehenden großen und nachhaltigen Industrie“, sagte Lukasz Gadowski, ein Investor der ersten Stunde, auf Nachfrage des Handelsblatts.

Der Wettbewerbsdruck in der Flugtaxibranche ist groß. In den einzelnen Regionen dürfte kaum Platz für mehrere Anbieter sein. Also gilt es, als erster einen Markt zu besetzen. Ob das gelingt, hängt aber nicht nur von der Zulassung des Fluggeräts ab. Auch müssen die Behörden vor Ort einen solchen Flugbetrieb genehmigen.

Das ist alles andere als trivial, wie sich am Beispiel der Olympischen Sommerspiele in Paris zeigt. So hatte sich der Stadtrat dort vor einigen Wochen gegen den Einsatz von Flugtaxis bei den Spielen ausgesprochen. Das Projekt sei absurd und helfe der Umwelt nicht. Die letzte Entscheidung liegt allerdings bei der französischen Regierung.

Dirk Hoke: Der CEO von Volocopter verspricht, noch in diesem Jahr den Flugbetrieb in Paris und Rom zu starten. Foto: picture alliance/dpa

„Selbst wenn wir die Zertifizierung heute schon hätten, könnte ich zum jetzigen Zeitpunkt nicht sagen, was wir in Paris zeigen können“, sagte Volocopter-Chef Hoke. Vor Ort würden noch viele Fragen diskutiert, etwa die Sicherheitsmaßnahmen der gesamten Veranstaltung.

Ehang darf in China schon kommerziell fliegen

Dazu gesellen sich Probleme, die zunächst weniger offensichtlich sind. „Eine unserer Flugstrecken führt in Richtung Versailles“, nennt Hoke ein Beispiel: „Dort finden die Pferdewettkämpfe statt, und man will wegen der Tiere am liebsten überhaupt keinen Flugverkehr.“

Etwas einfacher haben es hier offensichtlich Flugtaxifirmen in China. So hat das dortige Start-up Ehang im vergangenen Oktober von den Behörden sogar die Zulassung für erste kommerzielle Flüge ohne Pilot bekommen. Zum Einsatz kommt der autonom fliegende Zweisitzer EH216-S.

Trotz solcher Nachrichten sieht Hoke Volocopter weiterhin als führend. Zwar fehle noch Geld bis zu einem möglichen Börsengang, der wichtig sei, um die nächsten Wachstumsschritte zu finanzieren, so der Manager: „Aber wir sind sowohl bei der Zeit als auch beim Geld so nah an einer Zertifizierung wie kein anderes Unternehmen. Wir sind bisher mit extrem wenig Geld ausgekommen.“

Volocopter hat seit 2019 die Zertifizierung für die Entwicklung und das Design von elektrischen Senkrechtstartern. Vor wenigen Tagen folgten die Zulassungen für die Ausbildung von Piloten und die Serienfertigung. „Wir sind kurz davor, die Zulassung als Flugbetrieb, das sogenannte AOC, zu bekommen“, so Hoke.

Dann fehle nur noch die Typzertifizierung für den Volocity. „Auch da sind wir auf einem guten Weg. Wir haben bereits viele unbemannte Flüge gemacht, und wir starten jetzt mit den bemannten Flügen, die notwendig sind“, sagte der Manager.

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Abspielen 52:13

Sicherheitsstandards wie bei Verkehrsflugzeugen

Ein kommerziell betriebenes Flugtaxi muss im Prinzip dieselben Sicherheitsanforderungen erfüllen wie ein Passagierjet von Airbus. Alle kritischen Systeme müssen redundant ausgelegt sein. Volocopter nutzt laut Hoke zum Beispiel als einziger Hersteller einen Motor mit Doppelschaft. „Eine zweite Welle ummantelt die erste. Fällt eine aus, hält der zweite Schaft den Rotor in Position.

Heikel sind auch die Akkus an Bord. So musste Volocopter nachweisen, dass die eingesetzten Batterien sicher sind. „Sollte eine Zelle dennoch defekt sein, kommt es nicht zu einer Kettenreaktion, so Hoke.

Die zuletzt merklich eingetrübte Stimmung der Investoren gegenüber Flugtaxi-Start-ups hat sich wieder deutlich verbessert. Das Vertrauen, dass sich mit den fliegenden Taxis bald Geld verdienen lässt, scheint gewachsen zu sein. Das zeigt sich an den Aktienkursen der börsennotierten Firmen.

28
Prozent
legte die Aktie des Volocopter-Rivalen Lilium in den zurückliegenden zwölf Monaten zu.

Das Papier des deutschen Volocopter-Rivalen Lilium legte in den vergangenen zwölf Monaten 28 Prozent zu. Bei der US-Firma Archer Aviation verdoppelte sich der Kurs in dieser Zeit sogar, bei Joby Aviation betrug das Plus knapp 40 Prozent. Die an der US-Technologiebörse Nasdaq notierte chinesische Ehang verbesserte ihren Kurs um 63 Prozent.

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Dagegen brach die Aktie von Vertical Aerospace aus Großbritannien um 55 Prozent ein. Das zeigt: Die Investoren schauen sich sehr genau an, wie kurz die Firmen vor einem kommerziellen Flugbetrieb stehen. Vertical verlor während eines Testflugs im vergangenen August einen von zwei Demonstratoren. Zwar will die Firma die Tests mit dem zweiten Modell fortsetzen und hält am Plan fest, 2026 die Zulassung zu bekommen. Doch Investoren scheinen da mittlerweile skeptisch zu sein.

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