Chemieindustrie: Covestro-Chef soll Chemieverband ein Jahr länger führen
Düsseldorf. In wenigen Wochen sollen die Mitgliedsfirmen des Verbands der Chemischen Industrie (VCI) einen neuen Präsidenten wählen. Doch noch ist nicht einmal entschieden, wer am 12. September überhaupt als wichtigster Interessenvertreter von Deutschlands drittgrößtem Industriezweig kandidieren wird.
Im Herbst endet nach zwei Jahren die Amtszeit von VCI-Präsident Markus Steilemann, dem Vorstandsvorsitzenden des Dax-Konzerns Covestro. Nach Gepflogenheiten des Verbands würde turnusgemäß ein Chef oder eine Chefin eines anderen großen Chemiekonzerns übernehmen. Doch mehrere Topmanager stehen für eine Amtsübernahme zu diesem Zeitpunkt nicht zur Verfügung, heißt es in Branchenkreisen.
Nun könnte es zu einer Übergangsregelung kommen, erfuhr das Handelsblatt aus der Branche.
Demnach soll Steilemann den Chemieverband zumindest noch ein Jahr länger führen und dann an einen Nachfolger übergeben. Der neue BASF-Chef Markus Kamieth könnte den Spitzenposten 2025 übernehmen.
Dies sei die derzeit wahrscheinlichste Option, heißt es in den Kreisen. Es sei aber nicht ausgeschlossen, dass bis September noch eine andere Lösung gefunden wird. Die Entscheidung über die Kandidatur trifft in den kommenden Wochen der VCI-Vorstand, dem 15 Topmanager und Topmanagerinnen aus der deutschen Chemieindustrie angehören.
Der VCI wollte sich nicht zu Personalien äußern und teilte lediglich mit: „Der Vorstand berät derzeit über eine Kandidatin oder einen Kandidaten für eine mögliche Nachfolge. Eine Entscheidung ist noch nicht getroffen.“
Der VCI ist einer der führenden Industrieverbände in Deutschland. Er vertritt die Interessen von rund 2.300 Unternehmen aus einer Branche, die 2023 auf einen Umsatz von 229 Milliarden Euro und knapp eine halbe Million Beschäftigte kam. Entsprechend wirkmächtig ist die VCI-Spitzenposition.
Doch 2024 gestaltet sich die Rotation schwierig. Prädestiniert für die Nachfolge Steilemanns sind seine aktuellen Stellvertreter im VCI-Präsidium: Henkel-Chef Carsten Knobel und der Vorstandsvorsitzende von Wacker Chemie, Christian Hartel. Doch ihre Kandidatur gilt als unwahrscheinlich.
Im Henkel-Aufsichtsrat hätten sich Bedenken gegen die Amtsübernahme durch Knobel gemehrt, heißt es in den Kreisen. Er solle sich voll auf die Weiterentwicklung des Unternehmens konzentrieren. Wacker-Chemie-Chef Hartel werden in der Branche zwar Ambitionen auf die VCI-Präsidentschaft nachgesagt. Doch auch bei dem Münchener Konzern soll es den Kreisen zufolge Bedenken im Kontrollgremium geben. Beide Unternehmen wollten dazu keinen Kommentar abgeben.
Schlechte Stimmung in der Chemie
Ein Grund für die internen Widerstände: Das Präsidentenamt des deutschen Chemieverbands gilt aktuell als weitaus heraufordernder und zeitintensiver als in früheren Jahren. Die Branche steckt seit dem Überfall Russlands auf die Ukraine in der Krise, weil die Nachfrage nach Chemikalien und Kunststoffen eingebrochen ist und noch immer nicht in Fahrt kommt.
Im Juni hat sich die Stimmung in der Chemie nach einem kurzen Zwischenhoch wieder verschlechtert, wie der am Montag vom Ifo-Institut vorgelegte Geschäftsklimaindex für die Branche zeigt. Die Nachfrage sei zurückgegangen, der Auftragsbestand „von einem ohnehin sehr niedrigen Niveau regelrecht eingebrochen“.
Die energieintensive Branche leidet wirtschaftlich zudem unter den Kosten für Strom und Gas, die in Deutschland absehbar höher bleiben werden als in anderen Regionen der Welt. Zugleich muss unter großem Aufwand die grüne Transformation gelingen, der Wandel zu klimaneutraler Produktion.
Dabei empfindet die Branche die zunehmende Regulierung verstärkt als Problem. Aktuelles Beispiel ist der Plan der EU-Kommission für eine neue Richtlinie zur Chemikaliensicherheit. Gerade mittelständische Firmen beklagen und fürchten Aufwand und Bürokratie.
All diese Themen muss ein VCI-Präsident bei Politikern in Berlin und Brüssel ansprechen und sich intensiv für die Interessen der Branche einsetzen. Dafür braucht er ein gutes Netzwerk und Ansehen. Steilemann verfügt über beides und könnte die Aufgabe daher zunächst locker fortsetzen.
Doch auch für ihn ist die Doppelfunktion eine doppelte Herausforderung. Der Kunststoffhersteller Covestro wird vom arabischen Ölkonzern Adnoc umworben, der 11,9 Milliarden Euro für eine Übernahme bietet. Die Gespräche befinden sich aktuell in einer entscheidenden Phase. Steilemann hat schon in den vergangenen Monaten dieses Projekt parallel zur VCI-Präsidentschaft begleitet. Covestro wollte sich zu dem Thema nicht äußern.
Bayer-Chef Anderson kein Kandidat
BASF-Chef Markus Kamieth ist als Repräsentant des größten deutschen Chemiekonzerns praktisch prädestiniert, die Interessen der Branche politisch und gesellschaftlich an der VCI-Spitze zu vertreten. Doch Kamieth hat erst im Mai den Spitzenjob beim Ludwigshafener Dax-Konzern angetreten. Bevor er sich um die Interessen der ganzen Branche kümmern kann, muss er zunächst eine belastbare Zukunftsstrategie für BASF entwerfen.
Im Herbst 2025 könnte er aber an die Verbandsspitze rücken. BASF teilte dazu nur mit: „Der Präsident des VCI wird zu gegebener Zeit von dessen Präsidium nominiert und von der Mitgliederversammlung gewählt.“
Es gilt als unwahrscheinlich, dass Chefs kleinerer Anbieter in die Position des obersten Lobbyisten rücken. Zudem soll der VCI-Chef deutschsprachig sein. Das wiederum schließt die Spanierin Belén Garijo, die den Merck-Konzern führt, sowie den neuen Bayer-Chef und US-Amerikaner Bill Anderson aus.
Der Evonik-Vorstandvorsitzende Christian Kullmann stehe für eine erneute Kandidatur im September derweil nicht zur Verfügung, heißt es in den Branchenkreisen. Er führte den Verband bereits von 2020 bis 2022.