Piraten vor Somalia: „Diese Zustände sind unhaltbar“
Düsseldorf. Die Internationale Handelskammer (ICC) ruft die internationale Staatengemeinschaft dazu auf, ihre Anstrengungen gegen die Piraterie vor der Küste Somalias zu verdoppeln. Andernfalls drohe eine dramatische Eskalation, wie es in einer Erklärung heißt, die heute auf dem International Transport Forum (ITF) in Leipzig vorgelegt wurde. Derzeit sind laut der europäischen Anti-Piraterie-Operation EUNAVFOR 23 Schiffe und 518 Seeleute in der Gewalt von Piraten - und laut dem IMB sind bereits sieben Menschen ums Leben gekommen. Und auch wenn bereits Kriegsschiffe am Horn von Afrika gegen die Piraten im Einsatz sind, gibt es laut der ICC bislang keine Anzeichen dafür, dass das Piraterie-Problem unter Kontrolle gebracht wird.
Dem Aufruf der Internationalen Handelskammer haben sich die große Teile der weltweiten Logistik- und Schifffahrtsbranche angeschlossen - darunter auch Großkonzerne wie die Containerreedereien Maersk und Hapag-Lloyd. “Die Piraten beeinträchtigen bereits jetzt spürbar die Schifffahrtsrouten”, sagt Johannes Fritzen, Chairman (Präsident) der Transport- und Logistikkommission der Internationalen Handelskammer (ICC) im Gespräch mit Handelsblatt Online. Die durch die Piraten verursachten Kosten für die Transportbranche werden fürs vergangene Jahr von Experten auf sieben bis 12 Milliarden Dollar geschätzt. “Diese Zustände sind unhaltbar”, so Fritzen. “Deutschland sollte dabei helfen, das äußerst dringliche Problem der Piraterie in den internationalen Gremien ganz oben auf die Tagesordnung zu setzen”, sagt Fritzen.
Und das nicht nur aus wirtschaftlichen Gründen. Manche der gekaperten Schiffe wie etwa die “Iceberg 1” befinden sich schon seit mehr als einem Jahr in der Gewalt der Piraten. Der Verband der deutschen Reeder betont deswegen auch die menschlichen Folgen der Piraterie - erst recht für Deutschland. “Unter den Schifffahrtsnationen ist Deutschland am meisten betroffen. In den letzten drei Jahren waren die Mannschaften von 14 Schiffen zum Teil viele Monate in Geiselhaft. Zur Zeit wird die Crew der „Susan K.“ aus Leer noch festgehalten”, sagt Hauptgeschäftsführer Ralf Nagel zu Handelsblatt Online. Und das unter immer schlechter werdenden Bedingungen, wie Pottengal Mukundan, Direktor des International Maritime Bureau (IMB) der Internationalen Handelskammer (ICC), im Gespräch mit Handelsblatt Online betont: “Es gibt massive Misshandlungen von Seeleuten.” Die Geiselnehmer würden immer brutaler.
Konsequenz laut der ICC: Immer mehr Reeder sind gezwungen, private Sicherheitsdienst zum Schutz der eigenen Schiffe zu engagieren. Für IMB-Direktor Mukundan keine gute Lösung, auch wenn er die Entscheidung vieler Reeder verstehen kann. Aber: “Dadurch könnte die Lage auf See weiter eskalieren.” Ganz unabhängig davon, dass die rechtlichen Rahmenbedingungen für den Einsatz privater Sicherheitskräfte ausgesprochen schwierig seien. Mukundan warnt: “Es könnte passieren, dass einige Staaten Schiffen mit solchen Teams an Bord aus Sicherheitsgründen die Einfahrt in ihre Häfen untersagen.”
Die Internationale Handelskammer fordert deshalb, dass die Staatengemeinschaft entschiedener gegen Piraten vorgeht - vor allem gegen deren Mutterschiffe, mit denen die Seeräuber tief in den Indischen Ozean vordringen können. Gleichzeitig müsse dafür gesorgt werden, dass gefangen genommene Piraten auch tatsächlich vor Gericht gestellt würden. Laut einem Bericht der Vereinten Nationen gehen neun von zehn Piraten straffrei aus.
Vor allem komme es aber darauf an, so ICC-Chairman Fritzen, dass den Piraten der Nährboden an Land entzogen werde - durch den Aufbau von Polizei und Justiz, aber auch durch Entwicklungsarbeit. Die Lebensbedingungen der Somalis müssten so verbessert werden, dass die ie Piraterie nicht länger ein attraktiver Weg aus der Armut sei.