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Biontech, Moderna, Curevac Die mRNA-Pioniere erobern den Pharmamarkt rasant

Biontech und Moderna hängen mit ihrer Impfstoff-Technologie die Konkurrenten ab. Ihre neue Finanzkraft dürften die Biotechfirmen nun nutzen.
18.01.2021 - 04:00 Uhr Kommentieren
Das Unternehmen treibt neben der Covid-Entwicklung aktuell bereits rund ein Dutzend klinischer Projekte in der Krebsforschung voran Quelle: dpa
Biontech-Labor

Das Unternehmen treibt neben der Covid-Entwicklung aktuell bereits rund ein Dutzend klinischer Projekte in der Krebsforschung voran

(Foto: dpa)

Frankfurt Mit der erfolgreichen Entwicklung von Corona-Impfstoffen haben die Biotechfirmen Biontech und Moderna einen Weg aus der Corona-Pandemie aufgezeigt. Allmählich wird sichtbar, wie gewaltig der kommerzielle und strategische Durchbruch ausfällt, der den beiden mRNA-Pionieren damit gelungen ist.

Der Impfstofferfolg dürfte die beiden Firmen aus Mainz und Boston, die bisher noch keinerlei Produkte auf dem Markt hatten, 2021 auf einen Schlag unter die 20 bis 25 umsatzstärksten Pharmaunternehmen der Welt katapultieren. Sie werden künftig über sehr üppige Ressourcen verfügen, um ihre Position als wichtige Innovationstreiber in der Branche weiter auszubauen.

Ein großer, wenn auch nicht so gewaltiger Sprung nach vorn zeichnet sich auch für die Tübinger Curevac ab. Deren mRNA-Impfstoff gegen Covid-19 wird aktuell noch in einer Phase-3-Studie geprüft. Liefert er ähnlich gute Wirksamkeitsdaten wie die Produkte von Biontech und Moderna, dürfte auch Curevac zu einem durchintegrierten Pharmaunternehmen mit starken Finanzreserven für den Ausbau der Forschung aufsteigen.

Nachdem inzwischen weitere Daten aus Impfstoffstudien bekannt werden, deutet sich an, dass die neuartigen Vakzine auf Basis von Boten-Nukleinsäuren, sogenannter Messenger-RNA (mRNA), nicht nur im Entwicklungstempo führend sind, sondern auch in puncto Wirksamkeit und Sicherheit. Keines der alternativen Impfstoffverfahren kam bisher an die Qualität der Vakzine heran. Zuletzt etwa wurden enttäuschende Daten für einen Impfstoff der chinesischen Sinovac aus einer Studie in Brasilien gemeldet.

Damit zeichnet sich in technologischer wie auch kommerzieller Hinsicht ein Triumph für die mRNA-Technologie ab. Die globale Verhandlungsposition und Preismacht der Hersteller ist in den vergangenen Wochen eher noch gewachsen. Staaten rund um den Globus reißen sich um die Impfstoffe, trotz höherer Kosten und größerer Herausforderungen in der Logistik.

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Einen deutlichen Hinweis auf die finanziellen Dimensionen dieser Erfolge gab Moderna-Chef Stéphane Bancel kürzlich in einer Präsentation. Das US-Unternehmen habe bisher für das laufende Jahr bereits knapp 520 Millionen Impfstoffdosen zum Gesamtpreis von 11,7 Milliarden Dollar fest verkauft. „Und damit ist es nicht getan, wir verhandeln über weitere Lieferverträge“, betonte Bancel.

Die bisherigen Deals von Moderna laufen auf einen Durchschnittserlös von etwa 22,50 Dollar je Dosis hinaus. 2021 will man bis zu eine Milliarde Dosen, mindestens aber 600 Millionen Einheiten produzieren. Das Ordervolumen und damit auch der potenzielle Umsatz dürfte daher weiter steigen.

Mögliche Cash-Position in zweistelliger Milliardenhöhe

Womöglich sogar noch deutlicher wird der Covid-Erfolg für Biontech ausfallen, das seinen Impfstoff in einer Allianz mit dem Pharmariesen Pfizer entwickelte und vertreibt. Das Mainzer Unternehmen präsentiert sich generell zurückhaltender und hat bisher noch keinerlei Finanzprognosen für 2021 geäußert.

Zwar musste Pfizer vorübergehend die Liefermenge des Mittels an europäische Länder senken, wie der Konzern am Freitag bekanntgab. Grund sei ein Hochfahren der Produktionskapazitäten. Allerdings haben die beiden Partner vor wenigen Tagen ihr Produktionsziel für das laufende Jahr von 1,3 auf zwei Milliarden Dosen angehoben und jetzt nochmals bekräftigt.

Mehr als eine Milliarde Dosen davon sind nach den Worten von Biontech-Chef Ugur Sahin bereits fest verkauft. Die gesicherten Erlöse für 2021 dürften sich damit bereits bei um die 20 Milliarden Dollar bewegen. Das Unternehmen ist mit seinem Covid-Impfstoff inzwischen in 45 Ländern auf dem Markt. Inklusive der weiteren Produktionsmengen könnte sich der Gesamtumsatz in Richtung 40 Milliarden Dollar bewegen.

Wie der Umsatz zwischen den Partnern aufgeteilt wird, ist bisher nicht publiziert. Fest vereinbart haben Pfizer und Biontech, dass sie sich den Rohertrag, also die Differenz aus Umsatz und Herstellkosten, teilen. Der könnte nach Schätzung mancher Analysten bei bis zu 75 Prozent des Umsatzes liegen – und damit bei zehn bis 15 Milliarden Dollar für jeden der beiden Partner.

„Die Covid-Impfstoffe“, so Bancel, „sind nur der Anfang.“ Quelle: Bloomberg
Moderna-Chef Stéphane Bancel

„Die Covid-Impfstoffe“, so Bancel, „sind nur der Anfang.“

(Foto: Bloomberg)

Hinzu kommen für Biontech möglicherweise Erträge aus der Allianz mit Fosun, die das Vakzin für den chinesischen Markt entwickelt. Damit ist nicht ausgeschlossen, dass Biontech das laufende Jahr mit einem Ertrag und einer Cash-Position in zweistelliger Milliardenhöhe beendet.

Ein derart vehementer Übergang ins operative Geschäft ist beispiellos in der Biotechbranche. Ein paar Hundert Millionen Dollar Umsatz im ersten Jahr nach einer Produkteinführung werden in der Regel bereits als großer Erfolg gewertet. Viele Firmen schaffen es nie, ein neues Medikament in eigener Regie auf den Markt zu bringen.

Die gesamte deutsche Biotechbranche erzielte zuletzt nur etwa fünf Milliarden Euro Umsatz. Der operative Cash-Zufluss von Biontech im laufenden Jahr wird in etwa dem entsprechen, was die deutsche Branche in zwei Jahrzehnten an Risikokapital eingeworben hat.

Biontech arbeitet an Krebsmitteln

Auch vor den Erfolgen der Covid-Impfstoffentwicklung waren die mRNA-Spezialisten dank großer Deals mit Pharmakonzernen, üppiger Finanzierungsrunden und ihrer Börsengänge bereits überdurchschnittlich gut finanziert. Aber mit dem Einstieg ins Covid-Geschäft wachsen sie nun in eine Dimension, die ihnen einen noch offensiveren Kurs in der Forschung erlauben wird.

Alle drei mRNA-Pioniere zeigen sich entschlossen, das Potenzial ihrer Technologieplattform und Finanzkraft voll zu nutzen. Biontech setzt dabei nicht nur auf mRNA. Firmenchef Ugur Sahin formulierte das strategische Ziel so: „Wir wollen ein globales Geschäft aufbauen und zu einem führenden Unternehmen der Immuntherapie im 21. Jahrhundert werden.“

Das Unternehmen treibt neben der Covid-Entwicklung aktuell bereits rund ein Dutzend klinischer Projekte in der Krebsforschung voran, darunter Konzepte wie individualisierte mRNA-Impfstoffe, die das Immunsystem gegen spezifische Tumor-Mutationen aktivieren sollen.

Biontech forscht darüber hinaus an neuartigen Zelltherapien und testet auch klassische und biologische Pharmawirkstoffe, die helfen könnten, das Immunsystem zu stimulieren oder Wachstumsmechanismen von Krebszellen zu bremsen.

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Das Unternehmen plant, 2021 die ersten zulassungsrelevanten Studien im Bereich Onkologie zu starten und drei der frühen Projekte in die klinische Phase 2 zu überführen. Seine mRNA-Technologie will Biontech sowohl zur Entwicklung weiterer Impfstoffe gegen Infektionskrankheiten als auch in der Krebstherapie breiter nutzen. So arbeitet Biontech unter anderem auch an Wirkstoffen, die Körperzellen zur Produktion von Antikörpern gegen Krebszellen anregen.

Mittelfristig peilt Firmenchef Ugur Sahin auch den Einsatz der Technologie in anderen Therapiebereichen an, so etwa auch in der Behandlung von Autoimmunerkrankungen. Wissenschaftler des Unternehmens veröffentlichten vor wenigen Tagen zum Beispiel erste Tierversuche, bei denen mRNA erfolgreich gegen die Autoimmunerkrankung Multiple Sklerose eingesetzt wurde.

„Wir wollen das volle Potenzial des Immunsystems nutzen“, sagt Biontech-Chef Sahin. „Es kann uns gegen Krankheiten wie Covid-19 schützen, aber es ist auch in schätzungsweise 80 Prozent aller chronischen Erkrankungen involviert. Wir können damit den medizinischen Bedarf in diversen Krankheitsfeldern adressieren.“

Weitere Ambitionen im Covid-Geschäft

Zugleich demonstrieren Biontech und die beiden Konkurrenten, dass man sich in der Corona-Impfstoffentwicklung nicht mit dem bisherigen Produkterfolg zufriedengeben wird. Es laufen bereits weitere Studien. So testet Biontech den Impfstoff auch bei Kindern und Jugendlichen.

Darüber hinaus arbeitet das Unternehmen an Veränderungen, die dem Vakzin eine bessere Stabilität geben sollen und damit auch eine längerfristige Lagerung bei höheren Temperaturen ermöglichen.

Sollte sich die Corona-Pandemie zu einer dauerhaften Erscheinung mit einem stetig mutierenden Virus entwickeln, wofür derzeit einiges spricht, könnten die mRNA-Impfstoffe zusätzliche Vorteile gegenüber den Konkurrenzprodukten bieten. Denn sie können im Prinzip innerhalb weniger Wochen an neue Virusvarianten angepasst werden.

Zudem verspricht die mRNA-Technologie die Möglichkeit, Impfungen häufig zu wiederholen, während zum Beispiel bei den Vektor-Impfstoffen der Konkurrenten die Gefahr besteht, dass sie an Wirksamkeit verlieren. Denn diese Impfstoffe nutzen modifizierte Erkältungsviren als Transfervehikel, gegen die das Immunsystem Abwehrmechanismen entwickelt.

„Wir wollen das volle Potenzial des Immunsystems nutzen.“ Quelle: Reuters
Biontech-Chef Ugur Sahin

„Wir wollen das volle Potenzial des Immunsystems nutzen.“

(Foto: Reuters)

Auch der Moderna-Chef demonstriert große Zuversicht. „mRNA ist die beste Plattform, um Impfstoffe herzustellen“, zeigte sich Bancel überzeugt. Ebenso wie Biontech zielt das US-Unternehmen darauf, seinen Impfstoff für den Einsatz bei jüngeren Menschen zuzulassen. Darüber hinaus testet Moderna Vakzine gegen andere Erreger, etwa das Influenzavirus und das Epstein-Barr-Virus, das für das Pfeiffer-Drüsenfieber verantwortlich ist und offenbar auch manche Krebserkrankungen begünstigt.

Anders als Biontech setzt das US-Unternehmen dabei ausschließlich auf mRNA als Technologieplattform. Die Ambitionen reichen dabei jedoch ebenfalls weit über Infektionskrankheiten hinaus. Das US-Unternehmen testet unter anderem mehrere Krebsmedikamente und -impfstoffe und zielt darüber hinaus darauf, auch andere Krankheiten, darunter etwa seltene Erbkrankheiten und Stoffwechseldefekte mit seiner Technologie anzugehen.

Finanziell wird es für die Umsetzung dieser Strategien sowohl für Moderna als auch für Biontech kaum noch Restriktionen geben. „Die Covid-Impfstoffe“, so Bancel, „sind nur der Anfang.“

Mehr: Welche Pharma-Aktien von der Corona-Impfwelle besonders profitieren

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