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Corona-Pandemie Ärzte lehnen Impfpflicht für Klinikpersonal ab

In vielen Krankenhäusern gibt es eine hohe Impfbereitschaft bei den Mitarbeitern. Zwang lehnen die Verantwortlichen ab. Sie setzen auf Aufklärung.
15.01.2021 - 10:45 Uhr Kommentieren
Eine Sanitäterin wird gegen das Coronavirus geimpft: Eine Impfpflicht von Klinikpersonal lehnen viele Ärzte ab. Quelle: dpa
Impfen im Krankenhaus

Eine Sanitäterin wird gegen das Coronavirus geimpft: Eine Impfpflicht von Klinikpersonal lehnen viele Ärzte ab.

(Foto: dpa)

Frankfurt Eine niedrige Impfbereitschaft beim Pflegepersonal sorgt in Deutschland seit Tagen für Diskussionen. Mitte der Woche sprach sich Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) deswegen sogar für die Impfpflicht für medizinisches Personal aus.

Die lehnt nicht nur Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) ab, auch die Ärzte der Intensivmedizin sind gegen einen Zwang zur Impfung. Wie Gernot Marx Präsident der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) auf Anfrage des Handelsblatts sagte, seien sich in der Vereinigung alle einig, dass man nur über „Aufklärung, Aufklärung, Aufklärung“ das große Ziel einer hohen Impfbereitschaft erreichen könne. „Wer jetzt skeptisch ist oder die Impfung ablehnt und dann gezwungen werden soll – den werden wir verlieren“, so Marx weiter.

Eine Umfrage der DIVI und der Deutschen Gesellschaft für Internistische Intensivmedizin und Notfallmedizin (DGIIN) im Dezember hatte ergeben, dass sich rund 73 Prozent der Ärzte, aber nur knapp 50 Prozent der Pflegekräfte impfen lassen wollen. Die meisten der mehr als 2300 Befragten arbeiten auf Intensivstationen.

Die Bedenken lagen vielfach darin begründet, dass die neuartige mRNA-Technologie, auf der die zugelassenen Impfstoffe von Biontech und Moderna basieren, noch nicht lange erprobt ist. Die DIVI geht davon aus, dass die Zahlen mittlerweile überholt sind. Seit dem Impfstart habe sich einiges getan, so eine Sprecherin. Ende des Monats will die Vereinigung eine neue Umfrage starten.

Mangelnde Impfbereitschaft speziell beim Pflegepersonal kann Sascha John, Regionalgeschäftsführer für Hessen und Rheinland-Pfalz bei den Sana-Kliniken, im Klinikum Offenbach nicht feststellen. In dem sogenannten Krankenhaus der Maximalversorgung mit 900 Planbetten und 2300 Beschäftigten haben bei einer Umfrage im Dezember mehr als 70 Prozent ihre Impfbereitschaft signalisiert, wobei nach Angaben Johns vor allem die Mitarbeiter auf den Stationen befragt wurden. Auch die zum Fresenius-Konzern gehörenden Helios-Kliniken berichten auf Anfrage des Handelsblatts von einer hohen Impfbereitschaft ihrer Mitarbeiter „von teilweise bis zu 80 Prozent“.

Welche Impfquoten die Kliniken tatsächlich erreichen werden, wird erst in ein paar Wochen klar sein. Momentan ist eine mangelnde Impfbereitschaft für die Kliniken ohnehin noch kein Thema: „Impfskepsis ist aktuell kein Problem für uns. Wir haben derzeit mehr Anfragen als Impfstoff“, sagt John.

Organisation der Impfungen ist aufwendig

Auch beim freigemeinnützigen Gesundheitsunternehmen Agaplesion gibt es mehr Impfwillige als Vakzine. „Der Impfstoffmarkt ist derzeit ein Zuteilmarkt. Der Impfstoff ist noch knapp, es werden nur begrenzte Mengen geliefert“, sagt Mediziner Bernhard Jahn-Mühl, Leiter des Instituts für Hygiene und Umweltmedizin bei Agaplesion.

In den Frankfurter Kliniken von Agaplesion kamen die ersten Impfdosen Ende Dezember an, mittlerweile sind mehr als 500 Mitarbeiter geimpft worden. Rund 12.500 Mitarbeiter arbeiten im Krankenhausbereich von Agaplesion, das bundesweit Kliniken an 23 Standorten betreibt.

Die Organisation der Impfungen ist aufwendig. Kliniken erfahren meist relativ kurzfristig, wie viel Impfdosen sie bekommen, und müssen manchmal innerhalb eines Tages die Termine für die infrage kommenden Personen festzurren.

„Wir müssen in jedem Haus für jeden Beschäftigten ermitteln, zu welcher Gruppe der Impfpriorität sie oder er gehört. Dabei können wir nicht einfach nach den Personallisten vorgehen, sondern müssen die aktuelle Situation vor Ort betrachten“, sagt Jahn-Mühl.

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Denn vielfach seien in der Corona-Pandemie Abteilungen zu Covid-19-Stationen umgewidmet worden, und auch Mitarbeiter wechselten je nach Bedarf ihre Station. „Die Betriebsmedizin muss also in jedem Krankenhaus vor Ort schauen, wer geimpft werden muss“, so der Facharzt für Hygiene und Umweltmedizin.

Höchste Priorität bei der Impfung haben laut Jahn-Mühl die Mitarbeiter, die auf einer Covid-19-Station arbeiten. Ebenso die, die die Covid-19-Abstriche entnehmen und die Tests durchführen. Eine hohe Priorität haben auch Beschäftigte, die dort arbeiten, wo Aerosole entstehen, in der Endoskopie etwa – also bei einer Lungen- oder Magenspiegelung. Und ebenso die Mitarbeiter, die in Bereichen mit extrem vulnerablen Patienten arbeiten: in der Onkologie, Geriatrie und Gerontopsychiatrie. Aber auch die Reinigungskräfte, die auf einer Covid-19-Station arbeiten, gehören in die Kategorie der höchsten Priorität.

Alle befragten Klinikbetreiber haben umfangreiche Informationskampagnen gestartet. Da das Internet „voll mit Falschinformationen“ zum Thema sei, wie Mediziner Jahn-Mühl sagt, sollen sachlich und medizinisch fundierte Informationen gegeben werden – via Intranet, in Online-Veranstaltungen und Diskussionsforen sowie persönlichen Beratungsgesprächen.

Kliniken wollen keinen Druck ausüben

Eine Impfquote von 70 Prozent und mehr ist das Ziel, um eine Herdenimmunität zu erreichen. „Jedes Prozent zählt. Je höher die Impfquote, umso besser“, sagt Sana-Kliniken-Manager John. Er hofft, dass man nicht nur Herdenimmunität erreicht, sondern dass im positiven Sinne ein „Herdentrieb“ entstehe, dem möglichst viele Mitarbeiter folgen.

Zweifel, die angestrebte Impfquote zu erreichen, haben die befragten Kliniken bisher nicht. Sie betonen, ihr Ziel ganz ohne Druck erreichen zu wollen. „Wenn sich jemand nicht impfen lassen will, dann müssen wir das akzeptieren“, sagt Jahn-Mühl. „Von uns erfährt niemand, wer sich impfen lassen will oder nicht. Oder wie hoch die Impfquote dann auf den einzelnen Stationen ist. Einen solchen moralischen Druck wollen wir nicht ausüben.“

Solange es keine gesetzliche Impfpflicht gibt, könnten Arbeitgeber ihre Mitarbeiter nicht zu einer Impfung zwingen, sagt Inka Müller-Seubert, Rechtsanwältin mit Schwerpunkt Arbeitsrecht bei CMS Deutschland. Mitarbeitern, die sich freiwillig impfen lassen, dürften aber Vorteile gewährt werden, etwa eine Prämie oder Sonderurlaub.

Solche Belohnungen hält Sana-Manager John aber für einen falschen Anreiz: „Wir haben mit der Aufklärung bisher gute Erfahrungen gemacht und setzen auf das gute Verständnis unserer Mitarbeiter, die ja sehen, was Patienten mit Covid-19 erleiden müssen“, sagt er.

Auch Agaplesion-Mediziner Jahn-Mühl glaubt an den Erfolg der Aufklärungsstrategie: Die Diskussion um eine Impfpflicht hält er derzeit jedenfalls für nicht hilfreich und „vielleicht insgesamt auch gar nicht notwendig“.

Mehr: Zahl der Klinikbehandlungen wird erst 2022 wieder das Vorkrisenniveau erreichen.

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