Biotechnologie: Erfolg mit radioaktiver Krebstherapie: Biotech-Firma ITM sammelt 2023 das meiste Kapital ein
Frankfurt. Mit radioaktiven Medikamenten Tumorzellen von innen zerstören – dieser Therapieansatz zählt derzeit zu den vielversprechendsten neuen Behandlungsmöglichkeiten gegen Krebs. Davon profitiert das deutsche privat finanzierte Biotech-Unternehmen ITM Isotope Technologies Munich SE (ITM).
ITM konnte sich damit im vergangenen Jahr die größte Finanzierungsrunde der Biotech-Branche in Deutschland sichern. Insgesamt 255 Millionen Euro warb das in Garching bei München ansässige Unternehmen von alten und neuen Investoren ein. Auch dank dieser Runde ist das Finanzierungsvolumen der Branche im vergangenen Jahr erstmals seit 2020 wieder gewachsen – um 17 Prozent auf etwas mehr als eine Milliarde Euro, wie Zahlen des Branchenverbands Bio Deutschland zeigen.
Damit liegt die Branche wieder auf dem Niveau vor der Coronapandemie, in der unter anderem Rekordfinanzierungen bei den Impfstoffunternehmen Biontech und Curevac die Branche bestimmt hatten. Allerdings wagen sich im schwierigen Kapitalmarktumfeld seit zwei Jahren keine deutschen Biotechunternehmen an die Börse.
Insgesamt sei das Jahr 2023 bezogen auf das Volumen der Investitionen ordentlich gewesen, betont Oliver Schacht, Vorstandsvorsitzender von Bio Deutschland. „Wenn es in diesem Jahr auch wieder Börsengänge gibt, dann kann 2024 das Jahr der Trendwende werden“, sagt er.
Biontech hatte mit seinem ersten Impfstoff gegen Covid-19 auf Basis der neuartigen mRNA-Technologie weltweit die Aufmerksamkeit auf die deutsche Biotech-Branche gelenkt. Firmen wie ITM zeigen, dass es jenseits des Ausnahmeerfolgs von Biontech weitere vielversprechende Unternehmen in Deutschland gibt, die über die Branche hinaus aber nur wenigen bekannt sind.
Pharmakonzern Novartis ist wichtiger Kunde
ITM entwickelt und erforscht präzise Krebstherapien, bei denen radioaktive Isotope mit sogenannten tumorspezifischen Zielmolekülen kombiniert werden, sowie passende Diagnostika. Bei dieser sogenannten Radionuklidtherapie reichert sich der radioaktive Stoff im Tumor des Patienten an und die Strahlung zerstört die bösartigen Zellen von innen heraus.
Bereits seit seiner Gründung 2004 produziert ITM Radioisotope für Pharmaunternehmen aus aller Welt. Ein großer Kunde ist beispielsweise der Schweizer Pharmakonzern Novartis, der im vergangenen Jahr eine neuartige Radiopharma-Therapie gegen metastasierenden Prostatakrebs auf den Markt gebracht hat. Das Mittel Pluvicto könnte zu den größten Umsatzbringern von Novartis gehören: Die Analysten von Citi erwarten für das Jahr 2025 einen Umsatz von 2,3 Milliarden Dollar.
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Um der steigenden Nachfrage nach Radioisotopen gerecht zu werden, hat ITM im vergangenen Jahr bereits den zweiten Produktionsstandort eröffnet, der nach Angaben des Unternehmens der weltweit größte für das radioaktive Element Lutetium-177 ist.
Zu Umsatz und Gewinnzielen will ITM-Chef Steffen Schuster keine Angaben machen. Das Unternehmen wächst aber rasant: Binnen Jahresfrist ist die Zahl der Beschäftigten von 500 auf aktuell 650 gestiegen. Anfang 2022, als ein möglicher Börsengang für das Unternehmen für Schlagzeilen sorgte, wurde ITM laut mit dem Vorgang vertrauten Personen mit rund 1,5 Milliarden Dollar bewertet.
ITM will nicht nur zuliefern, sondern auch selbst Radiopharmazeutika vermarkten. Derzeit werden verschiedene Produktkandidaten erforscht, die unter anderem auch gegen schwer zu behandelnde Erkrankungen wie Hirntumore, Lungen- oder Eierstockkrebs und sogenannte neuroendokrine Tumore, die aus hormonbildenden Zellen entstehen, gerichtet sind. Am weitesten ist der Kandidat ITM 11, der derzeit in zwei fortgeschrittenen klinischen Studien gegen bösartige Tumore des Magen-Darm-Trakts untersucht wird.
„Unser Ziel ist es, so viele Medikamente wie möglich auf den Markt zu bringen“, sagt ITM-CEO Steffen Schuster. Deshalb habe man die Verträge mit den Pharmaunternehmen so gestaltet, dass ITM ebenfalls Medikamente in den Indikationen und mit den Zielmolekülen entwickeln darf, an denen auch die Kunden des Unternehmens forschen. „Friendly Coopetition“ nennt Schuster das.
Big Pharma kauft bei Radiopharmazeutika zu
Während die Stimmung in der Biotech-Branche insgesamt gedämpft ist, gibt sich der ITM-Chef sehr zuversichtlich. Das Thema Radiopharmazeutika sei im Markt sehr angesagt. Das zeigen unter anderem zwei milliardenschwere Deals, die kurz vor Jahresende noch festgezurrt wurden: Der Pharmakonzern BMS bot 4,1 Milliarden Dollar für den Radiopharma-Spezialisten Rayze Bio und Konkurrent Eli Lilly erwarb Point Bio für 1,4 Milliarden Dollar. Und in Deutschland konnte neben ITM noch ein weiteres Radiopharmazeutika-Unternehmen Investoren überzeugen: Ariceum Therapeutics aus Berlin sammelte 23 Millionen Euro ein.
Die Attraktivität dieses Therapiefelds könnte ITM auch bei einem möglichen Börsengang helfen. Allerdings ist der eine von mehreren Optionen. „Wir sind darauf vorbereitet, aber wir müssen das kurzfristig nicht tun“, sagt CEO Schuster. ITM habe sehr gute Investoren, die die Möglichkeit gäben, das Unternehmen und die Entwicklung neuer Medikamente weiter voranzubringen.
Insgesamt gibt es mehr als 750 Biotech-Unternehmen in Deutschland. 2022 erreichten sie einen Umsatz von mehr als 25 Milliarden Euro, wobei mehr als 17 Milliarden Euro damals auf die Covid-19-bedingten Umsätze bei Biontech entfielen. Ohne Biontech kommt die Branche auf etwa acht Milliarden Euro Umsatz. Im vergangenen Jahr sammelte nach ITM der Tübinger Impfstoffhersteller Curevac das meiste Geld ein – umgerechnet 234 Millionen Euro über die Ausgabe neuer Stammaktien.
Nachdem sich die Stimmung bei vielen Unternehmen angesichts der vielen Krisen, Inflation und Konjunkturschwäche 2023 weiter verschlechtert hat, gibt es laut dem Vorstandsvorsitzenden Oliver Schacht für dieses Jahr verhaltenen Optimismus. Laut Umfrage des Verbands unter Mitgliedsunternehmen erwarten rund 35 Prozent, dass ihre Geschäftslage 2024 besser sein wird als 2023. Letztes Jahr hatten das 26 Prozent erwartet.
Auf der Finanzierungsseite macht beispielsweise das Münchener Unternehmen Immunic Hoffnung, das unter anderem ein Medikament gegen Multiple Sklerose erforscht. Das an der US-Technologiebörse Nasdaq notierte Unternehmen hat Anfang Januar ein Investorenkonsortium für eine gestaffelte Privatplatzierung gewonnen, die bis zu 240 Millionen US-Dollar über die nächsten fünf Jahre ergeben kann.
Und auch beim Thema Börsengänge tut sich etwas, zumindest in den USA. Die Gen-Editing-Firma Metagenomi, unter anderem Kooperationspartner von Impfstoffhersteller Moderna, hat in der ersten Januarwoche ihren Prospekt für einen geplanten Börsengang veröffentlicht. „Das könnte der Türöffner für weitere sein“, hofft Schacht.