Batteriehersteller: Varta kassiert die Prognose – und stoppt vorerst den Bau einer Batteriefabrik
Der Batteriehersteller verschob am Dienstagmorgen wegen „technischer Probleme“ die Vorlage seiner Quartalsbilanz.
Foto: dpaStuttgart. Der Batteriehersteller Varta hat seine Prognose am Dienstag nach unten korrigiert. Das Unternehmen rechnet in diesem Jahr nur noch mit einem Umsatz zwischen 805 und 820 Millionen Euro und damit mit einem Rückgang um rund zehn Prozent.
Das vorläufige bereinigte Ebitda (Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen) im Geschäftsjahr 2022 wird nach Einschätzung des Varta-Vorstands von 282 Millionen Euro auf 55 bis 60 Millionen Euro einbrechen. Nach Sofortmaßnahmen soll im kommenden Jahr dann der Umsatz wieder über 850 Millionen Euro und das Ebitda-Ergebnis auf über 90 Millionen Euro steigen.
Darüber hinaus verkündete Varta, den Ausbau einer Fabrik für Lithium-Ionen-Akkus für Elektroautos aus Kostengründen vorerst auf Eis zu legen. „Der Fabrikneubau für die Rundzelle/V4Drive wird erst nach verbindlichen Kundenzusagen fortgesetzt“, hieß es in dem am Dienstag veröffentlichten Zwischenbericht des Unternehmens.
Der Betrieb der ersten Serienfertigungsanlage werde aber planmäßig fortgesetzt und stelle die Zellen bereit, um den Vertrag mit einem Premium-Autohersteller zu erfüllen. Dabei handelt es sich nach Brancheninformationen um Porsche. Varta hatte Ende letzten Jahres eine Pilotanlage für die Hochleistungs-Batteriezellen in Betrieb genommen. Eine Massenproduktion war bisher für 2023 anvisiert.
„Die Unternehmenssituation ist nach wie vor herausfordernd in einem für uns alle angespannten wirtschaftlichen Umfeld“, sagte der neue Vorstandschef Markus Hackstein. Er will mit einem Kostensenkungsprogramm im Volumen von 40 Millionen Euro einschließlich Kurzarbeit gegensteuern.
Alle 700 Beschäftigten in Nördlingen sind betroffen. Dabei werden 200 befristete Verträge gar nicht mehr verlängert. Die restlichen 80 Prozent der Beschäftigten gehen dort bis April in Kurzarbeit. Der Stammsitz in Ellwangen wird über Weihnachten zwei Wochen geschlossen. Darüber hinaus will der neue Vorstandschef das Unternehmen neu positionieren: „Ein klarer Fokus ist dabei der Wachstumsmarkt der stationären Energiespeicherlösungen“, sagte Hackstein.
Panne bei der Veröffentlichung der Zahlen
Eigentlich sollte der Varta-Chef am heutigen Dienstag schon um 11 Uhr erstmals auftreten und die schwierige Lage bei dem Batteriehersteller erklären. Doch das Unternehmen verschob die Pressekonferenz kurzfristig auf 13.30 Uhr. Varta nannte zunächst „technische Gründe“ für die Verzögerung. Auch die eigentlich für sieben Uhr morgens angekündigte Veröffentlichung der endgültigen Quartalszahlen verschob sich bis 12.30 Uhr.
Die Panne wirft kein gutes Licht auf die ohnehin angespannte Lage des Mittelständlers. Die Aktie geriet unter Druck: Anleger reagierten am Dienstag mit Verkäufen auf die Verzögerungen. Die Varta-Titel verloren im frühen Handel in der Spitze mehr als neun Prozent, bevor sie ihre Verluste bis zum Mittag auf gut fünf Prozent eingrenzten.
Nach den neuesten Zahlen brach der Umsatz in den ersten neun Monaten um 8,3 Prozent auf 570 Millionen Euro ein. Das Unternehmen rutschte im zweiten und dritten Quartal in die Verlustzone. Als Grund nannte das Unternehmen die hohen Rohstoff- und Energiepreise, Probleme in der Lieferkette bei gleichzeitig verzögerten Kundenprojekten in der Mikrobatteriesparte.
Bereits Ende September hatte Varta die Gewinnprognose für das Gesamtjahr gekippt. Das Unternehmen beliefert unter anderem Apple mit Batterien für die „Airpods“-Kopfhörer. Doch beim neuesten Modell hat Varta seine Monopolstellung verloren. Apple setzt jetzt auch auf den Lieferanten Samsung.
Ambitioniertes Ziel Antriebsbatterie
Varta versucht, den Sprung vom Hersteller für Minibatterien zu Antriebsbatterien für Elektroautos zu schaffen. Doch trotz 100 Millionen Euro staatlicher Fördergelder für die Entwicklung von Technologie und Produktion droht das Unternehmen sich zu übernehmen. Die Produktion für den Erstkunden läuft zwar nach eigenen Angaben und wird „planmäßig fortgesetzt“. Die Serienbelieferung für die sogenannten V4Drive-Zellen soll dann ab Ende 2023 beginnen.
Es geht um eine Batterie zur Beschleunigung von Sportwagen, noch nicht um Hauptantriebsbatterien. Aber theoretisch kann die Booster-Technologie der neuen Varta-Batterie nach entsprechender Anpassung auch als Hauptantrieb verwendet werden. Bislang hat Varta allerdings noch keine weiteren Kunden präsentieren können. Selbst wenn diese gewonnen werden könnten, dürfte sich ein Auftrag erst in drei Jahren im Umsatz niederschlagen.
Der langjährige Vorstandschef Herbert Schein musste Ende September seinen Posten räumen. Der Manager, der das Unternehmen erfolgreich an die Börse gebracht hat, soll sich künftig nur noch um den Aufbau des Geschäfts mit den Lithium-Ionen-Zellen für die Elektroautos kümmern.
>> Lesen Sie außerdem: Varta-Chef Herbert Schein legt Amt nieder
Das Geschäft soll ausgegliedert werden, um Partner für den teuren Aufbau neuer Produktionskapazitäten zu gewinnen. Das Investment für eine entsprechende Fabrik bezifferte das Management auf eine halbe Milliarde Euro. Deshalb müssen mögliche Partner viel Geld mitbringen.
Hohe Schulden, wenig Cash
Denn die eigenen Mittel sind in den vergangenen Monaten stark aufgezehrt worden. Ende Juni hatte das Unternehmen weniger als 40 Millionen Euro Barreserven. Gleichzeitig haben sich Vartas Schulden in den vergangenen drei Jahren schon vervierfacht auf zuletzt fast 900 Millionen Euro. Und die Zinsen steigen.
Für die beiden vergangenen Jahre wurden jeweils 100 Millionen Euro an Dividenden ausgeschüttet – Geld, das jetzt im Unternehmen fehlt. Das Management reagierte jetzt und sagte, dass das MDax-Unternehmen vorerst keine Dividende mehr zahlen werde. Großaktionär ist der österreichische Investor Michael Tojner. Mit seiner Beteiligungsgesellschaft hält er noch knapp über 50 Prozent der Aktien, nachdem er sich immer wieder von Aktienpaketen getrennt hat.
Der Aktienkurs hat mit gut 30 Euro seit Jahresbeginn rund 73 Prozent an Wert verloren, liegt aber noch über dem Ausgabekurs von 17,50 Euro aus dem Jahr 2017. Aggressive Hedgefonds wetten jedoch auf weitere Kursverluste.
Die meisten Analysten gehen auf Distanz zur Varta-Aktie. Warburg Research senkte erst Anfang November sein Kursziel von 48,50 auf 21 Euro. Und Kepler Cheuvreux halbierte das Ziel Ende Oktober gar auf 15 Euro.