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Autokonzern Entwickler belasten Audi-Führung: „Die Vorgaben kamen von oben“

Im Dieselprozess machen die Entwickler der Konzernführung massive Vorwürfe. Ex-Chef Stadler und Entwicklungschef Hatz sehen sich außerhalb der Verantwortung.
06.10.2020 - 17:11 Uhr 4 Kommentare
Der ehemalige Audi-Chef fühlt sich zu Unrecht auf der Anklagebank, wie seine Anwälte das Gericht wissen lassen. Quelle: dpa
Rupert Stadler

Der ehemalige Audi-Chef fühlt sich zu Unrecht auf der Anklagebank, wie seine Anwälte das Gericht wissen lassen.

(Foto: dpa)

München Im Prozess um die Manipulation von Dieselmotoren bei Audi hat die gegenseitige Schuldzuweisung begonnen. Mitarbeiter der Entwicklungsabteilung schoben am zweiten Verhandlungstag die Verantwortung auf die Konzernführung.

Giovanni Pamio, ehemaliger Abteilungsleiter der Motorenentwicklung, ließ über seinen Anwalt schwere Vorwürfe erheben. Der Italiener war 2002 von Fiat zu Audi gewechselt, um am besten Motor der Welt zu arbeiten, dem „Clean Diesel“.

Doch im Entwicklungslabor Neckarsulm habe er bald gemerkt, dass „der VW-Konzern von mächtigen Personen und ihren Stäben kontrolliert wurde, die von oben alles bestimmten“, sagte sein Anwalt Walter Lechner: „Von oben kamen die Vorgaben und von oben wurde abgesegnet.“ Und als Pamio half, aus dem „Clean Diesel“ einen „Schummel-Diesel“ zu machen, da „war das nicht das Projekt eines Einzelnen, sondern eine strategische Unternehmensentscheidung“, erklärte Lechner dem Gericht: „Die Frage lautet nicht, wer wusste Bescheid, sondern wer wusste nicht Bescheid?“

Pamio ist einer von vier Angeklagten im Münchener Audi-Prozess. Im Sitzungsaal der Justizvollzugsanstalt Stadelheim wird ihm die Beteiligung am millionenfachen Betrug vorgeworfen, gemeinsam mit seinen Kollegen soll er die Motorsteuerung manipuliert haben.

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    Im Ergebnis haben die Autos auf der Straße ein Vielfaches der erlaubten Schadstoffe ausgestoßen, nur im Labor schalteten sie auf sauber. 2015 flog die Sache auf und kostete allein Audi 800 Millionen Euro an Bußgeld, den VW-Konzern mehr als zwanzig Milliarden Euro an Strafzahlungen und die deutsche Autoindustrie ihren Ruf.

    Im Wissen um die Schwere der Vorwürfe hat sich Pamio neben seinem Kollegen und ebenfalls angeklagten Entwickler Henning L. dazu entschieden, voll auszusagen. Die Ausführungen der beiden Techniker der vierten und fünften Führungsebene sind für die Mitangeklagten Wolfgang Hatz, den ehemaligen Leiter der Motorenentwicklung, und Rupert Stadler, den ehemaligen Vorstandsvorsitzenden, eine schwere Belastung. Beide streiten die aktive Beteiligung am oder die Kenntnis vom Dieselbetrug ab.

    Stadler wird von den Staatsanwälten ohnehin nur vorgeworfen, den Verkauf von manipulierten Fahrzeugen nach Auffliegen des Skandals nicht unterbunden zu haben. Betrug durch Unterlassen und mittelbare Falschbeurkundung lautet der Vorwurf.

    Stadler und Hatz sehen sich selbst nur als Opfer

    Seit Auffliegen des Dieselskandals beteuern Stadler und Hatz, selbst Opfer einer Clique von betrügerischen Ingenieuren gewesen zu sein. Doch dem sei nicht so gewesen, sagt Pamios Anwalt. „Pamio hatte keine Entscheidungskompetenz.“ Stattdessen sei der Druck auf die Motorenentwickler stetig gewachsen, die Anforderungen der Konzernführung zu erfüllen. „Die Sorge um den Arbeitsplatz spielte eine große Rolle“, sagte Lechner, der ein Eröffnungsstatement für die Verteidigung abgab.

    Das habe auch für den Entwickler Henning L. gegolten, sagte dessen Anwalt. Auch er verlas eine Eröffnungserklärung. Henning L. hatte in Pamios Abteilung als Spezialist für Abgasreinigung gearbeitet. Er habe sich nach Auffliegen des Dieselskandals dazu entschlossen, „mit offenem Visier“ zu spielen, sagte sein Anwalt. Wie Pamio habe er sich den von Audi engagierten Anwälten der Kanzlei Jones Day anvertraut und sei zweimal zu Aussagen zum US-Justizministerium nach Washington geflogen. Anschließend sagte er umfassend vor der Münchener Staatsanwaltschaft aus und wolle nun seine „Seele vom Ballast befreien“.

    Demnach sei die Entscheidung zum Betrug das Ergebnis einer sich „nach und nach durchsetzenden Erkenntnis“ gewesen. Die Entwickler hätten sich in den Jahren 2008 und 2009 einem „nicht lösbaren Zielkonflikt aus unverrückbaren Vorgaben“ ausgesetzt gesehen.

    Der ehemalige Audi-Entwicklungschef will von den Manipulationen nichts gewusst haben. Quelle: dpa
    Wolfgang Hatz (Mitte)

    Der ehemalige Audi-Entwicklungschef will von den Manipulationen nichts gewusst haben.

    (Foto: dpa)

    Einerseits hätten sie die für den US-Markt bestimmten Modelle gesetzeskonform machen sollen. Andererseits hätten andere Abteilungen darauf gedrungen, dass die Tanks mit der zur Abgasreinigung verwendeten Ad-Blue-Mischung nicht zu groß werden durften. Das hätte wertvollen Bauraum im Auto gekostet.

    Auf der anderen Seite habe der Vertrieb darauf bestanden, den Kunden ein häufiges Nachtanken mit der übel riechenden Flüssigkeit zu ersparen. Bald sei allen klar gewesen, dass es „ohne Bescheißen nicht ging“, wie ein Beteiligter in einer E-Mail festhielt. Pamio, sein Untergebener L. und dessen Kollegen entwickelten jene Schummelsoftware, die das Auto nur dann auf sauber schaltete, wenn es auf einem Prüfstand lief.

    Es entstand eine Parallelwelt für die Techniker mit der Schummelsoftware als „Elephant in the room“. Während die Schummelsoftware für immer mehr Modelle zum Einsatz kam, plagten den Angeklagten L. nach den Worten seines Anwalts Schuldgefühle. Doch die „damals herrschende Unternehmenskultur“ habe es ihm unmöglich gemacht, aus dem Betrugskartell auszusteigen.

    Stattdessen habe er in Präsentationen immer wieder darauf hingewiesen, dass die Zielvorgaben kaum zu erfüllen waren – vergebens. Er ging wie Pamio davon aus, dass sein Vorgehen der Konzernführung bekannt gewesen sei und gebilligt wurde, und habe entsprechende Gespräche mit seinen Vorgesetzten geführt.

    Hatz’ Anwalt weist die Vorwürfe zurück

    „Herr Hatz hat derartiges nicht gebilligt“, und er hätte das auch „niemals geduldet“, entgegnete sein Anwalt Gerson Trüg. „Herr Hatz hat stets für Transparenz bei technischen Problemen gesorgt“, sagte Trüg. Zudem sei der Topmanager im Sommer 2009 von Audi zu VW gewechselt, die fraglichen Motoren aber erst danach mit der Schummelsoftware bespielt worden. Auch der „unspezifische und pauschale“ Vorwurf, Pamio habe sich in Sachen Software mit Hatz immer wieder abgestimmt, sei falsch. Es habe keine Telefonate in dieser Sache gegeben, sagte sein Anwalt.

    Und auch Rupert Stadler fühlt sich zu Unrecht auf der Anklagebank, wie seine Anwälte das Gericht wissen lassen. Die Ermittlungen seien „grob unfair“ gewesen, das gelte insbesondere für das Abhören seines Mobiltelefons, das ihn im Sommer 2018 wegen Verdunkelungsgefahr in Untersuchungshaft brachte und ihn den Vorstandsvorsitz kostete. Da Stadler nicht wegen der Manipulationen selbst, sondern wegen des nicht gestoppten Verkaufs manipulierter Autos nach Auffliegen des Skandals angeklagt sei, habe das ganze Verfahren eine „Schieflage“. Sie wollen das Verfahren gegen Stadler deshalb abtrennen.

    Auch bestreiten seine Anwälte, dass nur Stadler den Verkauf der manipulierten Autos hätte stoppen können. „Einen roten Knopf, der ausschließlich vom Vorstandsvorsitzenden gedrückt werden kann und die Bänder still stellt, gibt es nicht“, so seine Anwälte. Vielmehr sei der Audi-Vorstand ein Kollegialorgan. Wenn denn schon eine Verantwortung zu suchen sei, dann bei den zuständigen Vorständen oder dem Gremium in Gänze.

    Das zu klären wird Zeit kosten. Das Gericht hat über 180 Verhandlungstage angesetzt. Am Dienstag endete der zweite.

    Mehr: Auf der Anklagebank: Die Justiz nimmt immer öfter Topmanager ins Visier

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    4 Kommentare zu "Autokonzern: Entwickler belasten Audi-Führung: „Die Vorgaben kamen von oben“"

    Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

    • Wieso kann Herr Fasse kein Deutsch? Weil er es sich trotz seines Wunsches, im Bereich Wort seriös zu arbeiten, gespart hat, mindestens 20.000 Seiten Klassiker zu lesen. So von Kant bis Brecht oder von Jean Paul bis Wieland.
      Kleines Bespiel:
      "Er habe sich nach Auffliegen des Dieselskandals dazu entschlossen, „mit offenem Visier“ zu spielen, sagte sein Anwalt. "
      Also: entweder "mit offenem Visier kämpfen" oder "mit offenen Karten spielen".

      So ist das Blödsinn und das ist ein Beispiel von vielen. Wörtliches Zitat des Anwalts ist ja nur die Phrase mit dem Visier.

      Oder haben Sie eine bessere Erklärung, Herr Fasse?

    • Herr Peter, die technischen Vorgaben kommen von korrupten Lobbyisten und werden von korrupten Politikern rativiziert. Die VW- Wirtschafts- Saboteure haben sich selbst ins Knie geschossen. Von Dieselgate über NOX- Kartell bis CUM- Ex alles nur Betrug und Korruption. Selbstanzeigen von VW und Daimler liegen dem Kartell- Amt vor, aber Niemand ermittelt. Die Schummel- Software wurde von Conti(VDO) und Bosch auf Kundenwunsch entwickelt und dies geschah 1991. Der Professor Dr. Dudenhöffer hat ausgerechnet, dass das NOX- Kartell am Verkauf von Neufahrzeugen 15 % der Verkaufssumme verdient und dies steuerfrei. Egal wie dieser Prozess ausgeht bezahlen muß nur der deutsche Steuerzahler. Siehe VW- Boss Herr Diess, VW bezahlt die Millionenstrafe. Wer hat die Aktienmehrheit bei VW? Das Land Niedersachsen und wer bezahlt die Steuern in Niedersachsen? Wie überall, der Steuerzahler. Ein Generalstaatsanwalt von Braunschweig sprach in dem Zusammenhang vom nichtstrafbaren Selbstbetrug. Politiker dürfen den Staat betrügen und im Ausschuss lügen, so deute ich die Aussage des Generalstaatsanwalt. Diese Wirtschafts- Saboteure gründen fast wöchendlich neue Kartelle. Von Amthor bis Zietsche wissen Alle Beischeid und wird mal aus Versehen ein Kartell- Mitglied beim Betrug ertappt, kommt der Spruch, mein Nahme ist Hase und ich weiss von Nichts. Mein Tipp, zurück lehnen und Zusehen, wie diese hochbezahlten Vollidioten die deutsche Wirtschaft an die Wand fahren.

    • Verantwortung? Nur bei den horrenden Gehälter - "das Gehalt muss ja die hohe Verantowrtung abbilden"

    • Die Politik macht übertriebene, idealistische, unrealistische Vorgaben, die Konzerne müssen diese umsetzen. Das Ergebnis sieht man. Es wurde zuviel verlangt.
      Letztendlich fehlen Mittel für die Finanzierung der Zukunft.

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