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Interview Müller-Chef Günther Helm: Drogeriekette plant Onlinelieferdienst

Der neue Chef baut Müller um. Er will Zukäufe tätigen, das Traditionsunternehmen wie ein agiles Start-up führen – und im E-Commerce zulegen.
07.09.2020 - 04:00 Uhr Kommentieren
Günther Helm: Drogeriekette Müller plant Onlinelieferdienst Quelle: Stephan Pick
Günther Helm

Der Müller-Chef plant neue Filialen in Fachmarktzentren, aber auch in der Innenstadt.

(Foto: Stephan Pick)

Düsseldorf Vor gut einem Jahr hat sich der 87-jährige Drogerie-Unternehmer Erwin Müller einen Nachfolger in die Geschäftsführung geholt: Günther Helm. Der Topmanager kam von der österreichischen Aldi-Tochter Hofer. Er soll nun gemeinsam mit dem Patriarchen das Müller-Imperium modernisieren und das bisher stark auf das stationäre Geschäft fokussierte Unternehmen für die digitale Zukunft fit machen.

Und Helm legt bei der Digitalisierung ein hohes Tempo vor: Geplant ist die Einführung eines Onlineshops mit Lieferdienst, wie Günther Helm im Interview mit dem Handelsblatt ankündigt: „Wir werden die ganze Bandbreite abdecken, und dazu gehört auch ein Lieferdienst.“

Vor wenigen Monaten hat Helm schon eine Müller-App eingeführt, die bereits von einer halben Million Kunden genutzt wird. Per Click & Collect können Kunden jetzt online bestellte Waren in den Filialen abholen.

Im vergangenen Jahr hatte sich Müller bereits an der österreichischen Onlinehandelsplattform Nice Shops beteiligt. Und Helm plant, weitere Onlineunternehmen zu kaufen. „Ja, wir wollen uns da weiterentwickeln“, sagt der Müller-Chef. Es sei gut, „Schnellboote zu haben, in denen man Probleme viel schneller lösen kann als in einem Konzern“.

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    Doch auch in den Innenstädten will Helm im In- und Ausland weiter expandieren. „Ja, wir werden weiter wachsen – mit neuen Filialen in Fachmarktzentren, aber auch in der Innenstadt, an die wir mit Überzeugung glauben“, sagt er: „Und wenn jetzt attraktive Flächen in den Städten frei werden, wollen wir davon profitieren.“

    Lesen Sie hier das komplette Interview

    Herr Helm, wie ist das Unternehmen Müller durch die Coronakrise gekommen?
    Der Shutdown war natürlich für alle eine extreme Herausforderung. Aber wir sind sehr gut durch die Krise gekommen, und unser Umsatz ist praktisch bereits wieder auf dem Vorjahresniveau. Das zeigt, welch tolle Arbeit alle Mitarbeiter bei uns geleistet haben, denn auch wir mussten ja in der Coronakrise zumindest Teilflächen auf behördliche Anordnung hin schließen.

    Es gab ja auch Streit darum, wann welches Geschäft wieder öffnen durfte.
    Absolut, es war sehr wichtig, die Flächen wieder zurückzugewinnen. Wir hatten mit sehr unterschiedlichen Regelungen von Bund, Ländern und Gemeinden zu kämpfen. Deshalb mussten wir für jede Filiale einzeln verhandeln und klarmachen, dass die Menschen in dieser Zeit ja nicht nur Drogerieartikel brauchten, sondern beispielsweise auch Schreibwaren oder Spielwaren für die Kinder.

    Haben Sie die Politik da eher als bremsend oder als kooperativ erlebt?
    Ich hatte das Glück, mir in dieser kurzen Zeit ein Netzwerk aufbauen zu können, für das man sonst vielleicht zehn Jahre braucht. Da ist die Politik sehr aktiv und ein guter Partner gewesen, um das alles zu stemmen. Abgesehen von Einzelfällen hat das gut funktioniert.

    Heißt das, dass für Sie jetzt schon wieder alles wie vorher läuft?
    Die Krise ist noch nicht vorbei. Sie kostet Geld, nicht nur für flächendeckende Hygienemaßnahmen. Aber auf der Umsatzseite haben wir praktisch alle Einbußen bereits kompensieren können. Es bestätigt sich, dass sich alle Maßnahmen, die wir vor der Coronakrise schon getroffen haben, etwa in der Digitalisierung, auszahlen.

    Welche Maßnahmen haben Sie in der Coronakrise ergriffen?
    Wir haben die ganze Bandbreite der Möglichkeiten genutzt, nach langer Überlegung haben wir auch Kurzarbeit eingesetzt. Da muss man auch der Regierung danken, dass das so möglich war, weil das für Unternehmen in solchen schwierigen Situationen eine große Hilfe ist. Das ist ein echter Standortfaktor für Deutschland.

    Sie haben aber auch Mitarbeiter entlassen, in dem von Müller übernommenen Kaufhaus Abt in Ulm. Wäre das nicht auch mit Kurzarbeit zu regeln gewesen?
    Das hatte nichts mit der Coronakrise zu tun. Es war ohnehin geplant, dieses Kaufhaus zu restrukturieren.

    Rossmann & dm: Drogerie Müller startet Aufholjagd unter neuem Chef Quelle: imago/Eibner
    Müller-Filiale

    Das stark auf den stationären Handel ausgerichtete Geschäft der Kette soll insgesamt digitaler werden.

    (Foto: imago/Eibner)

    Was haben Sie persönlich gelernt aus dieser turbulenten Zeit?
    Die Krise hat gezeigt, welch hervorragender Spirit im Unternehmen herrscht und wie alle mit angepackt haben. Das war auch für mich eine intensive Erfahrung, denn sie zeigt, wer auf hoher See, wenn ihm sozusagen der Sturm ins Gesicht bläst, am Steuer führen kann – und wer nicht. Herr Müller war jeden Tag an vorderster Front. Das war ein tolles Erlebnis, das uns ganz stark zusammengeschweißt hat.

    Was hat Sie denn überhaupt daran gereizt, im vergangenen Jahr von Aldi zu Müller zu wechseln?
    Es ist eine fantastische Marke, die Herr Müller hier über Jahrzehnte aufgebaut hat. Eine Erfolgsgeschichte, die dieser Mann geschrieben hat, die mich unglaublich fasziniert. Müller hat den Charme und den Spirit eines Familienunternehmens, gepaart mit der Relevanz eines Konzerns. Das gibt es so kein zweites Mal. Die Chance, so einen Erfolg nicht nur zu verwalten, sondern unternehmerisch weiterzuentwickeln angesichts der Herausforderung der Digitalisierung, das hat mich gereizt.

    Wie kam der Kontakt zu Herrn Müller zustande?
    Der erste Kontakt zum Unternehmen Müller kam, als wir mit Aldi Süd nach Italien expandiert sind und wir nach Partnern gesucht haben, die das mit uns gemeinsam machen. Aus einer Partnerschaft ist damals nichts geworden, aber der Kontakt ist danach nicht abgerissen.

    Hatten Sie keine Bedenken? Schließlich haben einige Zeit lang die Topmanager bei Müller sehr rasch gewechselt.
    Natürlich habe ich ein sicheres Umfeld, die Komfortzone sozusagen, verlassen. Aber das heißt für mich eben Unternehmertum. Ich will machen, entwickeln und vorantreiben. In Herrn Müller habe ich jemanden gefunden, der genauso denkt. Der das jeden Tag lebt. Ich lerne täglich von ihm.

    Ist es wichtig, dass Sie sich persönlich gut verstehen?
    Es ist doch bei jedem Menschen wichtig, dass man in einem Team arbeitet, in dem man mit dem anderen gut kann. Wir sitzen jeden Tag zusammen und reden über das Geschäft und über Strategien. Es ist vielleicht ein glücklicher Zufall, dass sich unsere beiden Charaktere gut ergänzen. Und uns ist beiden klar, dass die einzige Konstante im Handel die Veränderung ist – und das erleben wir jetzt mit der Digitalisierung wieder ganz deutlich.

    Wie viel Freiheiten gewährt Ihnen der Eigentümer?
    Ich habe alle Freiheiten, die ich brauche. Der Grund, warum ich zu Müller gegangen bin, ist doch, unternehmerisch, gestalterisch tätig zu werden. Und genau das tritt jetzt ein. Die Organisation verändert sich, und er lässt das nicht nur zu, er fordert es auch ein.

    Geben Sie mal ein Beispiel.
    Nehmen Sie die neue Müller-App: Wir haben Ende Mai in Österreich begonnen, Ende Juni dann in Deutschland, und wir haben jetzt schon fast eine halbe Million App-User. Das ist ein riesiger Erfolg. Für diese Dinge begeistert sich Herr Müller extrem. Er will die Transformation. Digitalisierung ist für uns eine riesige Chance.

    Sie haben viele neue, branchenfremde Manager geholt. Muten Sie dem Traditionsunternehmen Müller und seinen langjährigen Mitarbeitern da nicht viel zu?
    Das funktioniert sehr gut, indem man Betroffene zu Beteiligten macht. Man muss als Führungskraft gut zuhören, wichtig ist, dass man gestalten will. Beratungsfirmen suchen bewusst aus ganz verschiedenen Fachgebieten Menschen, weil diese Vielfalt bereichert. Und so ist das bei uns auch.

    Brechen Sie da jetzt etwas auf?
    Das Unternehmen war auch schon offen für Neues, bevor ich gekommen bin. Nehmen Sie zum Beispiel die Beteiligung an Nice Shops. Der Onlinehändler ist so was wie ein österreichisches Amazon. Das ist ein klassisches Wachstumsunternehmen mit vielen kleinen Nischenshops, legt jedes Jahr 50 Prozent zu und liegt jetzt bei einem Umsatz von 100 Millionen. Das ist für Müller ein toller Inkubator, von dem wir viel lernen können, wie man Dinge anders machen kann.

    Wollen Sie weitere Onlineunternehmen kaufen?
    Ja, wir wollen uns da weiterentwickeln. Es ist gut, Schnellboote zu haben, in denen man Probleme viel schneller lösen kann als in einem Konzern.

    Grafik

    Wie stellen Sie sich die weitere Entwicklung im Onlinebereich vor?
    Im Fokus stehen immer die Kunden. Der stationäre Handel bleibt wichtig, hier erleben die Kunden die Marke direkt und anfassbar. Dieser kann aber künftig nur funktionieren in Kombination mit einer intelligenten Onlinelösung. Es wird unsere Aufgabe als Händler sein, dem Kunden ein komfortables Einkaufserlebnis zu bieten – egal über welchen Kanal.

    Das heißt, Sie wollen künftig auch einen Lieferdienst anbieten?
    Ganz klar, das ist unser Ziel. Wir haben mit sehr hoher Geschwindigkeit das entwickelt, was wir jetzt haben. Aber da dürfen wir nicht stehen bleiben. Wir werden die ganze Bandbreite abdecken und dazu gehört auch ein Lieferdienst.

    Gerade Drogeriehändler klagen, dass der Lieferdienst nur schwer profitabel darzustellen ist. Sehen Sie diese Gefahr auch?
    Klagen hilft nicht, wir müssen machen. Wir sind bei Müller so gestrickt, lieber das Machbare sofort als das Optimum zu spät zu tun. Es gibt jetzt noch nicht die perfekte Lösung, aber wir gehen die Dinge Schritt für Schritt an. Wir brauchen die beste, komfortabelste Lösung für die Kunden. Ich glaube zutiefst, dass das machbar ist.

    Wird das Traditionsunternehmen Müller etwa jetzt ein agiles Start-up?
    Das war schon immer so. Müller hat sich immer verändert, wenn es notwendig war, das war stets der Geist des Unternehmens.

    Aber das Tempo hat schon zugenommen, seit Sie da sind.
    Das hängt nicht an meiner Person. Wir treiben im Team die Themen gemeinsam nach vorn. Hier sind die Entscheidungswege einfach kürzer als in einem Konzern, hier gibt es einen Eigentümer, der sagt: ,Das machen wir jetzt so.' Das ist der Charme eines Familienunternehmens. Und wenn etwas dann doch nicht funktionieren sollte, dann ändern wir den Weg im Gehen.

    Wie gut funktioniert eigentlich „Click und Collect“, also die Abholung von Onlinebestellungen im Geschäft, die Sie eingeführt haben?
    Wenn man „Click und Collect“ als Filiale betrachtet, und das tun wir, dann kann man sagen, dass es eine unserer erfolgreichsten Filialen ist.

    Bieten Sie das im kompletten Netz an?
    Ja, das machen wir in allen Filialen. Bei Müller haben wir ein extrem heterogenes Filialnetz mit Geschäften zwischen 120 und 4000 Quadratmetern und einem sehr unterschiedlichen, lokal angepassten Sortiment. Der besondere Charme ist, dass „Click und Collect“ sämtliche 190.000 Artikel flächendeckend bietet – unabhängig von der Größe der örtlichen Filiale – eine perfekte Ergänzung.

    Heißt das dann, dass Sie das künftige Wachstum eher online erreichen wollen als über neue stationäre Geschäfte? Man hat doch ohnehin schon den Eindruck, dass es an jeder Ecke eine Drogerie gibt.
    Da muss ich eins klarstellen: Müller ist viel mehr als ein Drogeriehändler, wir haben ein viel breiteres Sortiment. Wir passen in keine Schublade. Drogerie ist unser Kern, das ist richtig, aber wir stimmen unser Sortiment immer individuell auf den Standort ab, ein bisschen so wie ein Chamäleon des Handels. Schreibwaren, Parfümerie, Spielwaren. Das bietet so niemand außer uns. Das Potenzial für uns ist groß.

    Das heißt, Sie wollen weiter neue Geschäfte eröffnen?
    Ja, wir werden weiter wachsen – mit neuen Filialen in Fachmarktzentren, aber auch in der Innenstadt, an die wir mit Überzeugung glauben. Menschen sind soziale Wesen. Oftmals erkennt man erst im Verlust den wahren Wert einer Sache. Und in der Coronazeit haben die Leute eines vermisst: den sozialen Kontakt. Deswegen wird auch das Shopping in der Innenstadt wiederkommen. Und wenn jetzt attraktive Flächen in den Städten frei werden, wollen wir davon profitieren.

    Planen Sie Expansion auch im europäischen Ausland?
    Wir wollen nicht nur in Deutschland wachsen, sondern auch in der Schweiz und in Österreich, auch in Slowenien, Kroatien, Ungarn und Spanien. Wir schöpfen in allen unseren Bestandsmärkten bei Weitem noch nicht den Markt ab, den wir abschöpfen könnten.

    Nehmen Sie auch neue Länder in den Fokus?
    Wir analysieren auch neue Märkte, aber wir sind in der Beziehung ein konservatives Unternehmen und machen Dinge erst, bevor wir darüber sprechen. Im Blick haben wir ganz Europa. Wir fahren jetzt schon mit Lkws nach Mallorca, und wenn Sie diesen Radius nehmen, dann können Sie Ihre Fantasie spielen lassen.

    Noch ist der Eigentümer jeden Tag im Tagesgeschäft aktiv, aber er ist auch schon 88 Jahre. Wie hat er die Zukunft des Unternehmens geregelt?
    Herr Müller hat unternehmerisch noch viel vor. Aber seien Sie unbesorgt, es ist alles geregelt.

    Herr Helm, vielen Dank für das Interview.

    Mehr: Müller Drogerie startet Aufholjagd auf DM und Rossmann.

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