Die 100 wertvollsten Konzerne der Welt: Weltmacht USA
Tim Cook (Apple, Mitte), Satya Nadella (Microsoft, links) und Larry Page (Alphabet/Google).
Foto: HandelsblattWenn Donald Trump im Januar als Präsident der USA vereidigt wird, kann er sich auf die Wirtschaftskraft seines Landes verlassen. Sein Wahlversprechen „America first“ hat die Wall Street schon verinnerlicht. Die Handelsblatt-Rangliste der, gemessen an der Börsenkapitalisierung, weltweit wertvollsten Unternehmen zeigt: 58 der 100 größten Firmen kommen aus den USA. Die Top 13 stammen sogar allesamt aus Amerika – eine Demonstration mikroökonomischer Stärke, die es in dieser Ausprägung in der Börsengeschichte so noch nicht gegeben hat.
Allein das Trio an der Spitze mit Apple, Alphabet (Google) und Microsoft ist mit 1,6 Billionen Euro mehr wert als alle 30 Dax-Konzerne zusammen, die auf 1,1 Billionen Euro kommen. Diese Vormachtstellung speist sich nicht aus einzelnen Wirtschaftszweigen wie der IT-Industrie, sondern findet sich breit gefächert in fast allen Branchen wieder. Vor allem auch die restrukturierten US-Großbanken haben zu alter Stärke zurückgefunden. Zu den Top-100-Konzernen gehören 21 Finanzinstitute, darunter zwölf amerikanische Banken – aber keine einzige aus dem Euro-Raum. Wie überhaupt Europa an Präsenz in den Top 100 verloren hat. Deutschlands wertvollstes Unternehmen, SAP, findet sich auf Rang 59 wieder, dahinter liegt Siemens auf Rang 65.
Ein Grund für diese relative Schwäche: Die Dax-Konzerne erwirtschaften 70 Prozent der Umsätze im Ausland und sind stark von einem freien Handel abhängig. Hubert Barth, Deutschland-Chef der Beratung EY, ist skeptisch: „Neue Grenzen, Protektionismus, Abschottung und Nationalismus bergen für Deutschlands Topkonzerne hohe Risiken.“
Die Schwäche von Europas Unternehmen hält bereits seit Jahren an. Das wichtigste Börsenbarometer, der Euro Stoxx 50, notiert 40 Prozent unter seinem Allzeithoch aus dem Jahr 2000. Nie wieder haben die Aktienkurse das Niveau aus Zeiten der Euphorie um Telekom- und Internetaktien erreicht. Die Immobilien- und Finanzkrise 2008 mündete in vielen südeuropäischen Ländern in eine lange Stagnation oder gar Rezession – und darüber hinaus in eine Staatsschuldenkrise, die die Aktienmärkte seither belastet.
Ganz anders die Situation an der Wall Street. Hier erklimmen die wichtigen Börsenindizes wie der Dow Jones, der S&P 500 und die Technologiebörse Nasdaq beinahe täglich Rekordstände. Und es sind keineswegs nur Technologieaktien, die wie in den Vorjahren den Börsenaufschwung begünstigen.
US-Unternehmen bauen ihre Dominanz aus
Investoren setzten 2016 auf Unternehmen in allen Branchen und Größen: auf Blue Chips wie den Baumaschinenhersteller Caterpillar und den Ölriesen Chevron, die beide mehr als 30 Prozent zulegten, ebenso wie auf kleine und in Deutschland vollkommen unbekannte Werte. Denn auch der Russell 2000, in dem sich US-Firmen mit einer Marktkapitalisierung von zum Teil deutlich weniger als eine Milliarde Dollar finden, notiert auf Rekordniveau. Allein in diesem Jahr gewannen US-Aktien im Schnitt zwölf, der Dow sogar 15 Prozent hinzu. Gleichzeitig verlor der Euro Stoxx 50 gut fünf Prozent. Die Börsenwert-Schere öffnet sich Jahr für Jahr weiter.
Die Folge: Amerikas Unternehmen bauen ihre Dominanz immer weiter aus. Denn die angelsächsisch geprägten Finanzmärkte bemessen Größe nicht an Umsatz, Gewinn oder Profitabilität, sondern an der Börsenkapitalisierung. Und hier führen die Amerikaner scheinbar uneinholbar: 58 der 100 nach Börsenwert größten Unternehmen stellen die USA. Vor vier Jahren waren es 39. Ähnlich stark wie jetzt dominierten die Amerikaner zuletzt Anfang der 1970er-Jahre, als mehr als 60 Firmen der Top 100 ihren Sitz in den USA hatten und mehr als 80 Prozent der Börsenkapitalisierung ausmachten. Damals gab es noch keinen Dax, und Aktiengeschäfte beschränkten sich fast nur auf den angelsächsischen Raum.
Doch Amerikas Unternehmen sind nicht nur viel wert. Sie setzen auch die meisten Waren um, verkaufen so viele Dienstleistungen wie sonst keiner, verdienen das meiste Geld und wirtschaften profitabler als alle anderen. Damit rechtfertigt Corporate America seine führende Stellung auch nach kaufmännisch-konservativen Bilanzregeln, wie sie eher deutschen Wertmaßstäben entsprechen.
Allein die Top drei in der Welt – das sind der iPhone-Riese Apple, die Suchmaschine Google in seiner Holding Alphabet und der Software-Dino Microsoft – verdienen in diesem Jahr unter dem Strich voraussichtlich 80 Milliarden Euro. Das entspricht immerhin dem gesamten Jahres-Bruttoinlandsprodukt eines Landes wie der Slowakei – und es ist mehr als der gesamte Nettogewinn aller 30 Dax-Konzerne.
„Realität ist heute, dass das Wachstum aus dem Westen kommt“, urteilt der Industrieexperte Armin Schmiedeberg von der Unternehmensberatung Bain & Company. Der Impulsgeber für die gesamte Welt ist Amerika – allen protektionistischen Visionen eines designierten Präsidenten Donald Trump zum Trotz.
Mehr als ein Viertel der Top-100-Unternehmen werden 2016 einen Nettogewinn von voraussichtlich mehr als zehn Milliarden Euro einfahren, davon 18 US-Konzerne, sieben Asiaten, die britisch-asiatische Bank HSBC und die beiden Schweizer Chemieriesen Roche und Novartis. In der Euro-Zone wird dies 2016 wohl kein Unternehmen schaffen. In Deutschland kommen die drei Autohersteller im Dax auf den höchsten Gewinn. Schon allein das verdeutlicht die Ausnahmestellung dieser Branche in Europas größter Volkswirtschaft. Doch sowohl Daimler als auch BMW und Volkswagen bleiben mit hoher Wahrscheinlichkeit unter der Schallmauer von zehn Milliarden Euro Gewinn.
Auffällig ist die hohe Profitabilität vieler Top-100-Unternehmen. Ob Apple mit seinen iPhones, Google mit seiner weltbekannten Suchmaschine oder Facebook, wo sich täglich über eine Milliarde Nutzer im Netzwerk tummeln – bei allen bleibt mit jedem Dollar Umsatz nach Abzug aller Kosten eine zweistellige Marge übrig.
Drei von vier Unternehmen unter den Top 100 erreichen eine Nettoumsatzrendite von mehr als zehn Prozent. Knapp die Hälfte kommt sogar auf eine Umsatzrendite von mehr als 20 Prozent. Das ist außergewöhnlich. In Deutschland schafft dies unter allen börsennotierten Unternehmen allenfalls ein Dutzend Unternehmen.
Ein wesentlicher Grund für die hohe Profitabilität unter den Top 100 ist, dass sehr große und internationale Konzerne von ihrer Preismacht, Einkaufsstärke und ihren Größenvorteilen profitieren. Deshalb sinkt auch nicht die Profitabilität, je stärker die Konzerne Masse produzieren und dadurch immer größer werden. So hat das vor 40 Jahren von Bill Gates gegründete Unternehmen Microsoft mit seiner Software eine so hohe Marktdurchdringung erreicht, dass es für neue Anbieter schwer ist, Anteile zu erobern. 2015 blieben von jedem Dollar Umsatz 13 Cent Reingewinn übrig – in diesem Jahr dürften es fast 20 Cent sein. Einstellige Renditen, wie sie bei den Dax-Konzernen die Regel sind, gibt es bei Microsoft nicht.
Alle Branchen zeigen Stärke
Viel Geld verdienen, das geht aber auch ohne monopolartige Strukturen oder ständig neue Innovationen. Das beweisen dauerhaft hochprofitable Konzerne wie zum Beispiel Procter&Gamble mit dem Waschmittel Ariel und der Windelmarke Pampers oder Coca-Cola mit Süßgetränken. Im Prinzip sind das alles beliebig vermehrbare und kopierbare Massenprodukte. Doch die Konzerne haben es geschafft, ihre Kunden an die Marken zu binden – und das weltweit.
Auch Philip Morris überzeugt Jahr für Jahr mit zweistelligen Renditen im Bereich von mehr als 20 Prozent. Seit Jahren schwächeln zwar die Absätze mit Zigaretten in den Industrieländern, doch die Globalisierung erweist sich als goldener Ausweg für den Tabakkonzern: In den Schwellenländern rauchen immer mehr Menschen. Selbst in Europa steigen die Gewinne, weil die Konsumenten auch weiterrauchen, wenn es teurer wird. Kaum jemand ist so preisunempfindlich wie Raucher – Horrorbilder auf Zigarettenpackungen hin oder her.
2016 wird als das Jahr in die Finanzgeschichte eingehen, in dem alle Branchen Stärke zeigten – zumindest in den USA. Wohl nirgendwo ist der Unterschied zwischen Europa und Amerika indes so groß wie in der Finanzindustrie. Geht es nach den Bilanzsummen – die Summe aller Vermögensgegenstände oder des Gesamtkapitals –, dann können die Europäer durchaus mithalten. Doch das ist nur Masse. Hier zählt auch die Deutsche Bank immer noch zu den Großen. Doch bei Profitabilität, Eigenkapital und Gewinnen liegen Welten zwischen Amerika und Europa. JP Morgan ist mit 297 Milliarden Euro zwölfmal so viel wert wie Deutschlands größtes Bankhaus.
Die zehn größten US-Banken steigerten schon im vergangenen Jahr ihren Nettogewinn um gut 30 Prozent auf fast 110 Milliarden Euro. Das waren 40 Milliarden Euro mehr als im Vorkrisenjahr 2007. Und auch in diesem Jahr streichen JP Morgan Chase, Wells Fargo, Bank of America & Co. erneut zweistellige Milliardenbeträge ein.
Hingegen haben die europäischen Großbanken das Vorkrisenniveau noch lange nicht erreicht – auch 2016 nicht. Sie leiden sehr viel stärker als ihre US-Konkurrenten, die stark vom boomenden Übernahmegeschäft profitieren, unter den niedrigen Zinsen. Während die amerikanischen Institute nach der Finanzkrise auf Druck des Staates frühzeitig ihr Eigenkapital erhöht haben, sich restrukturieren und – wenn sie nicht wie Lehman Brothers untergingen – gestärkt aus der Krise hervorgegangen sind, zieht sich dieser Prozess in Europa seit Jahren in die Länge.
Selbst Trump kann IT-Aktienkurse nicht trüben
Doch die prestigeträchtigste Branche bleibt der Technologiesektor mit dem kalifornischen Silicon Valley als Hort für Innovationen und Sitz von vielen Firmen mit globaler Bedeutung. Fünf der nach Börsenkapitalisierung weltweit sieben größten Konzerne zählen zur IT. Ob mit Smartphones, der Internetsuche oder im Onlinehandel: Apple, Google und Amazon, aber auch Microsoft, Intel, IBM, Oracle und natürlich Facebook beherrschen den Weltmarkt. Sie ziehen die besten Entwickler der Welt an und locken Risikokapitalgeber an, die ihr Geld in immer neue Firmen stecken. Ein Perpetuum mobile.
Nicht einmal die Wahl von Donald Trump hat die IT-Aktienkurse nachhaltig drücken können, zu stark überzeugen Apple & Co. ihre Anleger mit immer neuen Innovationen und hohen Gewinnen. Dabei hatte der eigenwillige Republikaner im Wahlkampf zum Boykott von Apple aufgerufen, weil sich der iPhone-Produzent aus Datenschutzgründen geweigert hatte, dem FBI bei Ermittlungen zu unterstützen. Amazon geriet unter Beschuss, Steuerzahlungen in Milliardenhöhe umgangen zu haben.
Trumps tiefe Abneigung gegen Amerikas IT beruht auf Gegenseitigkeit. Die Unternehmen mit ihren Mitarbeitern hatten Hillary Clinton 100-mal mehr Geld gespendet als Trump. Nach der Wahl gerieten die Kurse der IT-Konzerne dann auch unter Druck. Mehr als eine Woche lang stieg der Dow Jones mit den vielen traditionellen Industriekonzernen um Exxon, General Electric und Caterpillar kräftig an, während gleichzeitig die Nasdaq fiel. Das hatte es zuvor noch nie über einen Zeitraum von mehr als einer Woche gegeben. Doch der Spuk endete dann wieder – denn noch immer verdienen die IT-Konzerne das meiste Geld. Allein Apple kommt auf 112 Millionen Euro Nettogewinn – jeden Tag im Jahr. Deutschlands Commerzbank braucht dafür ein Jahr. Und die Deutsche Bank schafft 2016 nicht einmal das.