Ukraine-Krieg: Hugo Boss verkauft Russland-Geschäft – Großhandelskunden werden weiter beliefert
Düsseldorf, Moskau. Der Modekonzern Hugo Boss hat einen Käufer für seine russische Tochtergesellschaft gefunden. Das bestätigte eine Sprecherin des Luxuslabels am Mittwoch auf Handelsblatt-Anfrage. Zuvor hatte die russische Agentur Interfax darüber berichtet. Europäische Behörden müssen dem Deal noch zustimmen.
Hugo Boss hatte nach eigenen Angaben kurz nach Beginn des russischen Angriffskriegs in der Ukraine zunächst seine zwölf eigenen Filialen geschlossen und auch alle Onlineverkäufe gestoppt. Fast zwei Jahre später hat sich der Metzinger Konzern nun zum Rückzug aus Russland entschieden und sein eigenes Geschäft dort komplett veräußert.
Noch Anfang April hatte Hugo Boss auf Handelsblatt-Anfrage angegeben, prüfen zu wollen, „wie wir langfristig mit unserem Russlandgeschäft umgehen“. Hintergrund war die anhaltende Kritik an der Tatsache, dass Hugo Boss zwar keine eigenen Geschäfte mehr in Russland unterhält, dessen Produkte in dem Land aber weiter über Großhändler erhältlich sind.
Knauf gibt Geschäft mit 14 Werken auf
Mit Hugo Boss zieht sich jetzt innerhalb weniger Tage ein weiteres deutsches Unternehmen aus dem Land zurück. Erst am Montag hatte der Baustoffhersteller Knauf bekannt gegeben, den russischen Markt komplett aufgeben zu wollen. Das fränkische Familienunternehmen beschäftigt in Russland 4000 Mitarbeitende in 14 Werken.
Zwei derartige Meldungen innerhalb weniger Tage erscheinen auffällig. Allerdings sehen die Russlandexperten der Beratung Rödl & Partner gerade keinen Trend zu vermehrten Exits aus Russland. Über zwei Jahre nach Beginn des Ukrainekriegs sind nach Schätzungen von Fachleuten noch bis zu 80 Prozent der westlichen Firmen, die vor Kriegsbeginn in Russland tätig waren, in dem Land teilweise oder ganz aktiv.
Das liegt daran, dass manche Firmen bewusst an ihrem Engagement in dem Land festhalten. Andere haben sich noch nicht zurückgezogen, weil der Kreml den Rückzug zusehends erschwert und Firmen teilweise hohe Verluste in Kauf nehmen müssten.
Langjähriger Partner kauft Geschäft von Hugo Boss
Käufer der russischen Niederlassung von Hugo Boss ist der Einzelhändler Stockmann JSC. Das 1862 gegründete Unternehmen, das auch Kaufhäuser in Lettland und Estland betreibt, hatte seine Russlandaktivitäten 2015 an den russischen Investor Reviva Holdings verkauft. Die Kaufhäuser operieren aber bis heute noch unter demselben Namen. Generaldirektor der Stockmann-Häuser in Russland ist der russische Geschäftsmann Gennadij Lewkin.
Stockmann ist ein langjähriger Großhandelspartner von Hugo Boss. Zum Kaufpreis machte der Modekonzern keine Angaben. Häufig trennen sich westliche Unternehmen von ihren Firmen und Beteiligungen in Russland zu einem symbolischen Preis, der weit unter dem eigentlichen Firmenwert liegt.
„Die Entscheidung für den Verkauf an Stockmann wurde unter anderem durch die Tatsache geleitet, dass alle derzeit in Russland tätigen Mitarbeitenden von Hugo Boss ihre Arbeitsplätze zukünftig behalten können“, sagte ein Sprecherin. Dies war für die russische Verwaltung eine Bedingung für den Deal, schreibt auch die Agentur Interfax. Es gehe dabei um rund 100 Beschäftigte, teilte Hugo Boss dem Handelsblatt mit.
Weiter Produkte von Hugo Boss in Russland erhältlich
Trotz des Verkaufs ist Hugo Boss weiter indirekt in Russland aktiv, weil das Luxuslabel weiter Großhandelspartner beliefert. So ist zu erklären, dass etwa im Moskauer Kaufhaus Afimall City eine Boutique mit großem Hugo-Boss-Logo geöffnet ist.
Das scheint sich für Boss finanziell zu lohnen: Recherchen der Zeitung „Die Zeit“ auf Grundlage von russischen Zolldaten zeigten erst im vergangenen Sommer, dass die Firma im ersten Jahr nach Kriegsbeginn mehr Produkte nach Russland verschickte als in dem Zeitraum zuvor. Insgesamt schaffte der Damen- und Herrenausstatter im vergangenen Jahr dort Bestmarken bei Umsatz und Gewinn.
„Was das Großhandelsgeschäft anbelangt, so erfüllen wir aktuell unsere vertraglichen Verpflichtungen gegenüber unseren Partnern – unter Einhaltung aller bestehenden EU-Sanktionen“, verteidigte sich Hugo-Boss-Chef Daniel Grieder zuletzt im Handelsblatt-Interview.
Das Handelsblatt hatte in einer Recherche Anfang April darüber berichtet, dass Waren vieler europäischer Luxuskonzerne in Kaufhäusern in Moskau zum Verkauf angeboten werden, darunter auch welche von Hugo Boss.
Dabei ist die Lieferung von Luxusartikeln mit einem Ausfuhrwert von über 300 Euro durch europäische Sanktionen untersagt. Diese gelangen laut Experten oft über Drittstaaten wie die Vereinigten Arabischen Emirate, die Türkei oder Kirgisistan nach Russland. Hiesige Luxusfirmen könnten dabei gegen EU-Sanktionen verstoßen, im besten Fall unwissentlich.
Öffentlicher Druck könnte zu Rückzug geführt haben
Womöglich hat öffentlicher Druck dazu geführt, dass westliche Firmen ihr Engagement in Russland überdenken. Gerade Luxuslabels müssen laut Experten einen Reputationsschaden in westlichen Ländern fürchten, wenn sie an ihrem Russlandgeschäft festhalten.
Anfang April war auch Knauf wegen seiner Russlandgeschäfte erneut in die Kritik geraten. In einem Bericht des ARD-Magazins „Monitor“ hatten Reporter auf Gipssäcken im von Russland besetzten ukrainischen Mariupol den Namen Knauf entdeckt.
Das Unternehmen betonte daraufhin, seit Februar 2022 keine Waren mehr nach Russland zu liefern und auch nichts mehr aus Russland zu exportieren. Knauf liefere aus der EU auch keine Baustoffe nach Mariupol.
Wiederholt hatte Knauf in den vergangenen Monaten betont, sich für den Verbleib im russischen Markt entschieden zu haben – „denn wir möchten insbesondere in der gegenwärtigen Situation unsere langjährigen Beschäftigten nicht in die berufliche Unsicherheit entlassen“.
Nun vollzieht der Konzern die Kehrtwende. Knauf war 30 Jahre lang in Russland tätig gewesen. Der Rückzug eines so großen Konzerns gilt als komplex, auch weil inzwischen einige Rechtsberater das Land verlassen haben.