Ukraine-Krieg: Baustoffhersteller Knauf zieht sich aus Russland zurück
Düsseldorf. Der Baustoffhersteller Knauf will sich komplett vom russischen Markt zurückziehen. Der Familienkonzern aus dem fränkischen Iphofen bestätigte dies am Montag dem Handelsblatt: „Die Knauf Gruppe hat vor dem Hintergrund der aktuellen Entwicklungen entschieden, sich nach mehr als 30 Jahren in Russland von ihrem dortigen Geschäft zu trennen.“
Es sei „der Wunsch des Unternehmens, das gesamte Geschäft in Russland inklusive Rohstoffgewinnung, der Produktion und des Vertriebs auf das lokale Management zu übertragen, um die Arbeitsplätze der mehr als 4000 Mitarbeiter auch in Zukunft zu erhalten“, teilte das Unternehmen weiter mit.
Die geplante Transaktion stehe unter dem Vorbehalt der Genehmigung durch die zuständigen Behörden in Russland. Gründe für die Beendigung des Russlandgeschäfts nannte die Gruppe nicht. Zuvor hatte „Business Insider“ darüber berichtet.
Bei einer Anfrage des Handelsblatts Ende Januar anlässlich von zwei Jahren Angriffskrieg Russlands in der Ukraine zum Verbleib in Russland hatte das Unternehmen noch mitgeteilt: „Wir haben uns bis auf Weiteres für den Verbleib im russischen Markt entschieden, denn wir möchten insbesondere in der gegenwärtigen Situation unserer Verantwortung als Familienunternehmen gerecht werden und unsere langjährigen Beschäftigten nicht in die berufliche Unsicherheit entlassen.“ Damals verwies das Unternehmen auch auf die lokale Struktur und die lokale Produktion für lokale Märkte.
Zudem gehe es bei Knauf um Rohstoffvorkommen, die nicht wieder hergestellt werden könnten. Deshalb sei die Situation des Familienunternehmens „in keiner Weise vergleichbar mit der von Unternehmen, die lediglich Vertriebsbüros schließen oder Warenlieferungen nach Russland einstellen“. Knauf beschäftigt bislang in Russland 4000 Mitarbeitende in 14 Werken.
Nun vollzieht der Familienkonzern, der 2022 mit rund 15,4 Milliarden Euro Umsatz zu den größten Baustoffherstellern weltweit zählt, eine Kehrtwende.
Der Rückzug ist vergleichsweise schwierig, weil inzwischen auch einige Rechtsberater das Land verlassen haben, etwa Rödl und Partner. Das Unternehmen hatte mit Hinweis auf die in Russland benötigte Rechtsberatung vieler westlicher Unternehmen zunächst weiter seine Leistungen angeboten.
Tanja Galander, Russlandexpertin bei der Kanzlei Graf von Westphalen, erklärt das Problem: „Wer sich jetzt von einem russischen Tochterunternehmen trennen will, wird dafür ein bis eineinhalb Jahre Zeit benötigen, in schwierigen Fällen auch länger.“
Neben einem niedrigen Kaufpreis ist die sogenannte „Putin-Steuer“, die Unternehmen, die sich aus Russland zurückziehen wollen, auf den Kaufpreis bezahlen, immer weiter angestiegen. Sie soll inzwischen bei rund 20 Prozent liegen.
Im April war Knauf wegen seiner Russlandgeschäfte erneut in die Kritik geraten. In einem Bericht des ARD-Magazins „Monitor“ hatten Reporter auf Gipssäcken in Mariupol den Namen Knauf entdeckt.
Das Unternehmen betonte daraufhin, seit Februar 2022 keine Waren mehr nach Russland zu liefern und auch nichts mehr aus Russland zu exportieren. Knauf liefere aus der EU auch keine Baustoffe nach Mariupol.
In einer Stellungnahme zu dem ARD-Bericht hieß es, Knauf verurteile den Angriffskrieg gegen die Ukraine und befolge sämtliche Sanktionen der EU, Großbritanniens und der USA gegen Russland. „Wir weisen den Vorwurf, das nicht zu tun, aufs Schärfste zurück.“
Knauf produziert Baustoffe
Das Familienunternehmen produziere Baustoffe, sei aber nicht als Bauherr oder Investor an Bauvorhaben beteiligt. „Knauf unterhält keine direkten Lieferverträge zu Verbrauchern oder Verarbeitern von Knauf-Produkten in Russland. Unsere Produkte gelangen dort über viele verschiedene, von Knauf unabhängige Händler zu den Endkunden. Wir haben keinen Einfluss darauf, wie und wo die Endkunden unsere Produkte verwenden.“
Knauf ist auch nach wie vor in der Ukraine aktiv. Das Unternehmen hat zu Kriegsbeginn umgehend alle Mitarbeiter seines größten Werks in Soledar im Donbass in Sicherheit gebracht, die Umzüge für rund 200 Familien von Bachmut nach Kiew organisiert und ihnen eine Unterkunft zur Verfügung gestellt. Das Werk Soledar, in das Knauf rund 200 Millionen Euro investiert hat, wurde im Laufe der Kriegshandlungen vollständig zerstört.
Danach habe Knauf wieder in der Ukraine investiert und ein bereits stillgelegtes Werk in Kiew erneut in Betrieb genommen und erweitert. Das Ziel: den 450 Mitarbeitenden Arbeit zu geben und die lokale Versorgung mit Baustoffen zu sichern. Derzeit plant Knauf die Errichtung eines neuen Werks im Westen der Ukraine.
Das Unternehmen, das sich komplett im Besitz der Familie Knauf befindet, ist in über 90 Ländern vertreten und betreibt nach eigenen Angaben mehr als 300 Werke mit rund 40.000 Beschäftigten auf allen fünf Kontinenten.
Derzeit wird das Unternehmen von Uwe Knotzer, Jörg Kampmeier und Alexander Knauf als Sprecher der geschäftsführenden Gesellschafter geführt. Alexander ist Sohn von Baldwin Knauf, der von 1980 bis 2008 die Geschicke des Unternehmens gemeinsam mit seinem Cousin Nikolaus geführt hatte.
In den 1990er-Jahren expandierte das Unternehmen stark nach Russland. In der Zeit von 1993 bis 2003 erwarb Knauf 14 Unternehmensbeteiligungen in Russland und war somit nach Siemens zweitgrößter Investor dort. Noch heute arbeiten zehn Prozent der Mitarbeitenden dort.
Darüber hinaus war Nikolaus Knauf von 1999 bis Anfang März 2022 Honorarkonsul von Russland.