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Nach Novartis und SanofiSetzen Bayer und Merck auf eine Aufspaltung der Konzerne?

Die Fokussierung aufs Kerngeschäft liegt in der Pharmabranche im Trend. Das zeigten zuletzt Novartis und Sanofi. Der Druck auf die diversifizierten Unternehmen Bayer und Merck steigt.Maike Telgheder, Theresa Rauffmann 08.01.2024 - 15:47 Uhr

Frankfurt, Düsseldorf. Immer mehr Pharmaunternehmen spalten ihre Randgeschäfte als verzichtbar ab und fokussieren sich auf Erforschung und Herstellung margenstarker Medikamente. Es ist ein Trend, der sich auch für 2024 abzeichnet – und vielleicht auch den Dax erreicht.

Vergangenes Jahr trennte unter anderem das US-Pharmaunternehmen Johnson & Johnson seine Verbrauchergesundheitssparte ab, der Schweizer Pharmakonzern Novartis brachte seine Generika-Tochter Sandoz an die Börse. Das französische Pharmaunternehmen Sanofi will ab Ende 2024 seine Consumer-Healthcare-Sparte abspalten. Damit trifft es überwiegend die Sparten für rezeptfreie Medikamente. 

Daher glaubt auch Christian Klingbeil, Partner im Bereich Deal Advisory bei der Unternehmensberatung KPMG, dass die Fokussierung aufs strategische Kerngeschäft weitergeht. Denn es wird nicht nur im eigenen Haus entwickelt: „Viele Unternehmen müssen sich refinanzieren, um teure Zukäufe zu realisieren.“ Zu einem dieser Unternehmen könnte Bayer werden.

Investoren fordern schon seit Langem eine Aufspaltung des Konzerns, der in den Bereichen Pharma, Consumer Health und Agrarchemie tätig ist. Und Bayer-CEO Bill Anderson zeigt sich offen für Veränderungen. Auf dem Kapitalmarkttag im März wird der Vorstandsvorsitzende, der seit Juni im Amt ist, skizzieren, wie es mit Bayer weitergehen wird.

Für Investoren am attraktivsten wäre eine Abspaltung der rezeptfreien Medikamente. Mit dem eingenommenen Geld ließe sich zumindest ein Teil der hohen Schulden von Bayer tilgen. Der Dax-Konzern könnte sich, wie die Konkurrenten, auf die Entwicklung neuer Margenbringer konzentrieren. Die Pipeline braucht spätestens seit dem Flop des wichtigsten Forschungsprojekts, dem Gerinnungshemmer Asundexian, Nachschub. Dazu müssten neue Medikamente auch schlichtweg mitsamt der herstellenden Unternehmen aufgekauft werden.

Sanofi ohne Consumer Health

Eins der Vorbilder: Sanofi. Das Unternehmen will in Zukunft stärker in die Entwicklung von Medikamenten gegen Immun- und Entzündungskrankheiten investieren. Dem Neurodermitis- und Asthmamittel Dupixent etwa trauen Analysten in den nächsten Jahren Spitzenumsätze von knapp 16 Milliarden Euro zu.

Durch den Verkauf der Consumer-Healthcare würden bekannte Arzneimittelmarken wie Mucosolvan (Erkältung) und Dulcolax (Verstopfung) nicht mehr zum Portfolio der Franzosen gehören. Aktuell prüft das Unternehmen mögliche Abspaltungsszenarien, am wahrscheinlichsten gilt aber die Schaffung eines neuen börsennotierten Unternehmens mit Sitz in Frankreich.

Was der französische Konzern plant, haben viele große Wettbewerber in den vergangenen Jahren bereits vorgemacht: Sieben der Top 10 Pharmaunternehmen der Welt haben in den vergangenen Jahren Bereiche wie Tiermedizin, Impfstoffe, Generika und Diagnostik abgespalten. Vor etwas mehr als einem Jahrzehnt war lediglich die britische Astra-Zeneca ein sogenannter „Pure Player“.

Auch Merck verspürt Handlungszwang

Beim Thema Aufspaltung dürfte auch die deutsche Merck immer stärker unter Druck geraten, erwarten etwa die Aktienexperten von Bloomberg. Anfang Dezember gab das Unternehmen bekannt, dass die Daten für das Multiple-Sklerose-Mittel Evobrutinib nicht überzeugen konnten. Ein herber Rückschlag: „Auf Merck Pharma kommt eine Durststrecke zu“, prophezeit Markus Manns, Fondsmanager bei Union Investment.

Das beflügelt Aufspaltungsfantasien der Investoren – denn Merck fertigt auch Laborausrüstung und Spezialchemie vor allem für die Halbleiterindustrie. Das Ob hängt vor allem an der Familie Merck, die den Großteil der Anteile hält und sich bisher immer zufrieden mit der Aufgliederung in drei Teile zeigte.

Patentabläufe bedrohen die Geschäfte

Nicht nur auf Merck und Bayer lastet Druck: „Viele Pharmaunternehmen stehen in der zweiten Hälfte des Jahrzehnts vor einer Patentklippe“, sagt Deal-Experte Klingbeil. Sie müssten „ihr Portfolio kurz- bis mittelfristig mit neuen Medikamentenkandidaten stärken“, unter anderem auch durch Kooperationen und Partnerschaften, aber auch durch Zukäufe.

Das zeigt sich im Markt: Die M&A-Tätigkeit der Branche ist 2023 im Vergleich zu den Vorjahren schon merklich gestiegen. Mit der rund 42  Milliarden Dollar schweren Übernahme des Krebsspezialisten Seagen durch das US-Unternehmen Pfizer war das Transaktionsjahr stark gestartet. Zwischendrin wurde es zwar ruhiger. Doch ein Boom zum Jahresende sorgte schließlich dafür, dass das Dealvolumen um rund 22 Prozent auf rund 193 Milliarden Dollar anstieg – und damit trotz einer geringeren Anzahl an Transaktionen den höchsten Wert seit 2019 erreichte.

Insbesondere die milliardenschweren Zukäufe von Abbvie und Bristol-Myers Squibb (BMS) in den letzten Wochen des Jahres sorgen für Aufsehen: Abbvie will den Krebsspezialisten Immunogen für rund zehn Milliarden Dollar sowie die auf neurologische Erkrankungen fokussierte Firma Cerevel Therapeutics für knapp neun Milliarden Dollar kaufen. BMS wiederum will die Medikamentenentwickler Mirati Therapeutics und Raze Bio erwerben und kündigte zwei Tage vor Weihnachten noch die rund zwölf-Milliarden-Dollar-schwere Übernahme von Karuna Therapeutics an.  Letztere entwickeln unter anderem eine vielversprechende Therapie gegen Schizophrenie.

Noch sind diese Deals zwar nicht abgeschlossen, aber Investoren werten die Aktivitäten bereits als gutes Zeichen für das Transaktionsgeschehen für das laufende Jahr. Die Experten von Bloomberg Intelligence weisen darauf hin, dass die von ihnen untersuchten großen Arzneimittelhersteller Finanzreserven in Höhe von mindestens 230 Milliarden US-Dollar haben und damit die nötige Bilanzflexibilität, sollten sich Gelegenheiten für größere Zukäufe ergeben.

„Angesichts einer Erholung an den Aktienmärkten und der positiven Entwicklung der meisten Frühindikatoren für Fusionen und Übernahmen erwarten wir, dass sich die Transaktionsaktivität im Jahr 2024 im Vergleich zum Vorjahr verbessern wird, bevor sie sich in den Jahren 2025-2026 normalisiert", erwarten auch die Analysten von Morgan Stanley.

Zu den Therapiefeldern, die bei den Transaktionen im Trend liegen, gehören laut KPMG-Experte Klingbeil dabei Onkologie und Immunologie. „Aber auch Gewichtsabnahme und Herzkreislauf werden Bereiche sein, in denen wir vermehrt Deals sehen können“, sagt er.

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Anfang Dezember hatte etwa der Schweizer Konzern Roche 2,7 Milliarden Dollar für das kalifornische Carmot Therapeutics hingelegt, das Wirkstoffe zur Behandlung von Fettleibigkeit und Diabetes entwickelt. Der Hype rund um die sogenannten Abnehmspritzen von Novo Nordisk und Eli Lilly hatte gezeigt, dass im Adipositas-Markt Potenziale für Milliardeneinnahmen liegen.

Erstpublikation: 05.01.2024, 15:24 Uhr.

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