Luftfahrt: Lufthansa sagt Teilverkauf der Technik ab
Mitarbeiter von Lufthansa-Technik: Über zwei Jahre prüfte das Management einen Teilverkauf der Tochter.
Foto: dpaFrankfurt. Die Lufthansa-Führung holt bei der Wartungstochter Lufthansa Technik nun doch keinen Investor ins Boot. Der Vorstand habe entschieden, die bisherigen Pläne für den Verkauf eines Minderheitsanteils an der Lufthansa Technik nicht weiterzuverfolgen, teilte das Unternehmen am Donnerstagvormittag mit. Die in den vergangenen Monaten entwickelten Wachstumspläne würden nun eigenständig umgesetzt.
Schon vor der Pandemie hatte die Lufthansa-Führung erste Überlegungen für einen Teilverkauf der Technik gestartet. Das Management um CEO Carsten Spohr will die Gruppe stärker auf den Transport von Passagieren und Waren konzentrieren. Mittlerweile wurde diese Strategie in mehreren Bereichen umgesetzt. So ist die Cateringtochter LSG Sky Chefs schon komplett verkauft, auch für den Geschäftsreise-Dienstleister Airplus hat der Konzern einen neuen Eigentümer gefunden.
Doch der mit Abstand „dickste Brocken“ bei dieser strategischen Konzentration, die Abgabe von bis zu 20 Prozent an Lufthansa Technik, wird nun nicht umgesetzt. Zuletzt war nur noch der Finanzinvestor Bain im Rennen. Dessen Chancen waren in Lufthansa- und Finanzkreisen noch im September als recht hoch bezeichnet worden.
Dass es nun anders kommt, hat mehrere Gründe. Der wohl wichtigste: Das Geschäft der Tochter läuft blendend. In den ersten neun Monaten dieses Jahres stieg der Umsatz um 20 Prozent auf 4,8 Milliarden Euro. Das bereinigte Betriebsergebnis legte von 429 auf 459 Millionen Euro zu – beides sind Rekordwerte.
Hinzu kommt: Bei Teilen der Lufthansa-Führung sollen die Bedenken gewachsen sein, ob eine Zusammenarbeit mit einem Finanzinvestor funktionieren würde. Spohr hatte stets drei Bedingungen genannt, die bei einem Teilverkauf erfüllt sein müssten: Neben einem angemessenen Preis müsse es strategische Impulse geben, und die Kultur müsse passen.
Mitspracherechte des möglichen Investors waren ein Thema
Vor allem die Frage, wie stark ein Investor bei der Technik mitreden darf, sei in den Gesprächen bis zuletzt ein Thema gewesen, heißt es im Umfeld von Lufthansa. Spohr hatte diesen Punkt kürzlich anhand des Triebwerksdesasters von Pratt & Whitney deutlich gemacht.
Das US-Unternehmen muss rund 3000 Motoren, die vor allem beim verbreiteten Airbus A320 zum Einsatz kommen, wegen Materialfehlern in die Werkstätten rufen. Der Andrang dort ist gewaltig, auch bei Lufthansa Technik. Bei der Frage, wer den nächsten Wartungstermin bekomme – ob eine Airline der Lufthansa-Gruppe oder ein externer Kunde –, werde allein danach entschieden, was für den Konzern das Beste sei, sagte Spohr: „Das ist auch einer der ganz schwierigen Punkte in den Verhandlungen mit einem potenziellen Investor für Lufthansa Technik, denn wir wollen diese Entscheidungshoheit weiter haben.“
Ob am Ende auch die Bewertung eine Rolle bei der Entscheidung gespielt hat, ist nicht klar. Lufthansa Technik wartet Verkehrsflugzeuge für viele Airlines weltweit. Das Unternehmen ist mit einem Umsatz von knapp 5,6 Milliarden Euro einer der größten Technik-Spezialisten in der Branche. Nach Informationen aus Finanzkreisen ist die Tochtergesellschaft sechs bis sieben Milliarden Euro wert.
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Die eigentlich gute Nachricht bringt aber ein Problem mit sich: Die gesamte Lufthansa-Gruppe ist derzeit an der Börse rund 9,6 Milliarden Euro wert. Ein Teilverkauf der Technik hätte zwar deutlich gemacht, dass die Einzelteile der Gruppe mehr wert sind. Gleichzeitig hätte das aber die Frage auf die Agenda gebracht, warum der Kapitalmarkt dem Kerngeschäft mit den Airlines so wenig zutraut. Viele Investoren kritisieren seit längerem die Komplexität des Konzerns mit sehr vielen Airlinemarken.
Angesichts all dieser Punkte wurde in den zurückliegenden Wochen bei Lufthansa intern immer offener die Frage diskutiert, warum man eine erfolgreiche Tochtergesellschaft wie die Technik zum Teil abgeben wolle. Auch Analysten hatten diese Frage zuletzt häufiger an das Management gerichtet. An der Börse wurde die Nachricht vom gestoppten Verkauf denn auch gelassen aufgenommen. Die Lufthansa-Aktie verlor nur leicht an Wert.
Die Lufthansa-Führung hatte stets betont, noch in diesem Jahr über die Technik zu entscheiden. Doch die Zeit dafür wurde knapp: Am kommenden Dienstag kommt der Aufsichtsrat des Konzerns zu seiner letzten regulären Sitzung des Jahres zusammen. Eine Beschlussvorlage des Vorstands in Sachen Technik gibt es aber für das Treffen nach Informationen aus dem Umfeld des Gremiums nicht. Die Kontrolleure hätten also gar nicht über einen Verkauf abstimmen können.