Tourismus: Tui ist so selbstbewusst wie nie – doch es gibt ein Risiko
Frankfurt. Es ging mit einem atemberaubenden Tempo abwärts. In nur wenigen Monaten verlor der Reisekonzern Tui zwischen April und Juni 2020 fast den kompletten Umsatz. Weltweite Reisebeschränkungen wegen der Pandemie machten sämtliche Planungen zunichte. Plötzlich schrieb Tui einen Quartalsverlust von 1,4 Milliarden Euro. Nur mit Staatshilfe überlebte das Unternehmen.
Mehr als fünf Jahre nach der existenzbedrohenden Krise steht Tui besser da denn je. Am Mittwoch kommender Woche stellt das Management die Zahlen für das bis Ende September gelaufene Fiskaljahr vor. Nach vorab publizierten Eckdaten stieg das bereinigte Betriebsergebnis um 12,6 Prozent auf 1,46 Milliarden Euro.
Ein Ende des Reisebooms kann die Tui-Führung nicht erkennen. Bei einer Umfrage hätten 25 Prozent der Deutschen angegeben, mehr verreisen zu wollen als im Vorjahr, sagte Steffen Boehnke, Produktchef von Tui Deutschland, am Mittwoch bei der Vorstellung des Sommerprogramms in Berlin. Tui-Deutschlandchef Benjamin Jacobi fügte hinzu: „Wir hatten, nachdem wir das Sommerprogramm freigeschaltet haben, 10.000 Buchungen gleich am ersten Tag.“
Doch in der Wachstumsstory des Reisekonzerns schlummert ein Risiko.
Der Verkauf hochwertiger Reisen war der wichtigste Treiber des Erfolgs. Die Preise sind seit dem Ende der Pandemie allerdings so stark gestiegen, dass viele deutsche Reisende sie als zu hoch empfinden. Sie suchen stattdessen gezielt nach Angeboten.
Wie sehr Tui dabei von hohen Reisepreisen abhängt, zeigen die vorab publizierten Eckdaten zum gerade beendeten Fiskaljahr. Während das bereinigte Betriebsergebnis um 12,6 Prozent zulegte, wuchs der Umsatz mit 4,4 Prozent deutlich langsamer.
Konzernchef Sebastian Ebel will Tui deshalb unabhängiger von Heimatmärkten in Europa machen, weil die wirtschaftliche Lage dort nicht gut aussieht. Wachstum nicht um jeden Preis, sondern Wachstum mit guten Preisen – das ist die aktuelle Strategie.
Tui befeuert das Geschäft mit Sonderaktionen
Zwar ist das Unternehmen laut Jacobi mit der aktuellen Nachfrage in Deutschland zufrieden. „77 Prozent wollen verreisen“, zitiert der Manager aus einer aktuellen Umfrage von Tui unter 2000 Menschen. Davon wollten 26 Prozent in die Ferne fahren, 26 Prozent ans Mittelmeer und 24 Prozent in den Schnee.
Auffällig aber ist, wie stark Tui Deutschland das Geschäft mit zahlreichen Sonderaktionen und Kampagnen befeuert, etwa mit einer Black-Friday-Aktion. Pakete für preisbewusste Familien sollen bald folgen: die sogenannten Kinderfestpreise. Kinder können ab 149 Euro mitreisen, teilweise gibt es sogar Angebote für 99 Euro.
Ebel setzt auf Kundinnen und Kunden jenseits der Heimatmärkte. Zum Beispiel in Asien. Dort sieht der Tui-Chef unter anderem wegen der wachsenden Mittelschicht und der zunehmenden Nachfrage nach hochwertigen Urlaubsangeboten viel Potenzial.
Vor wenigen Tagen kündigte das Unternehmen an, die Zahl der Hotels in Asien von aktuell 24 auf über 50 ausbauen zu wollen. Unter anderem entsteht das erste Robinson Clubresort in China. Die Marke Tui Blue arbeitet daran, in Japan durchzustarten, Tui Suneo hat dasselbe in Vietnam vor. Allein in Asien sollen in den kommenden Jahren 29 neue Hotels in das Portfolio kommen.
Bei der Expansion geht das Unternehmen mittlerweile auch überraschende Wege. Mitte September gab das Unternehmen bekannt, dass das Sultanat Oman 1,4 Prozent der Anteile der Tui AG übernimmt. Hintergrund der Beteiligung ist ein neues Gemeinschaftsunternehmen. Es soll Hotels unter Tui-Markennamen im Oman errichten.
Reisebüros nehmen wichtige Rolle ein
Eine wichtige Rolle in Ebels Strategie spielen die eigenen Reisebüros. Tui selbst hat etwa 400 davon, dazu kommen etwa 400 Franchise-Partner. Auf den ersten Blick passt das nicht zum Trend, Urlaubsreisen immer häufiger online zu suchen und zu buchen. Auch binden die eigenen Reisebüros Kapital.
Doch die Tui-Führung hält an diesem Vertriebskanal fest, viele der Reisebüros werden sogar seit einiger Zeit modernisiert. Der Grund: In den persönlichen Gesprächen lassen sich gut besonders hochwertige und hochpreisige Reisen verkaufen.
Bei Analysten kommt der Fokus des Tui-Managements auf Marge statt Masse offensichtlich gut an. Estelle Weingrod von JP Morgan lobte kürzlich in einer Studie das Margenpotenzial und den Schuldenabbau. Andrew Lobbenberg von Barclays sieht in der Tui-Strategie Vorteile etwa gegenüber Fluggesellschaften, die anfälliger für Rückschläge an den Finanzmärkten seien.
Viele Analysten haben den Reisekonzern derzeit auf ihre Kaufliste gesetzt oder empfehlen Investoren, das Papier zumindest im Portfolio zu behalten.
Hohe Preise bedeuten allerdings auch: Tui muss sich von anderen Reiseunternehmen abheben. Deshalb soll aus dem Konzern eine „weltweite Freizeitplattform“ werden. Ebel zitiert dabei gerne Amazon oder Netflix. Beide bieten eigene Inhalte an, um die Kundinnen und Kunden auf die eigene Plattform zu locken. Übertragen auf Tui sind diese eigenen Inhalte vor allem die eigenen Hotels und Kreuzfahrtschiffe.
Hotels und Kreuzfahrten treiben den Gewinn
Bisher scheint diese Strategie aufzugehen. Beide Sparten sind maßgeblich dafür verantwortlich, dass das Ergebnis im jüngsten Fiskaljahr so stark zulegen konnte. Selbst bei den sonst eher preisbewussten Deutschen sind die Schiffsreisen laut der jüngsten Umfrage von Tui beliebt. 20 Prozent der Deutschen wollen eine Kreuzfahrt machen.
Deshalb wird das Geschäft mit Hotelzimmern und Kreuzfahrten kräftig ausgebaut. Die Zahl der Hotels soll von aktuell rund 450 auf 600 steigen. Auf hoher See ist der Konzern wiederum mit den Unternehmen Tui Cruises, Hapag-Lloyd Cruises und Marella Cruises unterwegs.
Die Schiffe von Tui Cruises – einem Joint Venture von Tui und der Royal Caribbean Group – sind zwar im Volumengeschäft aktiv, gelten dort aber als Premiummarke, die gute Preise erzielt. Die Flotte soll deutlich wachsen.
Im kommenden Jahr wird mit der Mein Schiff Flow der neunte Kreuzer zur Flotte von Tui Cruises stoßen. Außerdem hat Tui Cruises kürzlich zwei Bauslots für neue Schiffe bei der italienischen Werft Fincantieri von Marella Cruises übernommen.