Chemiekonzern: Wegen drohender Gasknappheit: Evonik will eigenes Kohlekraftwerk länger laufen lassen
Der CEO stellt sich hinter die Politik der Bundesregierung.
Foto: www.imago-images.deDüsseldorf. Der Essener Chemiekonzern Evonik könnte sein firmeneigenes Kohlekraftwerk in Chemiepark Marl länger als geplant weiterbetreiben. „Wir prüfen diesen Schritt intensiv, um so einen Beitrag zur Versorgungssicherheit mit Energie in Deutschland leisten zu können“, sagte Vorstandschef Christian Kullmann am Donnerstag auf der Bilanzpressekonferenz. Eine Entscheidung stehe noch aus.
Evonik reagiert damit auf mögliche Erdgas-Engpässe, die infolge des Ukrainekriegs entstehen könnten. Der Angriff belastet die Beziehungen zum für Deutschland wichtigsten Exporteur Russland erheblich. Die Politik fordert deshalb, alle Alternativen für die heimische Energieversorgung zu prüfen. Die Kapazität des Werkes im nordöstlichen Ruhrgebiet könne nicht nur für den eigenen Bedarf genutzt werden, sondern auch dem allgemeinen Stromnetz dienen, sagte Kullmann.
Das Kohlekraftwerk von Evonik ist das letzte Überbleibsel aus einer Zeit, in der der Chemiepark sich mit aus Steinkohle gewonnenem Strom und Dampf selbst versorgte. Eigentlich sollte die Anlage in diesem Jahr abgeschaltet und durch ein modernes Gaskraftwerk ersetzt werden, das im Frühsommer in Betrieb geht.
Evonik hat dieses neue Gas- und Dampfturbinen-Kraftwerk zusammen mit Siemens Energy gebaut. Es wird pro Stunde 180 Megawatt Strom und 440 Tonnen Dampf erzeugen. Mit dem Angebot, das zur Stilllegung vorgesehene Kohlekraftwerk zu erhalten, könnten Gasvorräte für den Winter geschont werden.
Evonik folgt damit laut Kullmann dem nun geltenden „Primat der Politik“. Man handele damit ganz im „Habeck'schen Sinne“, sagte er mit Verweis auf Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne). Man stehe voll hinter dessen Ziel, die Energieversorgung maximal zu sichern. Es drohten sonst erhebliche wirtschaftliche Schäden.
„Handelnde Menschen irren. Es ist klar: Diese Pipeline darf und wird niemals in Betrieb gehen“
Kullmann ist auch Präsident des Verbands der Chemischen Industrie. Angesprochen auf seine lange Unterstützung für das Pipelineprojekt Nord Stream 2, sagte er: „Handelnde Menschen irren. Es ist klar: Diese Pipeline darf und wird niemals in Betrieb gehen.“
Am Geschäft von Evonik in Russland will der Evonik-Chef aber festhalten.
Foto: imago images/Future ImageDer Evonik-Chef tat sich am Donnerstag sichtlich schwer, angesichts des Kriegs in der Ukraine über das erfolgreiche Geschäftsjahr des Spezialchemiekonzerns zu reden. Er unterstütze alle Sanktionen gegen Russland vollständig, auch wenn westliche Firmen darunter leiden werden.
„Wer einen solchen Krieg beginnt, ist nicht unser Gegner, sondern unser Feind“, sagte Kullmann. „Und mit diesem scharfen Wort meine ich nicht die russische Bevölkerung, sondern das autokratische Regime.“
Am Geschäft von Evonik in Russland will der Evonik-Chef aber festhalten. Von der Menge her ist dies übersichtlich: 2021 hat der Konzern dort rund 200 Millionen Euro Umsatz gemacht, bei einem gesamten Konzernumsatz von 15 Milliarden Euro. In Russland ist ein kleines Vertriebsteam für die Essener tätig.
Der Konzern verkauft dort zum überwiegenden Teil Zusätze für Nahrungsmittel und für Tierfutter in der Landwirtschaft. Kullmann hält es für falsch, solche für die Grundversorgung wichtigen Produkte nicht mehr in das Land zu liefern. Damit setze man nur der Bevölkerung zu, die den Krieg nicht verantworte.
Evonik hat im vergangenen Jahr 25 Prozent mehr Gewinn gemacht
Wirtschaftlich präsentiert sich Evonik in einer starken Verfassung. 2021 ist der operative Gewinn (bereinigtes Ebitda) um 25 Prozent auf 2,4 Milliarden Euro deutlich gestiegen, der Umsatz legte um 23 Prozent zu. Die Nachfrage sei so stark gewesen, dass der Konzern die höheren Kosten für Rohstoffe und Vorprodukte weitgehend über Preiserhöhungen an die Kunden weitergeben konnte, sagte Kullmann.
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Für das laufende Jahr äußerte sich der Vorstandsvorsitzende zuversichtlich. Schon im ersten Quartal 2022 erwartet Evonik einen Gewinnzuwachs von mindestens zehn Prozent. Für das Gesamtjahr 2022 plant Evonik mit einem Umsatz zwischen 15,5 und 16,5 Milliarden Euro und einem operativen Gewinn zwischen 2,5 und 2,6 Milliarden Euro.
Zum Wachstum im vergangenen Jahr haben alle Segmente beigetragen. Kräftig profitiert hat Evonik von den weltweit milliardenfachen Impfungen zum Schutz vor Covid-19. Der Konzern produziert für mRNA-Impfstoffe mehrerer Hersteller sogenannte Nanolipide, mit deren Hilfe die Wirkstoffe im Körper des Menschen ans Ziel transportiert werden.
Evonik richtet sich immer stärker auf solche biotechnologisch getriebenen Produkte aus. Im Gegenzug werden Massengeschäfte aussortiert, die viel Kapitaleinsatz brauchen und einem harten Preiswettbewerb unterliegen.
Das gilt etwa für die Herstellung sogenannter Superabsorber, die als Saugstoffe in Windeln eingesetzt werden. Evonik hat dieses Geschäft bereits ausgegliedert. Ein Verkaufsprozess sei aber noch nicht gestartet worden, unterstrich Kullmann.