Schweizer Uhrenhersteller vor Verkauf: Schlechtes Timing bei Breitling
Die Zeit des Schweizer Herstellers scheint abzulaufen.
Foto: PRZürich. Ein Hersteller von Luxusuhren sollte über ein ganz besonders genaues Timing verfügen. Bei Breitling scheint das nicht der Fall zu sein. Dem Vernehmen nach steht das 132 Jahre alte Schweizer Traditionsunternehmen zum Verkauf.
Der Verkaufsprozess sei im Gange, Breitling werde von einer Investmentbank beraten, berichtete etwa die „Aargauer Zeitung“. Eine Entscheidung stehe demnach noch aus. Am ehesten käme aber ein großer Luxusgüterkonzern als Käufer infrage.
Ein Breitling-Sprecher bezeichnete die Schilderungen als Gerücht und verweigerte auf Nachfrage des Handelsblatts jeden Kommentar. Er teilte lediglich mit, „dass wir zu diesem Gerücht nicht Stellung beziehen möchten“.
Das ist keine Bestätigung, aber auch kein klares Dementi. Insider rechnen damit, dass der Verkaufsprozess öffentlich gemacht wird, sobald einer oder mehrere Käufer in die engere Wahl gekommen sind.
Breitling ist einer der letzten größeren, unabhängigen Hersteller von Luxusuhren in der Schweiz. Der Hauptsitz befindet sich in Grenchen im Jura-Gebirge. In La Chaux-de-Fonds entwickelt und fertigt die Firma eigene mechanische Chronografenuhrwerke. Zum Kundenkreis zählte lange auch das Militär, das Breitling mit Borduhren versorgte, die zur Not auch ein Notrufsignal aussenden konnten. Für den Hersteller arbeiten 400 Mitarbeiter. 1884 gegründet, ist das Unternehmen seit 1979 im Besitz der Familie Schneider.
Es wäre nicht das erste Mal, dass ein traditionsreicher Schweizer Uhrenhersteller seine Selbstständigkeit aufgibt. Längst gehören bekannte Marken wie Tissot, Omega und Longines dem Schweizer Massenhersteller Swatch, während Tag Heuer, Zenit und Hublot inzwischen zum Reich des französischen Luxusgüterriesen LVMH gehören. Und die Schweizer Uhrenschmiede Richemont kontrolliert die Marken Cartier, Piaget und IWC Schaffhausen.
Die Konsolidierung ist also längst im Gange. Generell kann man sagen, dass die Produzenten von Luxusgütern immer seltener alteingesessene Familienbetriebe sind, sondern mehr und mehr von internationalen Konzernen übernommen werden. Die einzelnen Marken behalten zwar ihre eigenen Abteile in den Kaufhausregalen, aber Produktion, Lieferung und Verwaltung werden unter dem Dach eines Konzerns kostengünstig geteilt.
Das Timing für die Verkaufsabsichten von Breitling ist schlecht, weil die Nachricht die Schweizer Luxusuhr-Produzenten in einer denkbar schwachen Lage erwischt. Die Verkäufe sind seit Monaten rückläufig. Allein im Oktober sanken die Absatzzahlen im Vergleich zum Vorjahr um 16,4 Prozent. Das war der stärkste Absturz seit der Finanzkrise vor sieben Jahren.
Der Terror vergrault Touristen
Die Schweizer Uhrenindustrie steht vor dem vierten Jahr mit geringem oder gar keinem Wachstum. Wachstumsraten von 20 Prozent pro Jahr gehören der Vergangenheit an. „Die Schubkräfte fehlen“, sagte André Bernheim, Chef von Mondaine, einem konzernunabhängigen Hersteller, dessen Zeitmesser den Schweizer Bahnhofsuhren nachempfunden sind. „Die wichtigsten Regionen der Welt haben alle Probleme – von den USA über Europa bis nach China.“
In diesem Jahr dürfte es kaum besser laufen. Vor allem, weil nach den Terroranschlägen von Paris, Nizza und anderswo Tausende Touristen aus Asien ausbleiben. Sie haben sonst gerne einen der teuren Chronografen von Breitling & Co. als Souvenir mit nach Hause genommen. Mit den Besuchern aus Fernost geht ein großer Teil der Käufer dieser Uhren verloren. „Breitling hätte vor ein paar Jahren verkaufen sollen, als die Verkaufszahlen Schweizer Luxusuhren von der hohen Nachfrage aus China getrieben waren“, kommentierte deshalb Analystin Andrea Felsted von der Nachrichtenagentur Bloomberg.
Außerdem hat sich in China das Wirtschaftswachstum abgeschwächt. Weniger Chinesen kommen schnell zu viel Geld – und geben es im Umkehrschluss weniger schnell aus, zum Beispiel für eine teure Uhr. Eine große Kampagne gegen Korruption im Reich der Mitte dürfte ebenfalls dazu beigesteuert haben, dass Chinesen weniger Freude an Luxusuhren haben.
Hinzu kommt der starke Schweizer Franken, der das stark exportgetriebene eidgenössische Uhrengeschäft erschwert. Einfach ausgedrückt: Je stärker der Franken wird, desto weniger erhalten Firmen wie Breitling für einen im Ausland verkauften Chronografen.
Als wären das nicht genug Probleme, kommen die sogenannten Smartwatches wie die von Apple als neue Konkurrenten hinzu. Die intelligenten Armbandgeräte können neben Datum und Uhrzeit auch noch den Puls anzeigen, Anrufe entgegennehmen und E-Mails aufrufen. Die klassischen Uhrenhersteller haben diesen Trend zu spät ernst genommen.
Die Umbrüche in der Uhrenbranche haben einen der bekanntesten Uhrenhersteller erschüttert. Swatch musste im Juli dieses Jahres eine Gewinnwarnung herausgeben. Eigentlich veröffentlicht Swatch seine Halbjahresbilanz erst am 21. Juli. Doch der Konzern sah sich gezwungen, seine Zahlen bereits eine knappe Woche vorher herauszugeben. Demnach ging der Umsatz im ersten Halbjahr des Jahres um rund zwölf Prozent zurück. Im Januar erwartete Hayek noch ein Wachstum beim Absatz seiner Zeitmesser um mehr als fünf Prozent. Im Juli kassierte er dieses Ziel wieder ein.
Auch das Geschäftsergebnis scheint in einer anderen Zeitzone hängengeblieben zu sein: Es werde um mindestens die Hälfte zurückgehen, kündigte Unternehmenschef Nick Hayek im Sommer an. Das kommt an der Börse schlecht an. Vor rund zwei Jahren lag die Swatch-Aktie noch bei Höchstständen um 475 Euro. Inzwischen sind die Anteilsscheine nur noch rund die Hälfte wert. Neben Europa sei vor allem Hongkong ein schwieriger Markt, kommentierte Hayek.
Das trifft Breitling nicht so stark. Vizepräsident Jean-Paul Girardin betonte im September in einem Interview, dass seine Firma ohnehin vergleichsweise wenige Kunden in Asien habe. „Jetzt, wo dort die Absätze sinken, spüren wir die sinkende Nachfrage also auch weniger als die Konkurrenz“, erklärte er.
Im Gegenzug eröffnete Breitling dieses Jahr zwei Läden im Heimatmarkt Schweiz, wo sich die Frage der Währungsumrechnung nicht stellt. Es sind übrigens die ersten Läden des Herstellers im eigenen Land.
Wer könnte Breitling kaufen?
Im vergangenen Jahr produzierte die für ihre „Flieger-Uhren“ bekannte Firma exakt 147.917 Chronografen. Obwohl das Familienunternehmen keine Zahlen bekanntgibt, ist diese Zahl öffentlich, weil Breitling jede seiner Uhren bei der öffentlichen Kontrollstelle für Schweizer Uhren zertifizieren lässt. Girardin kündigte im September an, in diesem Jahr werde die Zahl ähnlich hoch sein. Zum Vergleich: Beim Uhren-Giganten Swatch sind es jährlich mehrere Millionen Uhren.
Doch während die Absatzzahlen branchenweit zurückgegangen seien, hätten sich die Umsätze bei Breitling kaum bewegt, kommentiert Vontobel-Analyst René Weber. Er schätzt, dass der Umsatz der Firma im vergangenen Jahr bei rund 370 Millionen Schweizer Franken gelegen habe, das sind gut 340 Millionen Euro. Für das aktuelle Geschäftsjahr rechnet Weber mit einem ähnlichen Umsatz.
Und so könnte ein Verkauf gerade jetzt Sinn ergeben – zumindest aus Sicht eines potenziellen Käufers, der davon überzeugt ist, dass sich die Uhrenindustrie bloß in einem Tal befindet. John Guy, Analyst der Mainfirst Bank, schätzt den Wert des Unternehmens auf 600 bis 900 Millionen Franken.
Was zur Frage führt, wer überhaupt zum Kreis der Käufer gehören könnte. Rivale Richemont habe zwar gut fünf Milliarden Euro in seiner Kriegskasse, kommentiert Bloomberg-Analystin Felsted. Aber der Konzern habe im Moment selbst Probleme mit seinen Luxusuhren wie etwa denen der Marke Piaget. Auch Swatch sitze auf einem Haufen Geld. Doch Vorstandschef Hayek hat bereits großzügig eingekauft, als es den ersten Konkurrenten schlechtging, und ist gut versorgt, was Luxusuhren angeht.
Es könnten sich auch Investoren aus dem Mittleren oder Fernen Osten für Breitling interessieren. Doch ob sich deren Eigner zu einem solchen Schritt bereiterklären? Darüber kann nur spekuliert werden.
Am Ende käme noch der Luxusgüterkonzern LVMH infrage. Korrekt lautet der Firmenname „LVMH Moët Hennessy Louis Vuitton“ und nennt bereits zwei bekannte Marken, die zu dem Konglomerat gehören. Erst kürzlich übernahm das Unternehmen die Mehrheit am Kölner Kofferhersteller Rimowa.
Auch eine Uhrensparte zählt zu dem Firmenreich. Jean-Claude Biver, der bei LVMH diesen Bereich verantwortet, versprühte jüngst Zuversicht. „Wir haben die Talsohle erreicht, und im zweiten Halbjahr geht es wieder aufwärts“, sagte er Ende November. Er erwartet über das gesamte Jahr ein Plus von zwei bis fünf Prozent bei den Exporten, nachdem sie Schweiz-weit zwischen Januar und Oktober um elf Prozent zurückgegangen seien. „2017 wird ein besseres Jahr, für die Welt und unsere Branche“, kündigte der 67-Jährige an.
Wer weiß, vielleicht könnte die Zeit am Ende doch noch für Breitling arbeiten.