Chemie: Bayer erwartet bis zu 16 Prozent weniger Gewinn
Auf den neuen Vorstandschef warten zahlreiche Herausforderungen.
Foto: ReutersDüsseldorf. Bayer senkt seine operativen Gewinnziele für die beiden größten Sparten Agrar und Pharma. Dies zeigt die neue detaillierte Prognose, die das Leverkusener Unternehmen am Dienstag vorgelegt hat. Danach wird der bereinigte Gewinn 2023 konzernweit um bis zu 16 Prozent auf einen Wert zwischen 11,3 und 11,8 Milliarden Euro sinken.
Schuld daran sind zum größten Teil die kräftig gefallenen Preise und Verkaufsmengen des Unkrautvernichter Glyphosat, der 2022 noch der große Gewinntreiber im Konzern war. Bayer hatte wegen der Probleme in der Agrarsparte Crop Science vor zwei Wochen bereits mit einer Gewinnwarnung überrascht.
Im nun vorliegenden Quartalsbericht zeigt sich aber: Auch die Division Pharmaceuticals mit den rezeptpflichtigen Mitteln läuft nicht rund und kann somit die Schwächephase im Agrargeschäft nicht ausgleichen. Der Umsatz stagnierte im zweiten Quartal, der bereinigte Gewinn ging um sieben Prozent zurück.
In diesen beiden größten Sparten wird Bayer damit die angestrebten Renditen 2023 verfehlen. Bei Crop Science, der Agrarsparte, wollte der Konzern auf eine Gewinnspanne vor Sondereinflüssen zwischen 25 und 26 Prozent kommen. Jetzt werden nur noch 21 Prozent erwartet. Bei Pharma hatte der Konzern eine Rendite von leicht über 29 Prozent eingeplant, nun rechnet das Management mit 28 Prozent.
Für den seit Anfang Juni amtierenden neuen Bayer-Chef Bill Anderson ist dies ein schwieriger Start. Am Dienstagnachmittag präsentierte mit dem Vorstand den Investoren zum ersten Mal die Bayer-Ergebnisse in einem Webcast. Die Aktie hatte nach der Gewinnwarnung am 24. Juli leicht zugelegt, am Dienstagmittag lag sie mit 1,4 Prozent im Minus bei 51,60 Euro.
Von den Analysten wurde Anderson in dem Webcast aber vor allem nach seiner Strategie und zu möglichen strukturellen Veränderungen gefragt, etwa nach einer Trennung der Pharma- und Agrarchemiegeschäfte. Der seit 1. Juni amtierende Bayer-Chef blieb, wie zuvor schon, zurückhaltend, sagte aber: „Es liegen alle Optionen auf dem Tisch und wir schauen uns sie intensiv an.“
Natürlich gebe es bei dem Thema Präferenzen von verschiedenen Seiten, sagt Anderson mit Blick auf Investoren, die eine Aufspaltung Bayers fordern. Aber letztlich komme es darauf an, was das Beste für das Unternehmen sei, um dessen Mission zu „einhundert Prozent“ zu erfüllen. „Wenn wir zu dem Schluss kommen, dass dazu auch strukturelle Veränderungen notwendig sind, werden wir die angehen“, sagte der Nachfolger des langjährigen Vorstandsvorsitzenden Werner Baumann.
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Nach diesen Aussagen drehte die Bayer-Aktie am Nachmittag zwischenzeitlich ins Plus. Erst Anfang 2024 will Anderson seine Pläne für die neue Strategie und die finanziellen Ziele vorstellen. Er machte klar, dass es ihm vor allem um mehr Schnelligkeit, weniger Bürokratie und mehr Unternehmergeist in der Bayer-Organisation gehe: „Ich sehe ganz unabhängig von der Konzernstruktur riesiges Potenzial, um im Unternehmen die volle Kraft entfalten zu können.“ Bayer müsse sich nicht mit anderen Großkonzernen vergleichen, sondern mit Start-ups.
Analysten sprachen mit Blick auf das schwache Quartalsergebnis von einem „reinigenden Gewitter“ zum Start des neuen Vorstandschefs: Sie vermuten, dass Bayer bewusst viele Belastungen darin aufgenommen hat. Anderson könnte – davon befreit – die Ergebnisse wieder zügig nach oben bringen.
Doch so einfach ist die Rechnung nicht. Anderson muss sich einigen kritischen Fragen stellen: So wird Bayer in diesem Jahr der neuen Prognose zufolge keine frei verfügbaren Mittel zur Verfügung haben, der Free Cashflow wird bei null statt bei den zunächst erwarteten drei Milliarden Euro liegen.
Kein Geld für Schuldenabbau
„Dieses Geld hätte Bayer dringend zum Schuldenabbau oder für Medikamenten-Einlizenzierungen benötigt“, kommentiert Markus Manns, Fondsmanager bei Union Investment. Klar ist: Vom Ziel, die Nettoverschuldung bis Ende des Jahres auf 32 bis 33 Milliarden Euro zu senken, muss sich Bayer verabschieden. Laut neuer Prognose wird ein Wert von 36 Milliarden Euro erwartet.
Der Preis für den weitverbreiteten Unkrautvernichter sinkt kräftig.
Foto: dpaAus dem freien Cashflow bestreiten Unternehmen üblicherweise auch ihre Dividendenzahlungen. Bayers-Finanzvorstand Wolfgang Nickl unterstrich gegenüber Investoren, dass die aktuelle Lage nicht zu Änderungen an der Dividenden-Politik führen werde. Diese sieht vor, 30 bis 40 Prozent des bereinigten Ergebnisses je Aktie auszuschütten. Für das Ergebnis je Aktie in diesem Jahr werden 6,20 bis 6,40 Euro prognostiziert.
Der Medizinexperte Anderson wird in seiner Strategie ein besonderes Auge auf das Pharmageschäft legen. Dort gab es zuletzt auch Erfolge: Der Konzern hat einige neue Mittel auf den Markt gebracht, die sich zum Start gut verkaufen. Der Umsatz mit dem Krebsmittel Nubeqa verdoppelte sich, beim Nierenmedikament Kerendia gelang eine Verdreifachung.
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Doch die Vermarktung dieser neuen Mittel bringt auch hohe Kosten mit sich. Bayer steckt zudem viel Geld in die Erforschung neuer Arzneien in der Gen- und Zelltherapie. Es ist eine der größten und wohl auch kostspieligsten Aufgaben Andersons, diese frühen Entwicklungsprojekte erfolgreich durch die klinischen Tests und anschließend an den Markt zu bringen.
Der Gewinn der Pharmasparte leidet unter dem Preisdruck in vielen Ländern. In China etwa kaufen Kommunen gemeinsam ein und verlangen für diese Großbestellungen in sogenannten Tenderverfahren deutliche Preisnachlässe. 2023 wird der Umsatz der Pharmadivision von Bayer daher stagnieren und der bereinigte Gewinn geringer ausfallen.
Im Agrargeschäft fällt der Einbruch allerdings ungleich kräftiger aus. Dort sank der bereinigte Gewinn im zweiten Quartal um 59 Prozent. Als einer der größten Glyphosathersteller der Welt sitzt Bayer derzeit auf hohen Lagerbeständen, deren Wert im Zuge des Preisverfalls nun korrigiert werden musste. Diese Abschreibung brockte Bayer einen Quartals-Nettoverlust von 1,88 Milliarden Euro ein.
Nur die Sparte mit rezeptfreien Mitteln läuft rund
Für 2023 rechnet Bayer im Agrargeschäft mit einem Umsatzrückgang von fünf Prozent. Laut Prognose soll der bereinigte Gewinn um 30 Prozent sinken. Immerhin dürfte der Tiefpunkt bei den Glyphosat-Preisen nun erreicht sein. Analysten rechnen aber auch auf absehbare Zeit nicht mit einer Erholung. Bayer muss also im Agrargeschäft im kommenden Jahr beweisen, dass der Konzern auch abseits von Glyphosat substanzielles Wachstum erzielen kann.
Bayers dritte Division mit den rezeptfreien Mitteln rund um Aspirin und Bepanthen liefert einen der wenigen Lichtblicke in den Quartalszahlen: Umsatz und bereinigter Gewinn der Sparte Consumer Health legten zu und sollen 2023 die avisierten Wachstumsziele erreichen.