Daimler: Mercedes will Effizienz in der Produktion um 15 Prozent steigern
Die Produktion der S-Klasse soll papierfrei ablaufen.
Foto: dpaMünchen. „Wir wollen sämtliche Produktionsprozesse aus allen Winkeln begutachten und digitalisieren“, sagt Jörg Burzer, Vorstand der Mercedes-Benz AG, verantwortlich für Produktion und Lieferketten. Wichtig dabei sei, die Abläufe nicht nur mit einem „IT-Zuckerguss“ zu überziehen, sondern wirklich neu zu denken.
Als Beispiel nennt Burzer eine rundum verbesserte Qualitätssicherung. Jedes Fahrzeug lässt sich in Zukunft zentimetergenau in der Werkshalle verorten. Tritt während der Fertigung irgendwo eine Abweichung von der Norm auf, werden die Monteure proaktiv auf ihrem Smartphone oder Handheld informiert und können Fehler sofort beheben. Falls nötig unterbreitet ein lernender Algorithmus zudem Lösungsoptionen. Am Ende sollen die Edelkarossen von Mercedes möglichst ohne jegliche Nacharbeiten vom Band laufen.
„Unsere Nacharbeitszahlen können wir massiv optimieren“, erklärt Burzer. „Das heißt: Effizienzgewinn ist nicht immer automatisch eine Reduktion in den Beschäftigungszahlen – bei Weitem nicht.“ Gleichwohl braucht sein Konzern natürlich weniger Mitarbeiter in der Qualitätssicherung, wenn mit MO360 tatsächlich alles so funktioniert wie geplant.
Investition soll sich in drei Jahren amortisieren
Näher beziffern will Burzer die möglichen Spareffekte aber nicht. „15 Prozent Effizienz setzt sich durch unterschiedliche Aspekte zusammen“, sagt der Manager. Recht schmallippig wird der 50-Jährige auch bei der Frage, wie viel MO360 eigentlich kostet. Das halte sich „absolut im Maß“, sagt Burzer. Die Investitionen in die Kernbausteine des Systems sollen sich binnen drei Jahren amortisieren, darüber hinausgehende Applikationen innerhalb von 18 Monaten.
Voraussetzung für den Effizienzschub in der Fertigung ist volle Transparenz. Prozesse, Maschinen, Anlagen und Geräte werden via Sensoren digital miteinander verbunden und sprechen die gleiche Sprache. Dafür sorgt die Steuerungssoftware „Integra“. Alle Daten werden in einer Cloud gebündelt und weiterverarbeitet. Der Clou dabei: Das hinterlegte Know-how etwa über am Band auftretende Fehler und Lösungsansätze in der Fabrik steht sofort dem gesamten Produktionsnetzwerk zur Verfügung.
„Gerade wenn es um Qualitätsthemen geht, ist es wichtig, dass man nicht nur auf das Wissen eines Menschen in einem Werk zurückgreifen kann, sondern auf die Erfahrung aus allen Werken“, sagt Jan Brecht, Chief Information Officer (CIO) bei Daimler. Der IT-Experte und sein Team arbeiten zusammen mit Burzers Produktionstruppe seit mehr als zehn Monaten daran, das neue Ökosystem in die Mercedes-Fabriken zu integrieren.
MO360 soll Maßstäbe in der gesamten Branche setzen. „Wir haben schon das Selbstbewusstsein zu sagen, dass wir in der Autoindustrie da vorn dran sind“, sagt Brecht. Man müsse aber auch ehrlich sein: „Wenn man es mit den Techgiganten in den USA oder China vergleicht, da sind wir natürlich nicht vorn dran“, räumt der Daimler-CIO ein.
Erster Einsatz in Sindelfingen
Gleichwohl wird MO360 den Arbeitsalltag von 80.000 Produktionsmitarbeitern und mehr als 2.000 Lieferanten von Mercedes rund um den Globus spürbar verändern. Erstmals vollständig zur Anwendung kommt das digitale Ökosystem in der sogenannten Factory 56, einer großen Montagehalle im Daimler-Werk in Sindelfingen.
Hier rollt in einigen Wochen die neue S-Klasse vom Band. Die Luxuslimousine gilt vielen als das beste Serienauto der Welt und soll dementsprechend auch in einer der modernsten Fabriken gefertigt werden. Bei der Software für sein Flaggschiff setzt der Konzern mitunter auch auf das Know-how von Tausenden externen Programmieren.
„Wir möchten das Ganze weiterdenken und werden zumindest einen Teil des Source-Code veröffentlichen und damit die globale Open-Source-Gemeinschaft einladen, tatsächlich beim Bau zum Beispiel einer S-Klasse mitzuhelfen“, sagt Brecht. Dies laufe allerdings unter sehr klar geregelten Rahmenbedingungen ab, schränkt der IT-Experte ein.
In der Factory 56 ließ Daimler extra ein Hochgeschwindigkeits-Mobilfunknetz mit dem 5G-Standard installieren. Jeder Beschäftigte arbeitet komplett digital. Allein in dieser Montagehalle sollen so jährlich bis zu zehn Tonnen Papier eingespart werden.
Die Factory 56 ist für Mercedes die Blaupause für die Modernisierung aller Werke. Viele Bestandteile von MO360 werden gerade in allen Fabriken der Marke etabliert. „Wir sind mitten im Roll-out“, sagt Produktionschef Burzer. Der Manager will das digitale Ökosystem auch für die Logistik und Lieferanten öffnen. „Erste Gespräche dazu gibt es bereits“, erklärt Burzer.