Öl: Wie China mithilfe der „Teapots“ die US-Sanktionen umgeht
Weifang, Dongying (Shandong). Eine Armada von Blaumännern mit gelben Helmen radelt auf klapprigen Fahrrädern die Dorfstraße entlang. Ihr Ziel: das Werkstor der Ölraffinerie von Hongrun Petrochemie. Hier, im ostchinesischen Weifang, arbeiten sie an der Erweiterung der Anlage, sagen mehrere Bauarbeiter, die gerade aus der Mittagspause zurückkommen.
Im April kommenden Jahres soll sie fertig sein, sagt ein Mann in grauer Arbeitsuniform. Auf seinem Ärmel steht CNCEC, ein auf die Chemieindustrie spezialisierter staatlicher Baukonzern. Offenbar laufen die Geschäfte gut, zumindest bislang.
Hongrun, eine frühere Tochter des Staatskonzerns Sinochem, das heute unabhängig firmiert, ist eine jener kleinen chinesischen Raffinerien, von denen Energieexperten vermuten, dass sie auf venezolanisches Öl spezialisiert sind. So hat das Unternehmen in Anlagen zur Verarbeitung von Schweröl mit hohen Rückständen investiert – ideal für das Öl mit hohem Schwefelgehalt aus Venezuela. Vor Ort kann oder will niemand sagen, woher das hier verarbeitete Öl kommt.
Eine Anfrage des Handelsblatts an das Unternehmen blieb unbeantwortet. Sinochem, das weiterhin 13 Prozent an Hongrun hält, teilte mit, man bekenne sich zu regelkonformem Handeln und halte „sich strikt an die Gesetze und Vorschriften der Länder, in denen das Unternehmen tätig ist“.
Hier, in der ostchinesischen Provinz Shandong, einem der wichtigsten Raffineriezentren des Landes, soll nicht nur sanktioniertes Öl aus Venezuela verarbeitet werden, sondern auch aus dem Iran und Russland. Öl, das ebenfalls mit US-Sanktionen belegt – und deshalb sehr viel billiger ist. Doch der US-Eingriff in Venezuela und eine mögliche Intervention im Iran gefährden dieses Geschäft.
Zwar dominieren drei große Staatskonzerne den chinesischen Ölmarkt. Doch das heikle Geschäft mit sanktioniertem Rohöl überlassen sie kleinen, privaten Raffinerien, die von Rohstoffhändlern scherzhaft als „Teapots“ bezeichnet werden. Doch wie unabhängig sind diese „Teekannen“ wirklich? Und warum lässt die chinesische Staatsführung die Unternehmen gewähren? Das Handelsblatt hat sich vor Ort auf Spurensuche begeben.
Hohe Rabatte wegen US-Sanktionen
Bis zum US-Militärangriff auf Venezuela und zur Entführung des Machthabers Nicolás Maduro war China der Hauptabnehmer von Öl aus dem lateinamerikanischen Land. Im vergangenen Jahr hat die Volksrepublik Öl im Volumen von rund 395.000 Barrel pro Tag aus Venezuela erhalten, schätzen die Industrieexperten des Analysehauses Kpler. Ein Barrel Rohöl umfasst rund 159 Liter.
Seit die USA 2019 den Ölhandel mit Venezuela unter Sanktionen gestellt haben, meiden viele Länder die Lieferungen. Deshalb wurde das Öl mit hohen Rabatten angeboten. Nun will die US-Regierung die venezolanischen Ölreserven zu ihren Gunsten verwalten und zu Marktpreisen verkaufen. Wie sich das auf Chinas Lieferverträge auswirkt, ist bislang noch unklar.
Obwohl Chinas Ölmarkt von den drei großen Staatskonzernen China National Offshore Oil Corporation (CNOOC), China National Petroleum Corporation (CNPC) und Sinopec dominiert wird, gingen rund zwei Drittel der Importe aus Venezuela an kleine, unabhängige, meist private Raffinerien. Um Konsequenzen aufgrund der US-Sanktionen zu vermeiden, überlassen die Staatskonzerne das heikle Geschäft größtenteils der privaten Konkurrenz. Auf diese entfällt Industrieexperten zufolge bis zu ein Fünftel der Raffineriekapazität Chinas.
„Teapots“ am stärksten von US-Eingriff in Venezuela betroffen
Die Teapots seien deshalb am stärksten von den möglichen Auswirkungen der US-Einflussnahme in Venezuela betroffen, schreibt Michal Meidan, Direktor des britischen Recherchehauses Oxford-Institut für Energiestudien, auf der Plattform LinkedIn.
Auch wenn Venezuela weiterhin Öl an China liefert, mit Erlaubnis der USA, dürften die bisherigen hohen Rabatte wegfallen. Damit wäre das Öl für die Unternehmen, die meist nur geringe Gewinnmargen haben, weniger attraktiv. Allerdings seien die privaten Raffinerien bekannt als „Schnäppchenjäger“. Sie könnten auf andere sanktionierte Rohöle etwa aus dem Iran ausweichen, meint Meidan.
Die jüngsten Unruhen im Iran und ein mögliches Eingreifen der USA gefährden diese Alternative jedoch. Denn China ist auch der wichtigste Abnehmer von iranischem Öl.
1000 Kilometer Fahrt für billiges Öl
Dass der Name „Teapot“ passt, wird an diesem sonnigen Januartag in Weifang klar: Neben den kugelförmigen Metallkesseln zur Lagerung des Öls steigt weißer Rauch in den tiefblauen Winterhimmel – wie aus einer Teekanne. Zwischen Kesseln und Kaminen spannt sich ein Netz aus Rohren.
Immer wieder brettern schwere Tanklaster über die Dorfstraße zum Nordeingang der Hongrun-Raffinerie. Er komme hierher, „weil es hier 55 Cent pro Liter günstiger ist“, sagt ein Fahrer an der Hongrun-Tankstelle direkt neben dem Werkstor.
Das Öl liefere er in die zentralchinesische Provinz Hubei, rund 1000 Kilometer entfernt. Er fahre die Strecke alle zwei bis drei Tage. 24 Stunden dauere die Fahrt.
Die Besitzerin eines kleinen Kiosks an der Dorfstraße betont, wie wichtig das Werk für die lokale Wirtschaft sei. „Die Arbeiter kaufen hier Zigaretten, Wasser, Alkohol“, sagt sie. Allerdings würden sie eher billige Marken kaufen. „Das Leben ist hart, das Geschäft läuft überall schlecht.“
Auch die Teapots leiden unter der geringeren Nachfrage aus der heimischen Industrie. Gefragt nach den Auswirkungen der Weltpolitik, lacht die Kioskbesitzerin nur. Das sei viel zu weit weg, normale Leute würden sich damit nicht beschäftigen. „Wir kümmern uns darum, unsere Arbeit zu machen und unseren Lebensunterhalt zu verdienen“, sagt sie.
Wichtiges Zentrum zur Ölverarbeitung
Die Provinz Shandong ist eines der wichtigsten Ölraffinerie-Zentren in China und ein bedeutendes Petrochemie-Cluster. Das hat historische Gründe: Im Nordosten der Provinz befindet sich das Shengli-Ölfeld, das zweitgrößte der Volksrepublik. Das Öl ist schwefelhaltig, wenngleich nicht so stark wie venezolanisches Öl. Betrieben wird das Ölfeld vom Staatskonzern Sinopec.
Die unabhängigen Raffinerien entwickelten sich parallel zur Erschließung von Shengli in den 1960er-Jahren. Um den Widerstand der Lokalregierungen zu brechen, erlaubte die Zentralregierung ihnen, Öl aufzufangen, das aus Pipelines austrat, und Raffinerien zu errichten, um dieses zu verarbeiten, heißt es in einer Analyse des Zentrums für globale Energiepolitik (CGEP) der US-Universität Columbia von 2017.
Pekings Versuche in den 1990er- und 2000er-Jahren, die Kontrolle über den Ölmarkt auszuweiten, Überkapazitäten abzubauen und die „Teapots“ aus dem Geschäft zu drängen, scheiterten. Denn die Lokalregierungen schützten die Unternehmen, die wichtige Arbeitgeber und Steuerzahler in der Region sind.
2015 änderte die Zentralregierung ihre Politik und teilte den unabhängigen Raffinerien erstmals wieder Quoten für importiertes Rohöl zu. Dadurch sollte der Reformdruck auf die trägen Staatskonzerne erhöht werden. Von einer „Hassliebe“ zwischen den großen Staatskonzernen und den „Teapots“ schreiben die Experten der Columbia-Universität. Denn einerseits sehen sich beide Seiten als Konkurrenz. Andererseits verkaufen die privaten Firmen ihre raffinierten Produkte auch an die staatlichen Unternehmen.
Sanktionen wegen Verarbeitung iranischen Öls
Venezuelas Machthaber Maduro besuchte Shandong mehrmals, zuletzt 2023 während eines Staatsbesuchs. Er hoffe auf eine „direkte Zusammenarbeit mit lokalen staatlichen Unternehmen und privaten Betrieben in Shandong“, sagte er damals. Denn diese seien „sehr komplementär“ zu der Industrie seines Landes.
Nicht nur für Venezuela spielen die „Teapots“ eine wichtige Rolle. Im vergangenen Jahr verhängte die US-Regierung Sanktionen gegen vier unabhängige chinesische Raffinerien. Diese sollen iranisches Rohöl im Wert von Hunderten Millionen Dollar gekauft und verarbeitet haben, darunter aus Lieferungen sanktionierter Schiffe, der „Schattenflotte“. Drei der Unternehmen sind aus Shandong: Shouguang Luqing Petrochemical, Jincheng Petrochemical und Shengxing Chemical.
Ein Shengxing-Werk befindet sich nur knapp 30 Minuten Fahrt von der Hongrun-Raffinerie entfernt. Das Werksgelände ist mit einer halbtransparenten Absperrung gesichert, die einen Blick ins Innere erlaubt. Es wirkt nicht, als habe man hier etwas zu verbergen. Vor dem Eingang parken Tanklaster und warten, bis sie an der Reihe sind.
Auch Hafenbetreiber sanktioniert
Auch gegen drei Hafenbetreiber des Dongying-Hafens erließen die USA 2025 Sanktionen. Das US-Finanzministerium wirft ihnen vor, mehr als eine Million Barrel iranischen Öls erhalten zu haben. Weder Shengxing Chemical noch die Hafenbetreiber antworteten auf Anfragen des Handelsblatts.
Rund eineinhalb Stunden dauert die Fahrt von den Raffinerien in Weifang über die gut ausgebaute, vierspurige Autobahn bis zum Dongying-Hafen in der Bohai-Bucht. In beide Richtungen sind Tanklaster unterwegs. Links und rechts der Straße bewegen sich zahlreiche für die Ölförderung typische rote Pferdekopfpumpen langsam auf und ab.
Die Zufahrt zum Hafen selbst ist durch einen Kontrollposten versperrt. „Eine eiserne Küste errichten, die Nation mit einer großen Mauer verteidigen, eine gesunde Entwicklung der Wirtschaft sichern“, steht auf einem Schild in der Nähe. Auf dem Meer sind Bohrinseln und ein Frachtschiff zu erkennen. An der Küste reihen sich Speicher zur Lagerung von Öl, soweit das Auge reicht.
Wichtiger Umschlagplatz für Schattenflotte
Infolge der US-Sanktionen sei die Zahl sogenannter „dark calls“ am Hafen von Dongying stark gestiegen, schrieben die Experten der auf Schifffahrtslogistik spezialisierten Publikation „Lloydslist“ im vergangenen Jahr. Dabei schalten Schiffe vor dem Hafenanlauf ihr GPS-Ortungssystem aus. Der Anstieg dieser Verdunklungsaktionen deute darauf hin, dass Dongying ein „wachsender Umschlagplatz für sanktioniertes Öl“ sei.
Unmittelbare Auswirkungen auf China dürfte der US-Zugriff auf venezolanisches Öl kaum haben – auch weil das Land sich Vorräte gesichert hat. Den Industrieexperten von Kpler zufolge befinden sich derzeit fast 82 Millionen Barrel auf Tankern in den Gewässern vor China und Malaysia. Ein Viertel davon stamme aus Venezuela.
Zudem haben mindestens ein Dutzend sanktionierter Tanker mit Rohöl aus Venezuela seit Jahresbeginn das Land verlassen – trotz der US-Blockade seit Mitte Dezember. Das berichtet die Nachrichtenagentur Reuters mit Verweis auf Dokumente und Angaben von Branchenquellen.
Die meisten Schiffe dieser Schattenflotte seien ohne Flagge oder aktuelle Sicherheitsdokumente auf hoher See unterwegs. Etwa die Hälfte davon seien Supertanker, die typischerweise venezolanisches Öl nach China transportieren würden.
Ob die USA diese Transporte erlaubt haben, sei unklar. US-Präsident Donald Trump hatte bei einer Pressekonferenz nach dem US-Eingriff in Venezuela betont, man wolle das Öl auch an die bisherigen Kunden verkaufen. China erwähnte er dabei jedoch nicht namentlich.
Chinas Einfluss zurückdrängen
Während sich viele westliche Unternehmen infolge der US-Sanktionen aus Venezuela zurückgezogen haben, waren chinesische Ölkonzerne weiter in dem südamerikanischen Land aktiv. Von der US-Regierung wurde das kritisch gesehen. Einer der Gründe für den Militäreinsatz in dem südamerikanischen Land sei gewesen, Investitionen von Kontrahenten in der Ölindustrie Venezuelas zu limitieren, sagte US-Außenminister Marco Rubio in einem Interview mit dem US-Sender NBC.
Die größte Sorge Chinas nach der US-Intervention sei deshalb weniger eine Frage der Energiesicherheit, sondern seien die geopolitischen Konsequenzen, schreibt Energieexperte Meidan. Sollten Verträge mit chinesischen Unternehmen gekündigt und diese aus dem Land gedrängt werden, wäre das „für China ein massiver Gesichtsverlust“.
Mögliche Reaktionen der Staatsführung seien Vergeltungsmaßnahmen gegen US-Unternehmen in China, neue Exportkontrollen oder „im Extremfall sogar ein Scheitern oder eine Absage des für April erwarteten Treffens zwischen Trump und Xi“ in Peking. Trumps jüngste Drohung, Handelspartner des Irans mit Strafzöllen von 25 Prozent zu belegen, gefährdet das ohnehin brüchige Moratorium im Handelskonflikt zwischen den beiden größten Volkswirtschaften der Welt zusätzlich.