Schiffsverschrottung deutscher Reeder: Das schmutzige Ende einer Seefahrt
Die Arbeiter sind meist großen Gesundheitsgefahren ausgesetzt.
Foto: Getty Images/Lonely Planet ImagesDüsseldorf. Sie liest sich wie die VIP-Übersicht beim noblen Eisbeinessen der Vereinigung Hamburger Schiffsmakler: die schwarze Liste der Brüsseler Umweltorganisation „Shipbreaking Platform“. Die Charterreederei Rickmers ist auf ihr zu finden ebenso wie der Wettbewerber Peter Döhle oder die traditionsreiche Reederei F. Laeisz. An vorderster Stelle ziert die Liste der Schiffseigner die Hansa Treuhand, deren Vorstand Hermann Ebel gerade um den Firmenerhalt kämpft.
Nur dass es diesmal um weitaus Unappetitlicheres geht als knuspriges Eisbein. Das vor wenigen Tagen veröffentlichte Papier nennt Reeder beim Namen, die ausgediente Frachter an den Stränden Bangladeschs, Indiens und Pakistans verschrotten lassen.
In den hanseatischen Reederei-Kontoren galt dies bislang als Tabu. Aus gutem Grund. Verschrottet wird auf primitiven Zerlegeplätzen, von denen giftige Chemikalien und Schiffsöl meist direkt ins Meer sickern. Hinzu kommt eine hohe Belastung der Arbeiter mit Asbest – und eine überbordende Zahl tödlicher Unfälle.
Sinnbild deutscher Seefahrt
Was den Deutschen noch viel weniger schmecken dürfte: Keine Nation, so der erstaunliche Befund des Reports, geht beim Verschrotten alter Frachter verantwortungsloser vor als die Bundesrepublik. Das Verhalten deutscher Reeder entwickelte sich so folgenschwer, dass Uno-Berichterstatter Baskut Tuncak vor wenigen Monaten bei der Bundesregierung in einer offiziellen Note Beschwerde einreichte.
Von den 100 Schiffen, die deutsche Reeder im vergangenen Jahr zur Verschrottung ausrangierten, landeten 98 an den Stränden Südasiens. Allein Griechenland hätte es beinahe geschafft, der Bundesrepublik den zweifelhaften Spitzenplatz streitig zu machen, punktete am Ende aber mit einer besseren Quote an Verschrottungen, die europäischen Umwelt- und Arbeitsschutzstandards entsprachen.
Das ruhmlose Ende von annähernd 100 Schiffen an den Stränden Südasiens wirkt wie ein Sinnbild der deutschen Seefahrt. Um den Reedereien auf den Weltmeeren einen Platz an der Sonne zu verschaffen, beschloss die Bundesregierung 1998 die „Tonnagesteuer“. Sie bot Anlegern einen willkommenen Anreiz, in Hochseefrachter zu investieren. Mit einem Gesamtwert von 42 Milliarden Dollar brachte es die deutsche Flotte, aufgerüstet auf bis zu 3.750 Schiffe, weltweit zeitweilig auf Rang drei. Speziell in der Containerseefahrt verteidigt die Bundesrepublik bis heute ihre Marktführerschaft.
Dass der ungehemmte Geldzufluss, befeuert von üppigen Krediten staatsnaher Banken wie der NordLB, der HSH oder der Commerzbank, zu unrentablen Überkapazitäten führen würde, wollte in der Branche kaum jemand einsehen.
Inzwischen sind die Überkapazitäten besorgniserregend. Anfang Januar lagen 351 Containerschiffe arbeitslos vor Anker – und damit sieben Prozent der Transportkapazität von weltweit 20 Millionen Standardcontainern. Weil gleichzeitig Frachter mit 3,3 Millionen Standardcontainern bei den Werften bestellt sind, läuft auf der anderen Seite das Verschrottungsgeschäft heiß. Mit 862 Schiffen, einige von ihnen nicht älter als zehn Jahre, markierte das Abwrackgewerbe 2016 einen Rekord.
Das zwingt die Schrottplätze, Zerlegeaufträge eilig abzuarbeiten – und steigert auf den Stränden der Dritten Welt die Unfallgefahr. Der von der EU-Kommission unterstützte Nachrichtendienst „South Asia Quartly“ veröffentlichte dazu vor kurzem eine Übersicht. Schockierend fasste er die schweren Unfälle von nur fünf Wochen rund um Chittagong zusammen, einer Hafenstadt im Südosten Bangladeschs, wo sich 145 Abwrackfirmen mit zusammen 15.000 Arbeitern einen 15 Kilometer langen Strandabschnitt teilen.
Danach kam es zunächst am 23. Mai 2016 zu einem tödlichen Sturz eines 21-Jährigen, der ohne Sicherheitsausrüstung für die Firma Seiko Steel arbeitete. Nur sechs Tage später verunglückten fünf Mitarbeiter derselben Firma durch herabstürzende Stahlplatten, die sie von einem ehemals deutschen Frachter entfernen sollten. Anschließend ging die Unfallserie weiter. Am 5. Juni erschlug eine herabfallende Stahlplatte einen 35-Jährigen der Nachbarfirma Laskar Shipbreaking, zwei Wochen danach riss eine Kesselexplosion Mitarbeiter von Bhatiary Steel in den Tod. Am 23. Juni verletzte sich ein Mitarbeiter von Kabir Steel lebensgefährlich durch einen Sturz. Kurz zuvor noch hatten Sicherheitsleute dieser Abwrackfirma auf Mitarbeiter geschossen, die gegen die tödlichen Unfälle protestierten.
Auf Anfrage halten deutsche Reeder dagegen, dass in den Industrieländern ausreichende Verschrottungskapazitäten fehlten. „In Zentraleuropa sind uns keine Abwrackwerften bekannt“, erklärt der Hamburger Schiffsvermieter Bertram Rickmers. Eine Ausnahme bilde höchstens die Türkei – und das auch nur für meist kleinere Schiffe.
Aufkäufer übernehmen das Risiko
Andere Reedereien wie etwa Dr. Peters verweisen darauf, dass die eigenen Schiffe „durchweg an Trading Buyer in Asien verkauft worden“ seien. Tatsächlich gehen die betagten Frachter meist gegen Cash erst einmal an Zwischenhändler wie GMS oder Wirana. Sie übernehmen gänzlich das Risiko und wechseln für die letzte Fahrt unter die Flagge von Billigststaaten wie Tuvalu, Komoren oder St. Kitts and Nevis. Um den Vorbesitzer zu verschleiern, pinseln sie meist neue Schiffsnamen an die Seelenverkäufer.
Dabei gilt als Faustregel: Je lascher die Umwelt- und Arbeitsschutzauflagen, desto mehr springt für die Verkäufer heraus. Wer sich wie Hamburg Süd für ein sachgerechtes Zerlegen in der Türkei entscheidet, rechnet ein Insider vor, muss sich gegenüber einem „Beaching“, der Verschrottung am Strand von Bangladesch mit bis zu zwei Millionen Euro weniger begnügen. Und das pro Schiff.
Dass ausgerechnet aus Deutschland so viele Frachter auf den wilden Abwrackplätzen landen, glaubt man beim Verband Deutscher Reeder (VDR), liegt an den zahlreichen Pleiten in der Branche. „Viele Insolvenzverwalter sind verpflichtet, für ihre Gläubiger den höchsten Verwertungserlös zu erzielen“, sagt ein Sprecher. „Andernfalls machen sie sich womöglich haftbar.“
Abhilfe schaffen könnte die 2009 von der Uno beschlossene „Hong Kong Convention“, die Standards beim Arbeits- und Umweltschutz vorschreibt. Doch immer noch wartet sie auf die Annahme durch wichtige Seefahrtsländer – selbst Deutschland hat die Vereinbarung bislang nicht unterschrieben.
Rund 150 Abwrackwerften haben sich in Alang angesiedelt. Alle wenden die Beaching-Methode an: Dabei steuert ein speziell ausgebildeter Kapitän das Schiff mit hoher Geschwindigkeit auf den Strand zu – doch nicht immer kommt er weit genug. Diese Arbeiter ziehen ein schwere Kette zu einem Schiff. Bei Flut soll es dann näher an das Ufer herangezogen werden.
Foto: Frederic SpohrIn einem ersten Schritt wird die gesamte Flüssigkeit aus dem Schiff abgepumpt. Außerdem bringen Arbeiter Inventar wie Möbel und Maschinen von Board. Vieles wird an Straßenständen nur wenige Kilometer vom Abwrackhafen entfernt verkauft.
Foto: Frederic SpohrNoch am Strand wird das Schiff anschließend in große Blöcke geschnitten. Umweltschutzorganisationen beklagen, dass dabei viel giftiges Material ins Meer gelange – zum Beispiel Plastik oder Farben. Das Abwracken am Strand gilt außerdem als gefährlich.
Foto: Frederic SpohrDas Schneiden des Stahls ist harte Arbeit – die extrem schlecht bezahlt wird. Der Mindestlohn beträgt gerade einmal rund fünf Euro pro Tag. Ein Großteil der Beschäftigten kommt nicht aus Alang, sondern aus ärmeren indischen Bundesstaaten wie Bihar.
Foto: Frederic SpohrChetan Patel ist Besitzer der Abwrackwerft Shree Ram. Er hat seine Werft gemäß der Hongkong-Konvention zertifizieren lassen, welche einmal weltweit Mindeststandards setzen soll. Das umstrittene Beaching wendet auch er an. Die Reederei Maersk lässt trotzdem ihre Schiffe dort verschrotten.
Foto: Frederic SpohrMaersk-Nachhaltigkeitschefin Annette Stube ist überzeugt, dass Werften wie Shree Ram ausreichend Vorkehrungen getroffen haben. Mitarbeiter Abhay Kumar ist täglich vor Ort, um die Einhaltung der Standards der Reederei zu überprüfen.
Foto: Frederic SpohrIn diesem Hinterhof werden die Blöcke schließlich zu Stahlteilen geschnitten, die etwa so groß sind wie eine Tür. Nicht alle Werften haben einen Hinterhof, wie es von Umweltorganisationen und Gewerkschaften gefordert wird.
Foto: Frederic SpohrIn Alang gibt es nur zwei Krankenhäuser. Beide sind nur sehr schlecht ausgerüstet. Man erwäge gemeinsam mit anderen Reedern, die medizinische Infrastruktur in Alang zu verbessern, heißt es von Maersk.
Foto: Frederic SpohrEin Arbeiter in einer der vielen Werften in Alang hat sich am Finger verletzt und wird vermutlich für rund zwei Wochen nicht arbeiten können. Krankengeld bekommt er während dieser Zeit nicht. Täglich verletzen sich Dutzende Arbeiter in Alang. Dank besserer Ausbildung gibt es aber weniger Verletzte als früher.
Foto: Frederic SpohrVDR-Verbandschef Ralf Nagel findet dafür kaum Worte. „Dass bis heute nur wenige Staaten die Konvention von Hongkong ratifiziert haben, grenzt an einen Skandal“, schimpft er.
Dahinter aber stehen handfeste Wirtschaftsinteressen. Seit kurzem nämlich werben vier der rund 50 Abwrackfirmen im indischen Alang damit, ausrangierte Frachter nach den Vorschriften der „Hong Kong Convention“ zu verschrotten. Umweltorganisationen wie „Shipbreaking Platform“ aber dringen darauf, Schiffe möglichst nur noch auf europäischen Werften zu zerlegen.
Manche wittern hinter der Forderung etwas anderes: ein Wirtschaftsprogramm für verarmte Küstengebiete Europas.