Landwirte: „Wir brauchen zehn Cent Gewinn pro Kilo Milch“
Milchviehhalter können durch den Preisverfall nicht mehr kostendeckend wirtschaften und geraten in Existenznot.
Foto: edp, dpa [M]Rupelrath. „Uns Milchbauern steht die Milch buchstäblich bis zum Hals“, klagt Landwirt Karl-Otto Dickhoven. Der 70-Jährige betreibt mit seinem Sohn Martin im Bergischen Land einen Milchhof. In vierter Generation hält die Familie in Rupelrath 230 Milchkühe im offenen Stall, züchtet Kälber und baut auf 260 Hektar Futter an. „Seit dem Ukrainekrieg fahren die Milchpreise Achterbahn“, erzählt der Milchbauer, während er seine Holsteiner Friesen mit Gras-Silage füttert.
Der Krieg hat den globalen Milchmarkt verunsichert, die Preise kletterten bis Jahresende auf ein Rekordhoch. 2022 verdienten Dickhovens erstmals seit vielen Jahren gutes Geld.
Was die Milchviehhalter freute, spürten die Verbraucher schmerzlich: Sie zahlten laut Statistischem Bundesamt fast 20 Prozent mehr für Milch, knapp 40 Prozent mehr für Butter und 50 Prozent mehr für Schnittkäse. „Wegen der guten Preise haben die Bauern mehr Milch produziert – und nun läuft der Milchmarkt über“, erklärt der Landwirt.
Die Folge: Die Erzeugerpreise für Milch sind seit Januar im freien Fall. Milchviehhalter können nicht mehr kostendeckend wirtschaften und geraten erneut in Existenznot. „Schon in den vier Wirtschaftsjahren vor dem kurzen Preishoch haben die meisten Milchbauern rote Zahlen geschrieben“, konstatiert Agrarexperte Klaus-Martin Fischer von der Beratung Ebner Stolz.
„Wir stehen vor der vierten Milchmarktkrise in nur 15 Jahren“, warnt der Bundesverband Deutscher Milchviehhalter. Immer mehr frustrierte Bauern überlegen deshalb, aus dem Milchgeschäft auszusteigen. So auch Karl-Otto Dickhoven, der sagt: „Für 7000 Euro je Kuh steige ich aus.“
Milch: Quoten gegen Butterberge und Milchseen sind Geschichte
Die Milchbranche hat schon viele Krisen durchlebt. Milch überschwemmte auch vor 40 Jahren den Markt, als Dickhoven den Hof von seinen Eltern übernahm. Durch die Überproduktion entstanden die sprichwörtlichen Butterberge und Milchseen. 1984 führte die damalige Europäische Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) deshalb Milchquoten ein. Kontingente sollten den Milchbauern stabile Preise und Einkommen bringen.
„Als ich den Hof 1983 übernahm, dachte ich: Milch ist ein Metier mit Zukunft“, sagt der Milchbauer aus Rupelrath im Bergischen Land. Heute sieht er mit Milch wenig Perspektiven.
Foto: Handelsblatt / Terpitz„Damals mussten wir 20 unserer 80 Kühe abschaffen“, erzählt Dickhoven. „Letztlich haben wir aber mit 60 Milchkühen mehr verdient als mit 80.“ 2007 jedoch war der Markt plötzlich unterversorgt und die Preise schossen hoch. Es folgte eine schrittweise Liberalisierung. Seitdem wirken sich globale Schwankungen direkt auf die heimischen Milchpreise aus.
2015 schaffte die EU die Milchquoten ab. Die Milchmenge stieg und die Preise sanken. Fortan sah die deutsche Milchwirtschaft im Export die einzige Chance, mit kleinen Margen auf Dauer zu überleben. Rund die Hälfte der Milch, die in deutschen Molkereien verarbeitet wird, geht heute ins Ausland. „Der Milchmarkt ist seit Abschaffung der Milchquoten deutlich volatiler geworden“, heißt es beim Milchindustrie-Verband (MIV), der die Molkereien vertritt. „Wir sind viel abhängiger vom Export.“
In keinem Land der EU wird heute mehr Milch produziert als in Deutschland – 32,8 Millionen Tonnen waren es 2022, ermittelte die Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE). Eine Milliarde Liter Rohmilch kommen in diesem Jahr zu viel auf den Markt, schätzt der MIV. Aktuell werden rund 2,5 Prozent mehr Milch angeliefert als vor einem Jahr, konstatiert der Verband der Milchviehhalter. Die Nachfrage sei aber national wie global um fünf Prozent gesunken.
Die Milchviehhalter fordern deshalb lautstark eine befristete und freiwillige Reduzierung der Milchmenge – gegen Ausgleichszahlungen aus dem EU-Agrarkrisenfonds. Sechs bis zwölf Monate sollten die Preise so stabilisiert werden, statt „die Milch billigst auf dem Weltmarkt zu verschleudern“. 14 Cent für jeden nicht produzierten Liter Milch hält der oberste deutsche Milchviehhalter Karsten Hansen für angemessen – wie schon in der Milchkrise 2016 praktiziert. Bauer Dickhoven wäre sogar bereit, seine Milchkühe ganz abzuschaffen – wenn denn die Entschädigung stimmt.
Landwirte brauchen mindestens zehn Cent Gewinn pro Kilo Milch
Er rechnet vor: „Jahrelang hat unser Betrieb nur zwei bis drei Cent an einem Kilo Milch verdient, wenn überhaupt. Teilweise war es ein Verlustgeschäft.“ Durch die drei Milchkrisen der letzten 15 Jahren sind Hansen zufolge Milchviehhaltern rund 16,4 Milliarden Euro an Einkommen entgangen.
2021 bekamen Milchbauern laut BLE im Schnitt mehr als 36 Cent pro Kilo Rohmilch von den Molkereien gezahlt. Mit Kriegsausbruch aber stiegen die Kosten rapide. Teurer wurden nicht nur Diesel und Strom für Melkmaschinen, auch das wichtige Kraftfutter aus Rapsschrot und Getreide. Davon frisst jede von Dickhovens Kühen rund acht Kilo am Tag – neben 50 Kilo selbst gemachter Gras-Silage.
Wegen der hohen Kosten war der globale Milchmarkt zunächst unterversorgt, die Preise zogen kräftig an. Im November und Dezember zahlten deutsche Molkereien im Schnitt deutlich mehr als 61 Cent pro Kilo Milch. Erstmals seit 15 Jahren gab es für die meisten Milchbauern gewinnbringende Preise, sagt der Verband.
Etwa 200 Kälber züchtet der Hof Dickhoven im Jahr nach. Die männlichen Tiere werden verkauft, die weiblichen kalben nach rund zwei Jahren das erste Mal und geben dann Milch.
Foto: Handelsblatt / TerpitzAuch für Karl-Otto Dickhoven: „Für uns blieben trotz höherer Kosten unter dem Strich 20 Cent übrig.“ Das Geld investierte er sofort in neue Tröge und Melkmaschinen. Doch die Freude über vernünftige Gewinne währte nicht lange. Die inflationsgeplagten Verbraucher kauften weniger Butter, Milch und Käse. Mit der Nachfrage stürzten die Milchpreise ab. Der Handel hat kürzlich bereits massiv die Preise für Milchprodukte gesenkt. Bei Aldi kostet ein Liter frische Vollmilch der Eigenmarke nun statt 1,15 Euro nur noch 99 Cent.
Derzeit erhalten Milchbauern im Schnitt weniger als 40 Cent pro Kilo Milch – bei höheren Kosten als vor dem Ukrainekrieg. „Ein Milchpreis von 40 Cent wäre vor drei Jahren hervorragend gewesen“, meint Branchenexperte Fischer. Heute seien damit nicht einmal die Kosten von rund 43 Cent für Futter, Tierarzt und Ergänzung des Bestands gedeckt, klagt Hansen vom Verband. „Wir Milchbauern brauchen mindestens zehn Cent Gewinn pro Kilo Milch“, betont Dickhoven. „Schließlich müssen wir auch investieren.“
Milchbauer: „Ich dachte, Milch ist ein Metier mit Zukunft“
„Milch ist ein Metier mit Zukunft“, dachte Dickhoven, als er den Hof übernahm. Seine Großeltern konnten mit viel weniger Tieren noch gut die Familie ernähren. „Meine Mutter musste schon richtig malochen.“ Heute führt er mit seinem 39-jährigen Sohn, drei rumänischen Kräften und zwei Rentnern den Hof. Der Arbeitstag beginnt um sieben Uhr und endet um halb zehn abends – auch am Wochenende.
„Ich habe in meinem Leben so viel geschuftet, eigentlich müsste ich schon 120 Jahre alt sein“, scherzt der rüstige Senior. Alle zehn Minuten klingelt eins seiner beiden Handys: Hier eine Euterentzündung, da ist jemand mit dem Trecker liegen geblieben. Eigentlich wollte sich Dickhoven längst zur Ruhe setzen. „Aber von meiner kleinen Rente könnte ich nicht leben.“ Seine Zusatzaltersvorsorge ließ er in den Hof einfließen, weil die wirtschaftliche Lage der letzten zehn Jahre so kritisch war.
Viele Milchbauern geben auf oder finden keine Nachfolger. „Das liegt am schlechten Einkommen und der vielen Arbeit“, so Dickhoven. Im Jahr 2000 gab es noch 135.000 Betriebe, heute nur noch knapp 53.000. Trotz leicht sinkender Kuhbestände in Deutschland blieb die Milchmenge relativ stabil. Denn moderne Hochleistungsrassen geben mehr Milch: im Schnitt 8500 Kilo im Jahr, 2000 waren es noch 6122 Kilo.
„Politisch ist es gewollt, dass die Milchkuhbestände und somit die Milchmenge deutlich zurückgehen“, sagt Milchindustrie-Chef Stahl – und verweist auf die Nachhaltigkeitsstrategie von Bundeslandwirtschaftsminister Cem Özdemir (Grüne). Kühe gelten als „Klimakiller“, weil sie neben CO2 auch viel Methan produzieren.
Der Bauernhof befindet sich seit vier Generationen in Hand von Familie Dickhoven. Sie hat über die Jahre die Flächen der benachbarten Höfe, die aufgegeben haben, dazu gepachtet.
Foto: Handelsblatt / TerpitzDie globale Milchindustrie erzeugt 3,4 Prozent aller Treibhausgase – fast so viel wie Schiff- und Luftfahrt zusammen, ermittelte die Uno-Agrarorganisation FAO für 2015. Die externen Umweltkosten eingerechnet, müsste ein Liter Milch aus konventioneller Tierhaltung eigentlich 29 Cent teurer sein. Das ermittelte kürzlich das niederländische Wissenschaftsinstitut CE Delft.
Pflanzenmilch macht Kuhmilch Konkurrenz
Immer mehr Deutsche verzichten deshalb auf Milch von der Kuh. Schon heute hat pflanzliche Milch im deutschen Handel einen Marktanteil von 13 Prozent, so Marktforscher Nielsen IQ. Eine klimaschonende Produktion von naturidentischem Milchprotein ist heute in Bioreaktoren möglich. Die Präzisionsfermentation könnte Milchkühe sogar irgendwann überflüssig machen. Die wachsende Bedeutung von Nachhaltigkeit spürt auch Dickhoven schon länger. „Die Molkereien machen Druck, den CO2-Fußabdruck zu senken“, sagt der Landwirt und deutet auf seine Biogasanlage.
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All diese Unwägbarkeiten haben Dickhoven mürbe gemacht. Nun überlegt er, das Milchgeschäft dranzugeben. 70 Cent pro Liter Milch Ausstiegsprämie hält er für angemessen. Für jede seiner Kühe bekäme er dann 7000 Euro. „Damit hätte unser Hof sämtliche Investitionen abgegolten.“
Als Vorbild sieht er die Ausstiegsprämien für Tierhalter in den Niederlanden. 3000 Betriebe sollen Milchvieh-, Schweine- und Hühnerhaltung aus Klimaschutzgründen beenden. Die EU hat dafür jüngst 1,47 Milliarden Euro Entschädigung bereitgestellt. Auch Irland plant, bis 2025 rund 200.000 Kühe vorzeitig zum Schlachter zu bringen, um seine Klimaschutzziele zu erreichen. Pro Tier sind 3000 Euro Entschädigung im Gespräch.
Ohne Milchkühe würde Dickhoven seine Pferdehaltung ausbauen. 60 Pensionspferde hält er derzeit. „Die große Frage ist aber, wie wir dann unser Pachtland vernünftig nutzen.“ Auf dem Grünland ließe sich eiweißreicher Klee anbauen. Auf dem Ackerland könnte er sich Bio-Anbau durchaus vorstellen. Schließlich will die Regierung den Anteil der ökologisch bewirtschafteten Flächen bis 2030 von heute elf auf 30 Prozent erhöhen.
Aber um auf Bio-Pflanzen umzustellen, bräuchte Dickhoven nicht nur längerfristige Pachtverträge für sein Land. „Die Politik muss uns Bauern Perspektiven und Planungssicherheit geben. Damit wir auch ohne Milchkühe unser Auskommen haben.“
Erstpublikation: 26.06.2023, 18:34 Uhr.