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Modebranche Hunderte Textilfabriken sind in ihrer Existenz gefährdet

Westliche Modefirmen stornieren im großen Stil Aufträge. Viele Beschäftigte in Textilfabriken haben bereits ihren Job verloren.
02.06.2020 - 04:00 Uhr Kommentieren
Modebranche: Textilfabriken wegen der Corona-Pandemie in ihrer Existenz gefährdet Quelle: NurPhoto/Getty Images
Näherin in Bangladesch

Die Krise der Modebranche wirkt sich zunehmend auch auf die Zulieferbetriebe in Asien aus.

(Foto: NurPhoto/Getty Images)

Düsseldorf, München Mark Langer hatte eine unangenehme Botschaft für seine Aktionäre. Der Hugo-Boss-Chef musste ihnen auf der Hauptversammlung am 27. Mai klarmachen, dass sie nur eine Mini-Dividende erhalten: die gesetzliche Mindestausschüttung für die Namensstammaktie von 0,04 Euro je Aktie. So will Langer die schwäbische Herrenmodemarke durch die Coronakrise bringen.

Gisela Burckhardt hält aber auch die Mini-Dividende noch für zu hoch. „Hugo Boss sollte mit dem Geld für die Dividende besser einen Fonds für existenzsichernde Löhne in den Fabriken seiner Lieferanten schaffen“, fordert die Vorsitzende der Frauenrechts-Vereinigung Femnet. Auf dem Aktionärstreffen hatte sie deshalb einen Gegenantrag gestellt, mit dem sie allerdings keinen Erfolg hatte.

Burckhardt kritisiert damit öffentlichkeitswirksam die großen Probleme in der Lieferkette der Textilbranche. Denn durch die Coronakrise sind Hunderte Fabriken in ihrer Existenz gefährdet, weil westliche Modefirmen in großem Stil Aufträge storniert haben. Viele Beschäftigte der Textilfabriken, vor allem Frauen, haben bereits ihren Job verloren oder müssen mit Lohnkürzungen leben.

„In Bangladesch werden zum Teil nur 60 Prozent des Mindestlohns gezahlt“, kritisiert Burckhardt. Schon der Mindestlohn reiche aber nicht aus, um das Nötigste zum Leben zu kaufen. „Dies verschlechtert die ohnehin schon schlechten Arbeitsbedingungen in den Fabriken noch weiter“, sagt die Femnet-Chefin.

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    Das bringt viele Hersteller und ihre Beschäftigten in Not. „Jeder zweite Einkaufschef von Bekleidungsunternehmen berichtet, dass ein Viertel ihrer Lieferanten bereits Finanzprobleme hat“, sagt Achim Berg, Mode- und Handelsexperte von McKinsey. Und das ist erst der Anfang: 45 Prozent der Befragten geben in einer Umfrage der Unternehmensberatung an, „dass nach ihrer Erwartung in sechs Monaten bereits mehr als die Hälfte ihrer Zulieferer in finanzieller Not sein wird“.

    Kunden geben weniger Geld aus

    Die Produzenten von T-Shirts, Hosen und Kleidern leiden unter den Folgen des Shutdowns. So haben viele Modefirmen ihre Aufträge wegen der staatlich verordneten wochenlangen Ladenschließungen in weiten Teilen der Welt storniert. Außerdem bestellen sie jetzt vorsichtiger, weil sie mit einem schleppenden Geschäft in den nächsten Monaten rechnen. Denn viele ihrer Kunden wollen wegen Kurzarbeit und unsicherer Zukunftsaussichten weniger Geld für Kleidung ausgeben.

    Das bekommen nun die Unternehmen am anderen Ende der Lieferkette zu spüren, vor allem in Asien. „Das größte Problem für die Fabriken in Asien ist die fehlende Liquidität. Da gibt es keine staatlichen Polster wie in Deutschland“, sagt Jürgen Janssen vom Deutschen Textilbündnis.

    Das Problem verschärft sich noch, weil auch der Druck auf die Modefirmen nachlässt, die Arbeitsbedingungen bei ihren Zulieferbetrieben zu verbessern. So hat das Textilbündnis, in dem sich Unternehmen und Verbände der Textilbranche zusammengeschlossen haben, seine Regeln wegen der Coronakrise gelockert.

    Eigentlich müssen die 120 Unternehmen und Organisationen von Tchibo über Gerry Weber bis C&A in diesem Jahr ihren Bericht über Fortschritte in der Lieferkette vorlegen sowie ihre neuen Ziele festlegen. Doch daraus wird nichts. „Wir haben wegen der Coronakrise den Review-Prozess auf das nächste Jahr verschoben“, erklärt Janssen vom Textilbündnis.

    Gerry Weber zeigt sich erleichtert. „Wie aktuell sehr viele Unternehmen ist auch Gerry Weber von der Coronakrise schwer getroffen worden. Wir wissen die Befreiung von administrativen Pflichten in dieser Situation sehr zu schätzen“, sagte eine Sprecherin.

    Sie betont, dass ihr Unternehmen trotzdem Nachhaltigkeitsziele weiterverfolge. Allerdings räumt sie ein, dass weiterführende Projekte wie zum Beispiel ein Standard zum Chemikalienmanagement „tatsächlich verschoben worden“ seien, da wir „unsere Kräfte zur Erhaltung des bestehenden Standards bündeln mussten“.

    Für die Hersteller der Modebranche ist die Situation auch deshalb schwierig, weil viele Firmen nicht alle bestellten Aufträge abnehmen können. So hat der Sportkonzern Adidas eigenen Angaben zufolge einen Teil seiner Bestellungen storniert, die von den Fabriken im zweiten und dritten Quartal hätten ausgeliefert werden sollen. „Das haben wir in enger Absprache mit unseren Lieferanten gemacht“, sagte Finanzvorstand Harm Ohlmeyer.

    Mit dem Rücken zur Wand

    Auch Jürgen Janssen vom Deutschen Textilbündnis ist bemüht, den Schaden für die Unternehmen in der Lieferkette so gering wie möglich zu halten. So hat er Empfehlungen herausgegeben, wie Unternehmen in Zeiten von Corona ihre Einkaufspolitik anpassen könnten. „Dazu gehört es, bestellte Lieferungen abzunehmen, keine Verträge einseitig zu kündigen“, sagt Janssen.

    Er hofft, dass sich Unternehmen, wenn sie es können, an die Empfehlungen halten. „Aber viele werden dies nicht können, wenn sie wegen der Krise mit dem Rücken zur Wand stehen.“

    Das hilft den Fabriken in Asien wenig. Die Situation dort könnte sich auch dadurch verschlechtern, weil in der Coronakrise „keine Audits von externen Organisationen und keine Besuche von Gewerkschaften in den Zulieferbetrieben stattfinden“, weist Janssen auf ein besonderes Problem hin.

    Dass ein spezieller Fonds helfen könnte, um die finanziellen Probleme der Arbeiterinnen in den Fabriken zu lösen, glaubt Hugo Boss nicht. Zum einen verweist der Modekonzern darauf, dass die Verwendung der Mini-Dividende von Boss für einen solchen Topf rechtlich nicht zulässig sei. Außerdem würden Einzellösungen nichts bringen.

    „Wir sind davon überzeugt, dass zur Erreichung langfristiger und systematischer Fortschritte durch die Zusammenarbeit mit allen beteiligten Stakeholdern mehr erreicht werden kann als mit einzelnen Unternehmensaktionen“, wie eine Sprecherin des Modekonzerns sagt.

    Auch Puma-Vorstandschef Björn Gulden versprach kürzlich: „Wir müssen die Fabriken als wirkliche Partner behandeln.“ Das hat einen ganz praktischen Grund: Der Konzernherr fürchtet, dass er im nächsten Aufschwung nicht genügend Ware bekommt, wenn er die Hersteller jetzt fallen lässt.

    Es wird sich in den nächsten Monaten an der Zahl der Pleiten in der Lieferkette ablesen lassen, wie viele Modefirmen dieses Versprechen eingelöst haben.

    Mehr: Die Coronakrise trifft den Einzelhandel schwer. Der Umsatz sank im April so stark wie seit der Finanzkrise nicht mehr.

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