1. Startseite
  2. Unternehmen
  3. Industrie
  4. Continental: Autozulieferer steht vor der Aufspaltung

ContinentalAutozulieferer steht vor der Aufspaltung

Der Dax-Konzern prüft, sich von seinem Autozuliefergeschäft zu trennen. Bis Jahresende soll die Entscheidung fallen. Für Continental wäre es ein Bruch mit der Strategie der letzten 20 Jahre.Roman Tyborski, Timm Seckel 07.08.2024 - 16:29 Uhr
Continental: Die Zuliefererbranche steckt in der Krise. Foto: dpa

Düsseldorf. Der Dax-Konzern Continental plant eine Aufspaltung. Das Unternehmen teilte am Montag überraschend mit, die Trennung der Sparte Autozulieferung vom Gesamtunternehmen zu prüfen. Die Sparte würde dann separat an der Börse notiert. Übrig bliebe das Reifen- und Industriegeschäft. Beide Teile wären mit gut 20 Milliarden Euro Umsatz etwa gleich groß.

Ziel der Aufteilung sei es, „das Wert- und Wachstumspotenzial der beiden dann getrennten Konzerne voll auszuschöpfen“, teilte Continental mit. Bis Ende des Jahres will der Vorstand die Details prüfen und entscheiden, ob er die Pläne umsetzt.

In einer Pressekonferenz zur Abspaltung führten Vorstandschef Nikolai Setzer und der Automotive-Vorstand Philipp von Hirschheydt vor allem externe Faktoren an, die zu dieser Entscheidung geführt hätten. „Wir haben es nicht mehr mit einer Transformation, sondern mit einem disruptiven Umfeld in der Autoindustrie zu tun“, sagte von Hirschheydt.

Continental: Aufspaltung könnte Ende 2025 abgeschlossen sein

Setzer sprach von einem schwankenden Marktumfeld. So hätte etwa am Montag der japanische Leitindex Nikkei mehr als zwölf Prozent verloren. Viele Märkte, auf denen Conti tätig sei, würden ähnlich starke Schwankungen aufweisen. „Die Volatilität hat stark zugenommen“, sagte Setzer. Ein schlankes und unabhängig aufgestelltes Automotive-Geschäft könne laut dem Vorstand flexibler auf diese Veränderungen reagieren. Außerdem würde das Automotive-Geschäft als unabhängiges Unternehmen einfacher Partnerschaften mit anderen Unternehmen eingehen können, sagte von Hirschheydt.

Im April 2025 könnte die Hauptversammlung zustimmen, abgeschlossen wäre die Trennung nach Contis Plänen Ende 2025.

Für eine erfolgreiche Umsetzung müssten allerdings zwei Voraussetzungen erfüllt werden. Zum einen müsste die Sparte laut von Hirschheydt „kapitalmarktfähig“ sein, was nur möglich sein werde, wenn die laufenden Sparmaßnahmen in der Automotive-Sparte ihre Wirkung entfalten. Dabei ist unter anderem der Abbau von über 7000 Stellen weltweit vorgesehen. Zum anderen müsste Conti die Automotive-Sparte mit genügend liquiden Mitteln ausstatten. Als Continental die Antriebssparte Vitesco 2021 abgespalten hatte, stellte Conti Vitesco flüssige Mittel in Höhe von 660 Millionen Euro zur Verfügung.

Sollte die Automotive-Sparte tatsächlich abgespalten werden, würde Continental im Groben zu seiner Ursprungsform zurückkehren. Vor mehr als 20 Jahren hatte Continental als damals reiner Reifenhersteller begonnen, sich sukzessive ins Autozuliefergeschäft einzukaufen. Dafür wurde etwa 1998 der Bremsenspezialist Teves gekauft. 2007 übernahm Conti dann für mehr als elf Milliarden Euro den Autozulieferer Siemens VDO, der einen Großteil der heutigen Automotive-Sparte von Continental bildet.

Aus Sicht von Investoren und Arbeitnehmerkreisen wäre das ein verwirrendes Unterfangen. „Im Grunde wird gerade die Strategie der vergangenen 20 Jahre einfach in den Wind geblasen“, sagte ein Insider. „Die ganzen milliardenschweren Übernahmen hätte sich Continental auch sparen können.“

Nach Ansicht von Kritikern im Unternehmen sind weniger externe Faktoren für die Abspaltungsüberlegungen verantwortlich. Vielmehr sei Continental durch zahlreiche strategische Fehlentscheidungen des Managements in eine verzwickte Lage geraten, heißt es.

Continental: Automotive-Geschäft sorgte häufig für Verluste

So begannen nach einer sehr erfolgreichen Phase mit hohen Gewinnen, ab 2018 noch unter dem damaligen Conti-Chef Elmar Degenhart die Probleme immer größer zu werden. Die zugekauften Unternehmensteile konnten nicht die erhofften Synergien heben. Die Kostenstruktur geriet immer mehr außer Kontrolle. Spar- und Abbaupläne, die ab 2019 forciert wurden, zeigten bislang kaum Wirkung.

Als Nikolai Setzer den Chefposten im Dezember 2020 von Degenhart übernahm, war eine seiner Kernaufgaben, das schwächelnde Automotive-Geschäft wieder in die schwarzen Zahlen zu führen. Bis auf wenige Quartale misslang das aber.

David Lesne, Analyst bei der Schweizer Investmentbank UBS, rechnet daher mit einer verhaltenen Reaktion der Investoren. „Wir gehen nicht davon aus, dass Investoren der Automotive-Einheit viel Vertrauen schenken werden, solange die von Continental angestrebte Gewinnmarge zwischen sechs und acht Prozent nicht nachhaltig erreicht wird“, schreibt Lesne in einer Analyse zu den Abspaltungsplänen. Nur dann werde genügend Vertrauen bestehen, dass sich das Autogeschäft von Continental auch selbst finanzieren könne.

Auch die Analysten des Vermögensverwalters Bernstein sind skeptisch. „Uns fällt es schwer, einen nennenswerten Aufwärtstrend zu erkennen, und stellen fest, dass das Automotive-Geschäft seit mehreren Jahren einen negativen Cashflow aufweist und vom Reifengeschäft finanziert wird“, schreiben die Bernstein-Analysten.

In der Automotive-Sparte bündelt Continental eigentlich das Zukunftsgeschäft. Dort entwickelt und produziert Conti etwa Sensorik, Hochleistungsrechner und Software für das automatisierte Fahren und Infotainmentsysteme, elektronische Bremslösungen sowie wichtige Software-Bestandteile für Auto-Betriebssysteme.

Der Konzernteil machte 2023 rund 20,3 Milliarden Euro Umsatz und zählt nach eigenen Angaben rund 100.000 Beschäftigte. Die Reifensparte beschäftigt ebenfalls rund 100.000 Menschen und kam im vergangenen Jahr auf einen Umsatz von 20,8 Milliarden Euro.

Produktion von Bremssystemen bei Continental: Eigentlich ist in der Sparte das Zukunftsgeschäft gebündelt. Foto: Continental

Conti investiert seit Jahren hohe Summen in die Automotive-Sparte, um sich im harten Wettbewerb behaupten zu können. Die hohen Investitionen wurden mit den Einnahmen des Reifengeschäfts quersubventioniert. Das sorgte innerhalb des Konzerns zunehmend für Missmut bei der Reifenabteilung. So lagen etwa die Forschungsausgaben in der Automotive-Sparte zuletzt bei mehr als zwölf Prozent des Umsatzes, während sich die Reifensparte mit gerade einmal etwas mehr als zwei Prozent zufriedengeben musste.

Dieses dauerhafte Ungleichgewicht hat nun auch in der Reifensparte Spuren hinterlassen. Laut einer aktuellen Bernstein-Analyse sei Branchenprimus Conti bei den Reifen-Margen nach Jahren der Dominanz mittlerweile hinter den italienischen Konkurrenten Pirelli zurückgefallen. Der französische Wettbewerber Michelin liegt beinah gleichauf mit Conti.

Setzer unterstützte den Verbleib der Automotive-Sparte im Konzern

Bereits seit rund zwei Jahren wurde deswegen immer wieder spekuliert, dass sich Continental entweder von Teilen des Automotive-Geschäfts oder gar komplett von der Sparte trennen könnte. Das Handelsblatt hatte 2022 darüber berichtet, dass Conti eine Abspaltung des Geschäfts für Fahrerassistenzsysteme geprüft hatte, das Teil der Automotive-Sparte ist. 2023 beschloss der Vorstand, einen Verkauf des Display-Geschäfts zu prüfen. Dieser Plan wiederum wird zunächst wieder auf Eis gelegt.

Vorstandschef Setzer hatte sich zuletzt aber immer für einen Verbleib der Automotive-Sparte im Konzernverbund ausgesprochen. „Aktuell zählt unser Automotive-Geschäft aus operativer Sicht zwar nicht zur Benchmark in der Zulieferbranche“, sagte Setzer dem Handelsblatt noch im Dezember. Er erhoffe sich jedoch, in diesem Bereich in den nächsten zwei bis drei Jahren „ein großes Wachstumspotenzial“ heben zu können. „Deswegen bleibt Automotive ein Teil von Continental“, so Setzer weiter.

Nikolai Setzer: Der Vorstandschef sagt, Märkte und die Kunden von Continental hätten sich „sehr dynamisch weiterentwickelt“. Foto: Bloomberg/Getty Images

Nun heißt es von Setzer, dass sich die Märkte und die Kunden von Continental in den vergangenen Monaten „sehr dynamisch weiterentwickelt“ hätten. Die „softwaregetriebene Technologietransformation“ erfordere künftig noch mehr Flexibilität. „Vor diesem Hintergrund streben wir eine Aufteilung von Continental an“, sagte Setzer.

Als Fürsprecher der kompletten Abspaltung des Automotive-Geschäfts gilt dagegen der Aufsichtsratsvorsitzende Wolfgang Reitzle. Er würde einen solchen Schritt mit Blick auf die Börse begrüßen und sieht neue Chancen für Anleger. „Anlegern würde dieser Schritt ermöglichen, in ein auf Automobilelektronik fokussiertes Unternehmen einzeln zu investieren“, wird Reitzle in der Konzernmitteilung zitiert.

Mit der Entscheidung, eine komplette Abspaltung der Automotive-Sparte zu prüfen, stehen nun auch Fragezeichen hinter Setzer als Vorstand von Continental. Auf der Pressekonferenz bestätigte Setzer lediglich, dass Philipp von Hirschheydt auch der Chef des unabhängigen Automotive-Unternehmens sein werde. „Meine Aufgabe ist, die Struktur des Unternehmens strategisch aufzustellen und diese umzusetzen. Was dann später passiert, das werden wir sehen“, sagte Setzer.

Aktionäre reagierten zustimmend auf die Ankündigung: Continental-Papiere verringerten ihren Tagesverlust in einem schwachen Marktumfeld um rund vier Prozentpunkte. Conti-Anteilseigner würden bei einer Abspaltung anteilig Aktien des neuen Unternehmens erhalten.

Verwandte Themen
Continental
Elmar Degenhart
Vitesco
Börse

Erstpublikation: 05.08.2024, 15:18 Uhr.

Mehr zum Thema
Unsere Partner
Anzeige
remind.me
Jetziges Strom-/Gaspreistief nutzen, bevor die Preise wieder steigen
Anzeige
Homeday
Immobilienbewertung von Homeday - kostenlos, unverbindlich & schnell
Anzeige
IT Boltwise
Fachmagazin in Deutschland mit Fokus auf Künstliche Intelligenz und Robotik
Anzeige
Presseportal
Direkt hier lesen!
Anzeige
STELLENMARKT
Mit unserem Karriere-Portal den Traumjob finden
Anzeige
Expertentesten.de
Produktvergleich - schnell zum besten Produkt