Elektropionier: US-Verkehrsbehörde leitet erneut Untersuchungen gegen Tesla ein
Die Software in vielen Tesla-Modellen musste zuletzt immer wieder per Update überarbeitet werden.
Foto: APNew York. Die schlechten Nachrichten kommen für Tesla derzeit im Wochentakt. An diesem Donnerstag leitete die US-Verkehrsaufsicht NHTSA eine neue Untersuchung von 416.000 Fahrzeugen des Elektroautobauers ein. Dabei geht es um „Phantombremsungen“, plötzliche, gefährliche Notbremsungen, die bei den Modellen der Baujahre 2021 und 2022 auftreten können.
Zuvor waren über 350 Beschwerden eingegangen. Die Aktie reagierte prompt: Tesla-Papiere gaben am Donnerstag mehr als vier Prozent nach.
Die NHTSA setzt damit eine Serie öffentlicher Rügen an die Adresse von Tesla fort. Denn der Gegenwind für das Unternehmen im Heimatmarkt wird rauer. Das spüren auch die Aktionäre: Seit Jahresbeginn hat die Tesla-Aktie fast 25 Prozent an Wert verloren. Selbst die Ende Januar vorgelegten guten Zahlen konnten den Abwärtstrend nicht stoppen.
Zuletzt hatte die Behörde Tesla aufgefordert, die sogenannte „Boombox“ zu deaktivieren. Damit konnten Fahrer per externem Lautsprecher die Umgebung beschallen, etwa mit einem Song oder Furzgeräuschen. Laut der NHTSA könnte dieses Feature „die Geräusche des Fußgängerwarnsystems überdecken“. Dieses soll mit einem Summton Fußgänger vor den leisen Elektroautos warnen.
Betroffen waren diesmal 578.607 Fahrzeuge, darunter alle Modelle, die Tesla in den vergangenen Jahren gebaut hat – von der Oberklasse-Limousine Model S über das große Crossover-Modell Model X und das kleinere Model Y ab 2020 bis zum Massenmodell Model 3 ab 2017.
„Sicherheitsrückruf“ wird ein solcher Vorgang in den USA offiziell genannt. Das bedeutet aber nicht, dass die Autos zurück in die Werkstatt müssen. Vielmehr kann Tesla die eigene Software per drahtlosem Update verändern. Das macht den Rückruf vergleichsweise günstig, aber nicht weniger ärgerlich.
Auf Twitter machte sich Tesla-Chef Elon Musk am Wochenende Luft. „Die Spaßpolizei hat uns gezwungen, es zu tun“, twitterte er am Wochenende zum neuesten Rückruf. Zuletzt forderte die NHTSA immer wieder, die Software in Tesla-Autos zu überarbeiten, die bereits seit Jahren auf der Straße sind. In den vergangenen Monaten häuften sich die offiziellen Bedenken gegen die Tesla-Software:
- Im November musste Tesla fast 12.000 US-Fahrzeuge updaten, die seit 2017 verkauft worden waren. Grund war ein Softwareproblem, das zu einer fehlerhaften Notbremsung führen konnte.
- Im Dezember 2021 ordnete die NHTSA einen Rückruf von über 475.000 Autos der Modelle 3 und S an – aufgrund von Problemen mit der Rückfahrkamera, die die Crashgefahr erhöhten.
- Ende Januar nahm die NHTSA 580.000 Fahrzeuge der Modelle 3, S, X und Y aus den Baujahren 2017 bis 2022 in den Fokus, die Computerspiele auf dem großen Touchscreen ermöglichten. Die Funktion wurde deaktiviert.
- Anfang Februar musste Tesla wegen Sicherheitsrisiken bei 53.822 Autos eine Software deaktivieren, die sogenannte rollende Stopps ermöglichte und an Kreuzungen den Wagen nicht vollständig zum Stehen brachte.
Immer wieder lieferte Musk sich auf Twitter öffentliche Wortgefechte mit US-Präsident Joe Biden oder der amerikanischen US-Verkehrsbehörde. Nicht nur Musk stellt sich die Frage, warum die NHTSA Tesla jetzt so auf dem Kieker hat. Und weshalb die Aufsicht die Probleme nicht früher adressiert hat, wenn sie so gravierend waren.
Elon Musk betont angesichts der Rückrufe regelmäßig, dass es „keine Sicherheitsprobleme“ gegeben habe. Und auch in der Tesla-Gemeinde stößt das Vorgehen der Aufsicht auf Unverständnis. „Noch ein Rückruf?! Dieses Auto bekommt mehr Updates als meine Familien-Chatgruppe“, schrieb ein Fahrer auf Twitter.
Ist die Aufsicht zu kleinlich? Oder verspricht Tesla zu viel?
Ist die NHTSA überkritisch? Johnna Crider glaubt genau das. Die Aufsicht agiere „unnötig kleinlich“, meint Crider, die für den E-Mobilitäts-Blog „CleanTechnica“ schreibt und von sich selbst sagt, sie glaube „an Teslas Mission“. Das Vorgehen der Behörde werde zum grundsätzlichen Problem.
„Wenn es ihnen wirklich um die Sicherheit ginge, würden sie hinterfragen, was es für den Begriff ,Rückruf‘ bedeutet, wenn sie so weitermachen“, mahnt Crider. Werde künftig jedes Over-the-air-Update als „Sicherheitsrückruf“ bezeichnet, „werden die Menschen kein Gefühl der Dringlichkeit mehr verspüren. Und wenn die Zeit für einen echten Rückruf gekommen ist, wird niemand mehr die NHTSA ernst nehmen“, so ihre Befürchtung.
Christian Koenig ist anderer Meinung. Der Autoexperte hat für Porsche North America gearbeitet und führt in Atlanta eine Beratung für E-Mobilität. „Natürlich hat die NHTSA die Befugnis, Rückrufe anzuordnen. Besser ist es jedoch, wenn Hersteller freiwillig technische Probleme melden, mit einem Vorschlag zur Lösung.“
Rückrufe wegen defekter Rückfahrkameras seien nichts Ungewöhnliches, sie gebe es auch bei der Konkurrenz, so Koenig. „Wo die NHTSA jedoch seit geraumer Zeit Bedenken hat, ist die Frage, ob das Tesla-Marketing mehr verspricht, als die Technologie derzeit leisten kann.“ Tesla sei mit knapp einer Million verkauften Fahrzeugen im letzten Jahr zum Volumenhersteller aufgestiegen. Daher müsse der Konzern damit rechnen, wie alle anderen Hersteller auch, genauer beäugt zu werden.
Bei der Konkurrenz, darunter auch die großen deutschen Autohersteller in den USA, wird das Vorgehen der Aufsicht genau unter die Lupe genommen. Kommentieren wollen VW, Daimler und Co. die Schritte der NHTSA aber nicht. Kritik ist sowieso tabu. Doch hinter vorgehaltener Hand heißt es, dass die NHTSA die Zügel zuletzt deutlich angezogen habe.
Für Autoexperte Koenig sind Teslas vollmundige Versprechen ein Sicherheitsproblem. „Tesla spricht von ‚Autonomous Driving‘, inzwischen von ‚Full Self-Driving Capability‘“, erklärt er. „Aber das ist irreführend. Fahrer, die während der Fahrt ein Buch lesen, wiegen sich offenbar in falscher Sicherheit.“
Es gebe mittlerweile eine zweistellige Anzahl von Todesopfern, die mit Tesla-Technologie und -Fahrzeugen in Verbindung gebracht werden, so ein Insider. Das bedeute öffentlichen und politischen Druck auf die NHTSA. Ein anderer sagt, dass die NHTSA aktuell ihre Linie ändere: Jahrelang habe die Behörde erlaubt, neue Technologien im realen Einsatz zu erproben. Inzwischen wüchsen die Zweifel, ob man eine ganze Nation als Verkehrsteilnehmer einem „Beta-Test“ aussetzen könne.
Autopilot im Fokus
Besonders im Fokus ist dabei der Autopilot von Tesla. Dieser kommt im Unterschied zu entsprechenden Systemen der Konkurrenz nur mit Kameras aus und funktionierte lange Zeit ohne kontinuierliche Überwachung des Fahrers. Das hatte dazu geführt, dass Tesla-Fahrer am Steuer einschliefen oder unaufmerksam waren – obwohl sie gemäß Teslas eigenen Richtlinien die Hände am Lenkrad hätten behalten müssen.
Im August hatte die NHTSA eine Untersuchung des Autopiloten in 765.000 Tesla-Fahrzeugen eingeleitet, nachdem es zu rund einem Dutzend Unfällen gekommen war.
Hat die Behörde zu spät gehandelt? Peter Fintl, Digitalexperte beim Beratungshaus Capgemini, widerspricht: Manche Untersuchungen dauerten schlicht länger, sodass zwischen Zulassung und einem Rückruf Zeit vergehen könne. Die NHTSA übe nach wie vor eine Vorbildfunktion für andere Aufsichtsbehörden aus und greife rigoros durch. Aktuell treffe das eben die Firma von Elon Musk.
„Tesla ist besonders im Fokus“, sagt Fintl. „Es gab Schwierigkeiten mit mechanischen Komponenten, außerdem geht man bekanntermaßen sehr offensiv mit dem Thema Software um“ – wo es zuletzt viele Probleme gab: nicht nur mit der Boombox, sondern auch mit dem Scheibenentfroster, dem Gurtwarner oder rollenden Stopps und Phantombremsungen.
In den Verhandlungen mit der Aufsicht könne Tesla aber selbstbewusst auftreten: „Tesla besitzt die Stärke, viele dieser Probleme via Over-the-air-Updates zu lösen.“ Und bei der passiven Fahrzeugsicherheit sei das Unternehmen ein Spitzenreiter, so Fintl.
Probleme an vielen Fronten
Die Probleme mit der NHTSA sind dabei längst nicht die einzige Baustelle: Tesla hat mit weiteren rechtlichen Streitigkeiten zu kämpfen. Wie am Dienstag bekannt wurde, erwägt die südkoreanische Wettbewerbsbehörde, den kalifornischen Elektropionier wegen übertriebener Werbeversprechen zu bestrafen. Tesla habe die Fahrleistung seiner Batterien aufgebauscht, erklärte ein Behördensprecher, und damit gegen Verbraucherschutzvorschriften verstoßen. Tesla kommentierte das nicht.
In Kalifornien droht Ungemach wegen rassistischer Vorfälle im dortigen Tesla-Werk in Fremont. Der Bundesstaat verklagt den Autobauer wegen des Vorwurfs der Diskriminierung. Die Klage hat das Arbeitsministerium eingereicht, Tesla bezeichnete sie als „fehlgeleitet“. Die Pensionskasse des Staates New York, eine der größten der USA, fordert den Konzern nun auf offenzulegen, wie viel man für die Beilegung von Belästigungs- und Diskriminierungsklagen ausgibt, die es in der Vergangenheit wiederholt gab.
Für Tesla-Chef Musk ist der jüngste Gegenwind nur Teil einer Verschwörung des Establishments. Auf die Aussage eines Twitter-Nutzers, dass Tesla aktuell von vielerlei Seiten in der Kritik stehe, weil der Konzern „die Gewerkschaften, die alte Autoindustrie, die Ölindustrie“ verärgere und keine Werbung zahle oder Politiker kaufe, antwortete Musk schlicht mit einem Wort: „Exakt.“