Pharmabranche: Pharmakonzerne arbeiten mit Hochdruck an modifizierten Impfstoffen gegen die Mutanten
Frankfurt. In vielen Ländern, darunter Deutschland, sind die Covid-19-Impfkampagnen noch gar nicht richtig angelaufen. Gleichzeitig müssen die Vakzinhersteller bereits auf die Virusmutationen reagieren und die Wirkstoffe entsprechend anpassen.
So haben Moderna, Astra-Zeneca, Novavax sowie Curevac inzwischen konkret die Entwicklung modifizierter Covid-Impfstoffe angekündigt. Bereits im Laufe der nächsten Wochen könnten die ersten klinischen Versuche mit diesen Varianten anlaufen.
Curevac hat mit Blick auf die Virusvarianten jüngst sowohl mit dem Pharmakonzern GSK als auch mit der britischen Regierung neue Allianzen vereinbart. Moderna arbeitet bereits intensiv an einer Modifikation seines Impfstoffs. Noch etwas zurückhaltender geben sich bisher Biontech und ihr US-Partner Pfizer.
Aber auch hier laufen Vorbereitungen, um im Bedarfsfall neue Varianten zu generieren. Man beobachte die Entwicklung der Virusmutationen intensiv, erklärten die Unternehmen unlängst. Man sei überzeugt, dass die mRNA-Plattform eine sehr große Flexibilität biete, nötigenfalls ein neues Mittel zu entwickeln.
Wie dringend zusätzliche und modifizierte Impfstoffe wirklich benötigt werden, ist noch relativ unklar. Die klinischen Studien von Johnson & Johnson, Novavax und Astra-Zeneca offenbarten Signale, dass die Vakzine weniger gut gegen die britische Virusmutation und insbesondere die südafrikanische Variante des Sars-CoV-2-Virus wirken.
Der Novavax-Impfstoff etwa erzielte nach vorläufigen Daten eine Wirksamkeit von 96 Prozent gegen die Ursprungsversion des Virus, 86 Prozent gegen die britische Variante und nur knapp 50 Prozent gegen die südafrikanische Mutation.
Das Vakzin von Johnson & Johnson reduzierte das Erkrankungsrisiko bei Studienteilnehmern in den USA um 72 Prozent, während der Wirkungsgrad in Südamerika nur 66 Prozent und in Südafrika nur 57 Prozent erreichte. Und das Vakzin von Astra-Zeneca deutete in einer kleinen Studie an, dass es gegen die südafrikanische Mutation sogar nur einen zehnprozentigen Schutz bietet, woraufhin die südafrikanische Regierung den Einsatz des Impfstoffs vorrübergehend stoppte.
Allerdings beziehen sich die Unterschiede in den Wirkungsgraden bisher ausschließlich auf milde und moderate Covid-Erkrankungen. Einiges spricht dafür, dass die Impfstoffe trotzdem in der Lage sind, das Risiko für schwere und tödliche Covid-Erkrankungen stark zu vermindern. „Es könnte gut sein, dass sich die bisherigen Impfstoffe als gut genug erweisen“, folgert Mene Pangalos, der Forschungschef Astra-Zenecas.
Dritte Impfung könnte Schutz verstärken
Denkbar erscheint zudem, den Impfschutz gegenüber den neuen Virusvarianten durch eine zusätzliche „Booster“-Impfung mit den existierenden Vakzinen zu stärken. So bereiten Moderna und Biontech/Pfizer neben modifizierten Impfstoffen auch Studien vor, bei denen Probanden nach sechs oder zwölf Monaten eine zusätzliche dritte Impfung mit dem primären Vakzin erhalten.
Für die mRNA-basierten Impfstoffe der beiden Biotechfirmen liegen noch keine konkreten klinischen Daten vor, wie effektiv sie vor Varianten aus Großbritannien, Südafrika und Brasilien schützen. Die großen Phase-3-Studien mit diesen Produkten liefen im vergangenen Sommer und Herbst, als die Mutationen noch keine große Rolle spielten. In diesen Studien zeigten sie einen hohen Wirkungsgrad von 95 Prozent.
Wie Biontech und Pfizer jüngst berichteten, konnte in Laboruntersuchungen nachgewiesen werden, dass die Antikörper geimpfter Personen in der Lage sind, auch die mutierten Viren zu neutralisieren. Bei der südafrikanischen Variante sei der Effekt zwar etwas schwächer gewesen. Doch sei man zuversichtlich, dass dies die Effektivität des Impfstoffs nicht stark beeinträchtige.
Ähnlich äußerte sich Moderna, obwohl sich dort im Laborversuch eine deutlich reduzierte Antikörperwirkung gegen die südafrikanische Variante zeigte. Man gehe davon aus, dass die Antikörperkonzentration trotzdem noch Schutz biete, so Unternehmenschef Stéphane Bancel. Vorsichtshalber verstärke man indessen die Arbeit an einer modifizierten Variante des eigenen Impfstoffs mRNA-1273.
Der Kampf gegen Mutationen dürfte nicht nur über den längerfristigen Erfolg im Kampf gegen die Pandemie entscheiden, sondern auch kurzfristig bereits einen gewissen Einfluss auf die Wettbewerbssituation haben. Denn während Mutationen in den Studien von Biontech und Moderna noch keine Rolle spielten, sind die nachfolgenden Entwickler wie Johnson & Johnson, Novavax und vermutlich auch Curevac und Sanofi stärker davon betroffen, weil sie später in die klinischen Tests gestartet sind. Die Resultate ihrer Studien, die im Vergleich niedrigere Wirkungsgrade auswiesen, sind womöglich auch davon beeinflusst, dass die kritischen Virusmutationen bereits stärker präsent sind.
Der Impfstoff von Novavax befindet sich in der EU in einem rollierenden Zulassungsverfahren, ebenso wie der mRNA-Impfstoff-Kandidat der Tübinger Curevac, bei dem die zulassungsrelevante Phase-3-Studie noch läuft. Erste Daten werden hier gegen Ende des ersten Quartals erwartet.
Johnson & Johnson ist einen Schritt weiter und hat in Europa Antrag auf Zulassung gestellt, wie die europäische Arzneimittelagentur Ema am Dienstag erklärte. Ende März könnte eine Entscheidung fallen.
Für den proteinbasierten Covid-Impfstoff, den Sanofi in Kooperation mit der britischen Glaxo-Smithkline (GSK) entwickelt, soll eine neue Phase-2-Studie mit einer optimierten Version noch im Februar anlaufen, wie Sanofi jetzt bekräftigte. Eine größere Phase-3-Studie ist für den Sommer geplant. Eine Zulassung strebt der französische Konzern für das vierte Quartal an. Für den Erfolg wird es insofern stark darauf ankommen, dass das Vakzin auch gegen die Mutanten wirkt.
Impfstoffvarianten brauchen wahrscheinlich geringeres Testvolumen
Curevac plant unterdessen zusammen mit GSK die Entwicklung eines Covid-Impfstoffs der „zweiten Generation“, mit dem Ziel, ihn im Jahr 2022 einzuführen. „Die Arbeiten daran werden unmittelbar beginnen“, kündigte Firmenchef Franz-Werner Haas vor wenigen Tagen an. Curevac und GSK wollen dabei auch sogenannte multivalente Impfstoffe entwickeln, die gegen mehrere Virusmutationen gleichzeitig wirken.
Die Kooperation des Tübinger Unternehmens mit der britischen Regierung und deren Impfstoff-Taskforce zielt unterdessen darauf, neue Varianten möglichst schnell zu identifizieren, um darauf auch mit Modifikationen zu reagieren. Entsprechend modifizierte Impfstoffversionen, so der Plan, könnten schon dieses Jahr zur Verfügung stehen.
Ein ähnlich hohes Tempo versprechen auch die anderen mRNA-Impfstoff-Entwickler. Sollte es nötig werden, ein modifiziertes Vakzin zu entwickeln, könne dies in weniger als 100 Tagen erfolgen, versprach etwa Pfizer-Chef Albert Bourla.
Astra-Zeneca-Forschungschef Pangalos sieht sein Unternehmen in dieser Hinsicht allenfalls wenige Wochen im Rückstand. Denn man habe die Arbeit an solchen Varianten bereits vor einiger Zeit eingeleitet und hoffe, im Frühjahr die klinischen Studien zu starten und den Impfstoff im Herbst zu verimpfen, so Pangalos im jüngsten Call des Unternehmens.
Die Impfstoffentwickler können dabei durchweg von einem deutlich geringeren Zeitaufwand für die klinischen Studien ausgehen. Aller Voraussicht nach werden für die neuen Varianten keine neuen Tests an Zehntausenden Probanden erforderlich sein.
Es zeichnet sich vielmehr ab, dass sich die Zulassungsbehörden mit Daten für sogenannte Surrogat-Parameter zufriedengeben werden, nachdem inzwischen bereits größere Erfahrungen mit Covid-Impfstoffen vorliegen. Für die Impfstoffentwickler wird es voraussichtlich genügen, an einigen Hundert oder Tausend Studienteilnehmern nachzuweisen, dass die Vakzinvarianten genügend starke Immunreaktionen und Antikörperkonzentrationen hervorrufen, aus denen man dann indirekt eine Schutzwirkung ableiten kann.
Das ist ein Verfahren, das seit Langem etwa bei Grippeimpfstoffen erprobt ist. Sowohl die Ema als auch ihr US-Pendant FDA haben angekündigt, in Kürze Leitlinien für die Entwicklung von Covid-Impfstoff-Varianten vorzulegen.