Wein: Warum Deutsche weniger Rotwein trinken
Düsseldorf. Die Weinberge im sonnenverwöhnten Württemberg sind von roten Trauben geprägt, von Rebsorten wie Trollinger oder Lemberger. Länger schon keltern die Winzer dort mehr Wein, als sie verkaufen können. Zuletzt ist der Absatz von Rotwein regelrecht eingebrochen. In ihrer Not ließen Winzer zum Jahresende 8,3 Millionen Liter Wein zu Industriealkohol destillieren. Das sind knapp zehn Prozent der durchschnittlichen Ernte in Württemberg.
Hermann Morast vom Weinbauverband Württemberg stellt klar: „Das Destillieren tut Winzern in der Seele weh, aber wir können Weinberge nicht in Kurzarbeit schicken.“ Die kriselnden Württemberger Betriebe, die anonym bleiben wollen, erhielten aus einem Hilfsprogramm der Europäischen Union (EU) 65 Cent pro Liter Rotwein.
Damit wird zum ersten Mal seit vielen Jahren in Deutschland wieder im größeren Stil überschüssiger Wein vom Markt genommen. In Südeuropa hingegen ist die Destillation von Übermengen schon seit längerem üblich.
Historische Krise in der Weinwirtschaft
Nicht nur in Deutschland, in der ganzen Welt steht die Weinwirtschaft durch das Überangebot unter Druck. Morast spricht gar von einer „historischen Krise“. Monika Reule vom Deutschen Weininstitut (DWI) konstatiert zum Auftakt der Düsseldorfer Fachmesse Pro Wein, die am Sonntag beginnt: „Weltweit wird mehr Wein produziert als getrunken.“
Branchenschätzungen zufolge sind 20 Millionen Hektoliter zu viel auf dem Weltmarkt. Das entspricht 2,6 Milliarden Weinflaschen à 0,75 Litern. „Die Folge ist ein für viele Betriebe ruinöser Preiswettbewerb“, erklärt Christian Schwörer vom Deutschen Weinbauverband. Heimische Winzer fordern deshalb die Stilllegung von Weinbergen.
Die Deutschen trinken immer weniger Wein – das gilt besonders für roten. 22,5 Liter Wein konsumierte ein Durchschnittstrinker ab 16 Jahren im vergangenen Jahr - inklusive Schaumwein. Das ist laut DWI ein Liter weniger als 2022. Der Absatz von Rotwein in Deutschland ist dabei deutlich stärker eingebrochen als der von Weißwein und Rosé.
Preissensible Verbraucher verzichten auf Wein
Von Rotwein wurden in Deutschland 232 Millionen Flaschen (0,75 Liter) verkauft, 6,5 Prozent weniger als im Vorjahr. Weißwein verlor 4,7 Prozent und Rosé 0,7 Prozent an Menge. Das zeigen Zahlen des Marktforschungsunternehmens NielsenIQ für den Lebensmittelhandel. Gastronomie oder Direktvertrieb sind dort nicht erfasst.
Für den sinkenden Weinkonsum, insbesondere von Rotwein, gibt es vielschichtige Gründe. „Preissensible Verbraucher verzichten in Zeiten der Inflation auf Wein“, beobachtet Reule vom Weininstitut. Eine Flasche Rotwein ist mit 3,83 Euro im Schnitt 53 Cent teurer als Weißwein.
Aber auch die Trinkvorlieben haben sich verändert – durch den demographischen Wandel, die Zuwanderung und ein höheres Gesundheitsbewusstsein. „Der Trend geht zu leichteren Weinen mit geringerem Alkoholgehalt, gerade auch bei Jüngeren. Deshalb tut sich Rotwein schwerer als früher“, erklärt Reule.
Die Konsumverschiebung weg von Rotwein ist ein Phänomen, das weltweit zu beobachten ist. Die globale Rotweinproduktion ist seit dem Höchststand 2004 um ein Viertel eingebrochen, ermittelte die Internationale Organisation für Rebe und Wein (OIV). So war Frankreich – bekannt für Pinot Noir, Cabernet Sauvignon oder Merlot – früher der weltgrößte Rotweinmarkt. Doch seit der Jahrtausendwende hat sich der Absatz fast halbiert.
Allein in der Region Bordeaux ist jeder dritte Winzer in finanziellen Nöten. Die Regierung in Paris hat deshalb im Sommer veranlasst, dass französische Winzer überschüssigen Rotwein vom Markt nehmen. Dafür erhielten sie etwa 200 Millionen Euro an Subventionen.
Weinbauern aus Südfrankreich ärgern sich über die Flut von Billigimporten aus Spanien. Im Sommer entleerten 500 wütende Winzer an der Grenze Tanklaster mit spanischem Wein und zerstörten rund 10.000 Flaschen.
Die Deutschen greifen öfter zu günstigen Importweinen
Auch deutsche Winzer stehen wegen günstiger Importweine unter Druck. „In Ländern ohne Steillagen und deutschen Mindestlohn lässt sich deutlich günstiger produzieren“, erklärt Monika Reule. Seit dem russischen Angriffskrieg in der Ukraine seien die Kosten deutscher Betriebe etwa bei Energie, Diesel und Weinflaschen um rund 30 Prozent gestiegen.
Zwar liegt der Preis für einen Liter deutschen Wein im Handel mit 4,51 Euro im Schnitt um 31 Cent höher als ein Jahr zuvor. Doch die Weinerzeuger konnten längst nicht alle Mehrkosten weitergeben.
Die Kellerei Rotkäppchen-Mumm, die neben Sekt auch Wein produziert, kämpft mit höheren Kosten und Kaufzurückhaltung. Das Unternehmen setzte mit Wein zuletzt 250 Millionen Euro um, rund zehn Millionen Euro weniger ein Jahr zuvor. So büßte etwa die Marke Blanchet, deren Regalpreis um einen Euro auf 3,99 Euro stieg, Absatz ein, sagte Rotkäppchen-Chef Christof Queisser.
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Denn in Zeiten der Teuerung greifen die Deutschen verstärkt zu ausländischen Weinen. Inzwischen werden 58 Prozent der hier verkauften Weine importiert. Die importierten Flaschen sind im Schnitt 75 Cent je Liter günstiger. Heimische Weine blieben deswegen teilweise in den Regalen liegen. Insgesamt ging der Absatz deutscher Weine 2023 im Inland um neun Prozent zurück, ermittelte das Deutsche Weininstitut. Ausländische Weine hingegen büßten nur ein Prozent an Absatz ein.
„Händler und Verbraucher hierzulande sind nicht bereit, für bessere soziale und ökologische Standards bei der Erzeugung heimischer Weine mehr zu zahlen“, bedauert Morast vom Weinbauverband Württemberg. Deutschland laufe Gefahr, prägende Kulturlandschaften zu verlieren, weil sich Weinberge nicht mehr wirtschaftlich betreiben ließen.
„Wenn zu viel Wein auf dem Markt ist, muss sich die Produktion dem Konsum anpassen“, schlussfolgert Reule vom Weininstitut. In Deutschland werden wohl noch mehr Winzer aufgeben, vor allem solche im Nebenerwerb. „Weil sie keine Nachfolger und keine Fachkräfte finden und weil das Geschäft nicht mehr rentiert“, erklärt Morast.
In Württemberg beispielsweise werden 2030 bis zu 2000 Hektar der aktuell 11.150 Hektar nicht mehr bewirtschaftet werden, schätzt der Verband.
Der Weinbauverband Württemberg ist einer von vielen, die angesichts der Absatzkrise vehement Rodungsprämien von der EU fordern. Im Gegenzug müssten die Winzer Blühflächen für mehr Artenvielfalt anlegen. „Weinberge sollten sechs Jahre brach liegen dürfen. Das fördert die Biodiversität und senkt das Überangebot an Wein“, so Morast.
Andere aus der Branche schlagen vor, die sonnigen Hänge dauerhaft für Photovoltaikanlagen zu nutzen. In Frankreich bekommen Winzer Fördergelder, wenn sie von Wein auf Oliven umstellen.
Die EU subventioniert den Weinbau mit einer Milliarde Euro
Dabei subventioniert die Europäische Union bereits den Weinbau jährlich mit immerhin 1,06 Milliarden Euro. Die Subventionssumme entspricht fast dem Produktionswert von Wein in Deutschland. Auch dank der Subventionen ist die EU der größte Weinproduzent der Welt. 60 Prozent der globalen Weinproduktion stammen aus EU-Ländern.
Wegen des Überangebots an Wein ist die Anbaufläche in der EU zwischen 1990 und 2022 allerdings um ein Viertel geschrumpft. Vor allem in Spanien, Italien, Frankreich, Portugal und Griechenland wurden viele Weinfelder stillgelegt. Anders in Deutschland: Hier sind die Flächen der Weinberge seit 1990 um mehr als acht Prozent gewachsen.
Jedoch könnte sich das weltweite Überangebot an Wein möglicherweise von selbst regulieren: durch den Klimawandel. Wetterextreme mindern bereits die Ernten. In Italien und Spanien schrumpfte die Weinmenge durch Dürren sowie Starkregen zuletzt zweistellig.
Die OIV erwartet für das Weinjahr 2022/2023 einen Rückgang der globalen Weinproduktion um sieben Prozent auf 244 Millionen Hektoliter. Das wäre die niedrigste Ernte seit 60 Jahren.
Deutsche Winzer sind Profiteure des Klimawandels
„Deutsche Winzer sind im Moment noch Profiteure des Klimawandels“, sagt Reule vom Weininstitut. So wachsen Rebstöcke inzwischen auch passabel in Norddeutschland und in schattigeren Seitentälern, wo früher klimatisch kein Weinbau lohnte. Selbst die Rotweinsorten Merlot und Shiraz, die heißes Klima benötigen, gedeihen heute in Deutschland.
Zunehmende Wetterextreme wie trockene Sommer und nasse Winter machen Weinstöcke jedoch anfälliger für Schädlinge und Krankheiten wie Mehltau. Deutsche Winzer spritzen deshalb zehn- bis zwölfmal im Jahr Pflanzenschutz auf ihre Rebstöcke.
Inzwischen pflanzen Weinbauern verstärkt pilzwiderstandsfähige Rebsorten, sogenannte Piwis. Felix Hoffmann von der Initiative Zukunftsweine erklärt die Vorteile: „Piwis benötigen bis zu 80 Prozent weniger Pflanzenschutzmittel. Das reduziert die Traktorfahrten im Weinberg, spart Diesel und ist gut für Grundwasser und Artenvielfalt.“
66 Winzer haben sich der Initiative Zukunftsweine angeschlossen. Auch das Kloster Eberbach, das größte Weingut Deutschlands, pflanzt inzwischen resistente Piwi-Weine an. Deutschlandweit sind allerdings erst drei Prozent der Weinberge mit den nachhaltigen Reben bestockt.
Erstpublikation: 09.03.2024, 20:37 Uhr.