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Chemiekonzern Bayer mit erster Internet-HV: Aktionäre entlasten Vorstand mit hoher Quote

Bayer-Chef Werner Baumann gewinnt das Vertrauen der Aktionäre zurück: 92 Prozent stimmen auf der virtuellen Hauptversammlung für seine Entlastung.
28.04.2020 Update: 28.04.2020 - 17:24 Uhr Kommentieren
Bayer mit erster virtueller HV in Deutschland: Livestream aus Leverkusen Quelle: AFP
Bayer-HV

Bayer sei mit der ersten virtuellen Hauptversammlung ein digitaler Pionier, sagt CEO Werner Baumann.

(Foto: AFP)

Düsseldorf Werner Wenning ist sichtlich erleichtert. Um 16:45 Uhr verkündete der Aufsichtsratschef von Bayer auf der virtuellen Hauptversammlung das Abstimmungsergebnis über die Entlastung des Vorstandes. Es wurde mit Spannung erwartet, denn im Vorjahr hatten die Aktionäre CEO Werner Baumann das Vertrauen entzogen, nur 45 Prozent stimmten für ihn und den Vorstand. Eine neuerliche Abrechnung dieser Art gab es in diesem Jahr nicht.

92 Prozent der Aktionärs-Stimmen votierten am Dienstag für die Entlastung des Bayer-Vorstandes. Wenning gratulierte Baumann umgehend zu diesem Ergebnis, denn es ist deutlich höher, als viele Experten vorher erwartet hatten.

Die verbesserte Kommunikation mit den Investoren hat sich also für Bayer ausgezahlt. Zudem dürften die Aktionäre honoriert haben, dass Bayer 2019 ein erfolgreiches Geschäftsjahr hingelegt hat und auch zu Jahresbeginn 2020 weiter zulegt.

Die Verkündung des Ergebnisses war der Schlusspunkt der ersten virtuellen Hauptversammlung (HV) von Bayer – und der ersten Internet-HV eines deutschen Konzerns überhaupt.

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    Am Dienstagmorgen um 10 Uhr hatte Wenning die Aktionäre zur Eröffnung der HV begrüßt. Er lässt während seiner Rede den Blick durch den Raum schweifen, als würde er in die Gesichter eines Publikums blicken und Kontakt suchen. Nur: Es ist keines da.

    „Ich hätte Sie gerne persönlich in Bonn begrüßt – gerade in diesem Jahr“, sagt Wenning – denn für ihn ist es die letzte als Bayer-Aufsichtsratschef. Mit Ablauf der Hauptversammlung, die eigentlich im Bonner World Conference Center hätte stattfinden sollen, übernimmt Norbert Winkeljohann das Amt, der bisher den Prüfungsausschuss im Kontrollgremium leitet.

    Coronabedingt fällt die Präsenzveranstaltung aus, stattdessen hat sich Bayer für die von der Bundesregierung geschaffene Möglichkeiten einer Online-Hauptversammlung entschieden. Die lief bis exakt 16:56 Uhr im Kommunikationszentrum neben der Leverkusener Konzernzentrale ab.

    Die Szenerie wirkte skurril. Im Abstand von mindestens 1,5 Metern saßen Bayer-Chef Werner Baumann, Finanzvorstand Wolfgang Nickl, Winkeljohann, Wenning, der Gesamtbetriebsratschef Oliver Zühlke sowie ein Notar an einzelnen kleinen Tischen auf einer Art Bühne verteilt. Auch ein Stimmrechtsvertreter der Gesellschaft war mit im Raum. Alle anderen Mitglieder des Vorstands und Aufsichtsrats waren zugeschaltet.

    Wenning redete zur Eröffnung so, als würde er auf der Bühne des großen Saals in Bonn stehen. Er blickte mal nach rechts in den Raum, mal nach links, und stellte die wenigen Anwesenden vor. Die Kameras schalteten – anfangs etwas ruckelig – hin und her, aber technisch lief alles glatt. Nur einmal wurde die Übertragung kurz von einem Testbild unterbrochen.

    5000 Menschen schauten sich das Ereignis über die Website des Unternehmens am Mittag an, selbst am Nachmittag waren es noch 2800. Laut Wenning waren 64 Prozent des stimmberechtigten Kapitals vertreten, einige Aktionäre hatten bereits per Briefwahl abgestimmt, andere den Stimmrechtsvertreter beauftragt. Sie konnten vorab Fragen einreichen. 245 lagen vor, was ungefähr der normalen Zahl auf Bayer-Hauptversammlungen entsprach.

    Baumann: „Uns fehlt der Austausch mit Ihnen“

    Ein Rederecht für die Aktionäre gab es nicht. Sprechen durfte Vorstandschef Werner Baumann. Bevor er loslegte, trat eine Mitarbeiterin mit Mundschutz ans Pult und wischte es samt Mikrofon mit einem Desinfektionsmittel ab. Die Bayer-Manager trugen keine Gesichtsmaske.

    Anders als Wenning schaute Baumann nur in die Kamera und das mit festem Blick. Bayer sei mit der ersten virtuellen Hauptversammlung ein digitaler Pionier, betonte er. „Andererseits fehlt uns natürlich der Austausch mit Ihnen“, sagte er zu den Aktionären.

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    Im Fokus stehe nach wie vor die Frage, ob und wann die Glyphosat-Klagewelle in den USA beigelegt werden könne. Investoren hatten bereit vor der Hauptversammlung deutlich Kritik an den Rechtsrisiken für Bayer geübt, die sich der Konzern durch die Monsanto-Übernahme aufgeladen hatte. „Bisher ist bei der Lösung der Rechtsfragen zu wenig geschehen“, schrieb Ingo Speich von der Sparkassen-Fondsgesellschaft Deka, in einem Kommentar. „Die Rechtsrisiken haben nicht ab-, sondern sogar noch zugenommen.“

    Effekte der Covid-19-Krise erst im Laufe des Jahres absehbar

    Baumann präsentierte Bayer in seiner Rede als Unternehmen, das in der Coronakrise durch Spenden und andere Beiträge sein gesellschaftliches Engagement beweise. Zum aktuellen Geschäft wiederholte er die Ausführungen vom Vortag: Der tatsächliche positive wie negative Effekt der Covid-19-Krise sei erst im Laufe des Jahres absehbar. Im ersten Quartal hatte Bayer überraschend stark zulegt. Baumann verwies aber auf die zahlreichen Risiken durch die Pandemie.

    Erst spät ging der CEO auf die Glyphosat-Rechtsfälle ein. Er unterstrich, dass sich Bayer an den Gesprächen über einen außergerichtlichen Vergleich konstruktiv beteilige. „Wir haben dabei einige Fortschritte erzielt, bevor der Ausbruch von Covid-19 auch dieses Thema überlagert hat“, sagte er. So mussten zahlreiche Gesprächstermine mit den Klägeranwälten und dem Mediator Kenneth Feinberg abgesagt werden.

    Bayer will einem Vergleich weiterhin nur dann zustimmen, wenn der wirtschaftlich sinnvoll und so strukturiert ist, dass auch zukünftige Glyphosat-Klagefälle zu einem Abschluss gebracht werden können. Der Konzern will unbedingt vermeiden, dass in den nächsten Jahren eine neue Prozesswelle auf ihn zurollt.

    Aktuell liegen in den USA 52.500 Klagen vor, ein Vergleich könnte aber noch deutlich mehr Fälle umfassen. Die Beilegung könnte Bayer nach Analystenschätzungen zwischen acht und zwölf Milliarden Dollar kosten. Es ist aber absehbar, dass der Konzern nun wegen der Corona-Einflüsse auf eine niedrigere Summe drängen wird.

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    Baumann ließ dies in seiner Rede auf der Hauptversammlung erneut anklingen. Vor dem Hintergrund der sich abzeichnenden Rezession und „teils erheblichen Liquiditätsherausforderungen“ gelte es „mehr denn je“, eine wirtschaftlich sinnvolle Lösung zu finden.

    Eine Lösung in Sachen Glyphosat könnte sich tatsächlich noch viele Wochen oder Monate hinziehen. Denn bis Ende Juni sind alle öffentlichen Prozesse mit Jurys und Publikum in den USA ausgesetzt – den Klägeranwälten fehlt daher ein wichtiges Druckmittel gegenüber Bayer bei den Vergleichsverhandlungen.

    Künftiger Aufsichtsratschef Winkeljohann stellt sich vor

    Zugleich steht im Spätsommer das erste Urteil in einem Berufungsverfahren an, von dem sich Bayer eine richtungsweisende Entscheidung im Sinne des Konzerns erhofft. Ein solches Urteil würde ebenfalls in die Art und Höhe eines Vergleichs einfließen. Anfang Juni gibt es dazu ein Hearing vor Gericht, im August soll es eine Entscheidung geben.

    Eine Vergleichslösung wird vom neuen Aufsichtsratschef Nobert Winkeljohann mitgetragen werden müssen. Seine Ernennung hat bei Investoren für Kritik gesorgt. „Herr Winkeljohann bringt nicht die notwendige Expertise für den Vorsitz des Aufsichtsrats mit“, sagte Deka-Manager Speich. „Globaler Fokus, Erfahrung in den Bereichen Pharma, Agrar und Nordamerika fehlen.“

    Winkeljohann ergriff auf der virtuellen Hauptversammlung das Wort, nachdem Rednerpult und Mikrofon erneut desinfiziert wurden. „Ich gehe die neue Aufgabe mit viel Energie, aber auch Demut an“, sagte der 62-jährige Betriebswirt. Er unterstütze die Strategie des Vorstands voll und ganz und sei von dessen Qualität überzeugt.

    Winkeljohann unterstrich seine Managementerfahrung als Chef der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft PwC in Deutschland, für die er bis Ende Juni 2018 tätig war. Winkeljohann war auch im globalen Führungsgremium von PwC vertreten. Er wolle bei Bayer einen „frischen Blick“ einbringen, versteht sich als Moderator im Aufsichtsrat, den er in fachlicher Kompetenz gut aufgestellt sieht.

    So hatte sich Bayers Kontrollgremium in Sachen Agrarexpertise jüngst verstärkt und Ertharin Cousin engagiert, die bis 2017 das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen leitete. Cousin wurde bereits voriges Jahr gerichtlich zur Bayer-Aufsichtsrätin bestimmt und wurde auf der virtuellen Hauptversammlung offiziell gewählt.

    Neu in den Aufsichtsrat wurde der frühere Tui-Finanzvorstand Horst Baier gewählt, der künftig den Prüfungsausschuss leiten soll. Weitere vier Jahre bleibt Otmar Wiesler in Bayers Kontrollgremium,

    Bevor Baumann und Finanzvorstand Nickl die Beantwortung der 245 Fragen starten, ergriff noch einmal der langjährige Aufsichtsratschef Wenning das Wort – natürlich nach erneuter Rednerpult-Desinfektion. Es war einer der wenigen emotionalen Momente auf dem laufenden virtuellen Aktionärstreffen.

    Vor 54 Jahren hat Wenning seine Ausbildung bei Bayer begonnen, nun endet seine Zeit: „Ich bin mit Bayer tief verbunden und von der Qualität, Integrität und Verlässlichkeit des Unternehmens überzeugt“, sagte er.

    Eine Ankündigung für die Zukunft machte er dann doch noch: In „überschaubarer Zeit“ soll Bayer wieder ein weibliches Vorstandsmitglied bekommen, um die Vielfalt im Vorstand zu verbessern. Derzeit sitzen nur Männer in dem fünfköpfigen Führungsgremium.

    Mehr: Werner Baumann kann sich auf der virtuellen Hauptversammlung dank solider Zahlen selbstbewusst den Aktionären präsentieren. Hauptthema wird aber der Unkrautvernichter sein.

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