Covestro: Adnoc sichert sich 91 Prozent der Covestro-Aktie
Düsseldorf. Der arabische Ölkonzern Adnoc hat sich eine deutliche Mehrheit am Kunststoffhersteller Covestro gesichert. Bis zum endgültigen Ende der Angebotsfrist am Montagabend wurden dem Staatsunternehmen aus Abu Dhabi 91,3 Prozent der Covestro-Aktien angedient, wie Adnoc am Donnerstag mitteilte.
Der Konzern hatte das Ziel von 50 Prozent plus eine Aktie angepeilt und 62 Euro je Anteilsschein geboten. Bereits nach Ende der ersten Annahmefrist Ende November hatte Adnoc die Schwelle von 70 Prozent erreicht.
Damit kann der Konzern aber vorerst keinen sogenannten aktienrechtlichen Squeeze-out vornehmen, um Covestro von der Börse zu nehmen. Bei diesem Verfahren werden die übrig gebliebenen Aktionäre nach Ende einer Angebotsfrist gesetzlich zum Verkauf verpflichtet und bekommen dafür eine Barabfindung. Dies ist aktienrechtlich nur möglich, wenn ein Käufer über 95 Prozent der Anteile verfügt.
Covestro-Aktie dürfte schnell aus dem Dax fallen
Ein solches Squeeze-out sieht die Investorenvereinbarung der beiden Unternehmen ausdrücklich vor, auch der Covestro-Vorstand unterstützt dies. Das Verfahren könne aber auch später gestartet werden, heißt es darin.
Ein Squeeze-out ist auch nach dem Umwandlungsrecht möglich: also zum Zeitpunkt, in dem Unternehmen konzernrechtlich verschmelzen. Dafür reicht ein Anteilsbesitz von 90 Prozent, auf den Adnoc jetzt kommt.
Vorerst bleibt Covestro aber eine börsennotierte Gesellschaft. Wegen des geringen Anteils frei gehandelter Aktien dürfte der Konzern nach der Übernahme jedoch zügig aus dem Leitindex Dax fallen.
Die erste Großübernahme eines Dax-Konzerns durch einen staatlichen Investor vom Persischen Golf ist damit nahezu perfekt. Es die größte Transaktion in der europäischen Chemieindustrie seit vielen Jahren. Der Deal hat ein Volumen von 11,6 Milliarden Euro.
Adnoc will Covestro zur Plattform für Zukäufe ausbauen
Covestro soll in die neu gegründete Adnoc-Gesellschaft namens XRG eingegliedert werden, mit der die Araber weitere Übernahmen im Chemie- und Energiesektor planen. Adnoc-Chef Sultan Ahmed Al Jaber wird diese Gesellschaft führen.
„Wir freuen uns, dass unser Übernahmeangebot von einer überwältigenden Mehrheit der Aktionäre angenommen wurde“, sagte Al Jaber laut Mitteilung. „Der heutige Meilenstein markiert die erste wesentliche transformative Investition von XRG und beschleunigt unser Bestreben, zu einem der fünf weltweit führenden Chemieunternehmen zu werden.“
Covestro-Chef Markus Steilemann nannte die Übernahme am Donnerstag „eine sehr gute Nachricht für Covestro, unsere Mitarbeitenden und alle weiteren Stakeholder“. Er sagte: „Die strategische Partnerschaft mit Adnoc ist für Covestro genau der richtige Schritt zur richtigen Zeit.“
Covestro soll innerhalb von XRG zu einer Plattform ausgebaut werden, für die weitere Zukäufe und Investitionen im Kunststoffsegment geplant sind. Adnoc hat zugesichert, diesen Kurs mit Kapital und Know-how zu unterstützen.
Die Covestro-Aktie notiert aktuell mit rund 57 Euro weiterhin deutlich unter dem Angebotspreis von 62 Euro. Analysten erklären dies mit der Möglichkeit, dass noch Hindernisse für den Deal auftauchen könnten. Denn erst im zweiten Halbjahr 2025 wird mit einem Abschluss gerechnet.
Adnoc muss noch weitere Hürden nehmen. Dazu gehören die Freigaben von Kartellbehörden und anderen Regulierern weltweit. Da die Araber in den Geschäften und Märkten von Covestro bisher nicht oder kaum tätig sind, dürfte es aus kartellrechtlicher Sicht keine Probleme geben.
Zugleich muss der Deal aber auch von zahlreichen Ländern anhand ihrer geltenden Regeln für Direktinvestitionen ausländischer Gesellschaften geprüft werden. Dabei geht es etwa um die Frage, ob Sicherheitsinteressen eines Landes gegen den Verkauf sprechen.
Kein Widerstand aus der Politik
Doch ist absehbar, dass der Verkauf nicht an staatlichen Investitionskontrollen scheitern wird. Die Technologie und die Kunststoffprodukte von Covestro gelten nicht als sicherheitsrelevante Infrastruktur.
In Berliner Regierungskreisen hieß es zuletzt, man werde sich den Deal grundsätzlich kritisch anschauen. Adnoc sei aber immer ein verlässlicher Partner gewesen, mit dem die Bundesregierung eine vertrauensvolle Zusammenarbeit pflege. Die Emirate liefern etwa LNG, verflüssigtes Gas, nach Deutschland.
Zumindest die kommenden vier Jahre kann Covestro in seiner bestehenden Form mit Adnoc als Eigentümer und Partner weitermachen. Die Araber haben dem Unternehmen weitgehende Zusicherungen gegeben: Covestro bleibt eine mitbestimmte deutsche Aktiengesellschaft, die nach den heimischen Corporate-Governance-Richtlinien geführt wird.
Der Vorstand soll an Bord bleiben. Jedoch wird Adnoc vier von zwölf Aufsichtsräten stellen, von denen einer den Vorsitz übernehmen wird. Die Verlagerung von Werken oder der Zentrale ist in der Vereinbarung praktisch ausgeschlossen. Vor betriebsbedingten Kündigungen sind die deutschen Covestro-Mitarbeiter bis 2032 geschützt.
Erstpublikation: 19.12.2024, 09:17 Uhr.