Aufsichtsratschefin Susanne Klatten: Die Bewährungsprobe SGL Carbon
Kann sie Unternehmerin? Diese Frage begleitet sie schon lange.
Foto: SGL Group/Astrid EckertWiesbaden. Sie beherrscht ihn, diesen nüchternen, neutralen Gesichtsausdruck. Pokerface würde man im Englischen sagen. Doch Susanne Klatten ist keine Spielerin. Selbst nicht, wenn sie wie an diesem Tag im Kurhaus von Wiesbaden spricht, in dem auch die berühmte Spielbank sitzt.
Ihr Pokerface kann sie heute gut gebrauchen. Sie zeigt es vor 632 überwiegend älteren Menschen, die wie sie zum Teil viel Geld in dieses Unternehmen investiert haben, das hier zur Hauptversammlung geladen hat. Es sind die Aktionäre von SGL Carbon, einem auf Graphit und Kohlefasern spezialisierten Konzern, dessen Zahlen und Aussichten schon besser, aber auch schon deutlich schlechter waren.
Klatten muss Zuversicht verbreiten. Denn sie, die Milliardenerbin, mit geschätzt 20 Milliarden Dollar Vermögen eine der reichsten Deutschen, will vor allem Unternehmerin sein. Seit 2009 ist sie nicht nur größte Anteilseignerin mit heute knapp 28 Prozent, sie ist seit 2013 auch SGL-Aufsichtsratschefin.
Das Unternehmen steckt tief in der Sanierung. Es wird von ihr und dem Management gerade neu erfunden. Und das ist dringend notwendig. Freundlich im Ton, aber resolut in der Sache verkündet sie: „Der Konzernumbau ist abgeschlossen!“ Und Vorstandschef Jürgen Köhler ergänzt: „Die neue SGL ist ein technologiebasiertes, innovatives Unternehmen. Es ist unser erklärtes Ziel, den Umsatz bis 2020 auf 1,1 Milliarden Euro zu erhöhen – und das profitabel und nachhaltig.“
„Es wäre zu schön, um wahr zu sein“, raunt ein Kleinanleger. Und in der Tat: SGL Carbon, das ist eine lange Geschichte mit vielen traurigen Kapiteln. In den vergangenen 25 Jahren an der Börse hat der Konzern nur fünfmal eine Dividende gezahlt. Die Aktie datiert mit knapp elf Euro weit unter dem Ausgabepreis von 55 Mark. Allein in den vergangenen vier Jahren wurde rund eine Milliarde Euro vernichtet.
Unrentable Sparte soll weg
Die Gründe für die Krise sind vielfältig. Das Hauptgeschäft und der Gewinnbringer des Konzerns, der einst aus dem Chemiekonzern Hoechst hervorging, waren Graphitelektroden. Sie bringen Schrottstahl zum Schmelzen. Billiger Rohstahl aus China machte dieses Geschäft jedoch unrentabel. Die Sparte soll deshalb an den japanischen Chemiekonzern Showa Denko verkauft werden. Der Vollzug soll Mitte des Jahres erfolgen. Nach Abzug der Schulden soll der Verkauf 200 Millionen Euro einbringen.
Übrig bleibt eine Gesellschaft, die sich vor allem auf die Verarbeitung von Grafit und Karbon konzentriert. Beide Sparten steigerten im ersten Quartal 2017 ihre Umsätze kräftig, insgesamt um 15,4 Prozent. Sie profitieren von den Wachstumsmärkten Mobilität, Energieversorgung und Digitalisierung. Allerdings lasten noch Sanierungskosten auf der Firma, so dass unterm Strich im ersten Quartal immer noch ein leichter Verlust steht, auch der Cashflow ist weiter negativ.
Wie 2016 rechnet der Vorstand auch 2017 mit einem Nettoverlust im zweistelligen Millionenbereich, unter anderem weil SGL eine Anleihe vorzeitig zurückkaufen wird, um die Finanzierungsaufwendungen zu reduzieren.
Die eigentliche Wachstumsstory von SGL Carbon, für die auch Susanne Klatten als BMW-Aktionärin steht, ist eng mit der Autoindustrie verbunden. Doch der rasche und umfassende Einsatz von Kohlefasern im Fahrzeugbau mag nicht gelingen. So betreibt SGL zwar mit BMW ein Joint Venture, das spezielle Verfahren zur Verarbeitung von Kohlefasern entwickelt und ausschließlich BMW beliefert. Doch das aus Kohlefaser gefertigte Elektrofahrzeug „i3“ verkauft sich schlecht, die drei Milliarden Euro Entwicklungskosten haben sich bis heute nicht rentiert. Einen angedachten „i5“ aus Kohlefaser wird es nicht geben. Nun sollen neue Projekte mit anderen Autoherstellern den Durchbruch bringen.
Dennoch: Dass die Neuausrichtung gelingen wird, daran schien an manchen Tagen nur noch Susanne Klatten geglaubt zu haben. So war das Eigenkapital der Gesellschaft Ende des dritten Quartals 2016 auf sechs Prozent geschrumpft. Die notwendig gewordene Kapitalerhöhung zeichneten nur noch sie selbst sowie der Autobauer BMW, an dem Klatten rund 21 Prozent hält. Die anderen beiden Großinvestoren, Volkswagen und der schwäbische Anlagenbauer Voith, lehnten dankend ab. Voith verkaufte sogar Teile des bisherigen Aktienpakets an Klatten.
Auf der Hauptversammlung ist Klatten deshalb eine Heldin. „Ohne Sie würde es die Gesellschaft sicher nicht mehr geben. Dem Himmel sei Dank waren und sind Sie da“, sagt Peter Barth. Der Rechtsanwalt aus Frankfurt spricht beim Aktionärstreffen als Vertreter der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW). Am Anfang sei gefragt worden, ob sie das Zeug zur Unternehmerin und Strategin habe. „Ich kann nur sagen: Sie hat es. Sie kann es. Sie füllt den Posten der Aufsichtsratsvorsitzenden sehr viel besser aus als ihre Vorgänger.“
Kann sie es? Ist sie Unternehmerin? Diese Fragen scheinen Susanne Klatten schon ihr Leben lang zu begleiten. Ihr Vater Herbert Quandt war 1960 bei BMW eingestiegen, der Autobauer stand kurz vor der Pleite. Es drohte der Verkauf an Erzrivale Daimler. Quandt strukturierte um und schuf damit die Grundlage für den sagenhaften Aufstieg des Konzerns.
Seine beiden jüngsten Kinder aus dritter Ehe, Susanne Klatten und Stefan Quandt, erbten die Anteile. Den Geschwistern gehören heute zusammen knapp 50 Prozent des Dax-Konzerns. Sie sitzen seit 20 Jahren im Aufsichtsrat, bestimmen die Strategie maßgeblich mit. An ihnen kommt bei BMW niemand vorbei.
Managerin ihres Vermögens
Klatten, inzwischen 55 Jahre alt, hat sich nie auf ihrem Erbe ausgeruht. Die studierte Betriebswirtin und dreifache Mutter managt seit 25 Jahren ihr Vermögen. Über ihre Gesellschaft Skion in Kronberg im Taunus hält sie mehrere Beteiligungen. Dazu gehört etwa der Spezialchemiekonzern Altana, den Klatten 2010 von der Börse nahm und der sich zuletzt deutlich besser entwickelte als die führenden Chemiekonzerne in Europa und den USA. Zum Portfolio zählen außerdem der Windanlagenbauer Nordex, der Öl-Aufbereiter Avista Oil, der Softwarehersteller Gemalto sowie mehrere kleinere Unternehmen der Wasserwirtschaft.
SGL Carbon aber ist ihr prägendstes Investment. Fast scheint es so, als ob sie hiermit ihr Meisterstück abliefern wolle. Als sie im Jahr 2009 mit zunächst acht Prozent einstieg, galt dies als Coup. Angeblich war sie sogar dem damaligen VW-Patriarchen Ferdinand Piëch zuvorgekommen. Klatten wurde gefeiert, hofiert, beneidet. Kohlefaser galt als DER zukünftige Werkstoff für die Automobilindustrie, Susanne Klatten als DIE neue Unternehmerin.
Doch das Investment entwickelte sich nicht so wie erwartet. Es verkam wegen Billigstahls aus China, wegen der zaudernden Autobauer und wegen der wiederkehrenden Querelen im Management zum Milliardengrab – und drohte Klatten zu entzaubern.
Doch das lässt sie nicht zu. Susanne Klatten kämpft. Sie hat „ihr“ Unternehmen nie aufgegeben. Das ist auf der Hauptversammlung zu spüren. Klatten führt routiniert durch den Tag, freundlich im Ton, resolut in der Sache. Fast jeder der sieben Redner an diesem Tag dankt ihr ausdrücklich für ihr Engagement. Dabei gibt es auch immer wieder Applaus. Kleinaktionär Alexander Füner überreicht ihr sogar eine rote Rose. Er verabschiedet sich mit den Worten: „Was wissen wir? Ende der Klage! Wir wissen, es kommen bald bessere Tage!“