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Kommentar Der Faktor Zeit wird in der Impfstoff-Debatte unterschätzt

Zusätzliche Anreize für die Impfstoffproduktion können den kurzfristigen Mangel nicht beseitigen. Langfristig bergen sie die Gefahr, Überkapazitäten zu provozieren.
12.02.2021 - 04:00 Uhr Kommentieren
Im Sommer wird die Impfstoff-Knappheit vorbei sein. Quelle: AFP
Impfspritzen

Im Sommer wird die Impfstoff-Knappheit vorbei sein.

(Foto: AFP)

Anfang der Woche vereinbarten der Pharmariese Astra-Zeneca und die deutsche Biotech-Firma IDT Biologika eine Kooperation. Das Ziel: die Produktion von Covid-19-Impfstoffen in Europa zu erhöhen und langfristige Versorgungskapazitäten zu sichern. Sie wollen dazu bei IDT die Kapazitäten für die Produktion von monatlich Zigmillionen Dosen des Astra-Zeneca-Impfstoffs schaffen und erhielten dafür umgehend Lob von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn, der sich über die zusätzliche Unterstützung in der Pandemie-Bekämpfung und Stärkung des Pharmastandorts Deutschland auf dem Weg zum globalen Impfstoff-Hub freute.

Der Beifall ist im Prinzip berechtigt. Wenn ein Konzern wie Astra-Zeneca sich auf diese Weise hier engagiert und einen dreistelligen Millionenbetrag in neue Impfstoff-Kapazitäten investiert, ist das ein positives Signal für den Standort. Ein Blick ins Kleingedruckte zeigt indessen: Für die kurzfristige Versorgung wird der Deal voraussichtlich gar nichts leisten. 

Zwar wollen die neuen Partner „Möglichkeiten evaluieren“, die Impfstoffproduktion im zweiten Quartal zu beschleunigen. Die geplanten neuen Kapazitäten werden aber erst Ende 2022 in Betrieb gehen. 

Die deutsch-britische Allianz ist exemplarisch für die aktuellen Aktivitäten rund um die Impfstoffproduktion: Sie stärken vielleicht die längerfristige Versorgung, werden aber an der Situation in den kommenden drei bis vier Monaten kaum etwas ändern. Das gilt auch für das Engagement von Firmen wie Novartis oder Sanofi, die für Biontech Impfstoffe abfüllen wollen, oder für Vorlieferanten wie Merck und Evonik, die ihre Lipid-Produktion für die mRNA-Impfstoffe erweitern.

Diese Aktivitäten werden frühestens im Sommer greifen, aber nicht bereits im März oder April, wo der Mangel an Impfstoffen deutlich ist.

Impfstoff-Fertigung ist kompliziert und braucht Zeit

Die Herausforderungen zeigen sich letztlich auch bei dem neuen Werk von Biontech in Marburg, wo vor wenigen Tagen immerhin die Produktion angelaufen ist. Die Vorbereitungen für den Umbau dieses ehemaligen Novartis-Standorts hatten allerdings auch bereits im vergangenen Sommer begonnen, und die ersten Impfdosen aus Marburg dürften kaum vor April in die Impfzentren gelangen.

Denn die produzierten Impfsubstanzen müssen zunächst weiter aufbereitet werden und eine Qualitätsprüfung durch die EMA durchlaufen, bevor sie an die Partner zur Abfüllung geliefert werden können. Zwischen dem Start der Planungen und der Verfügbarkeit des Vakzins liegen also acht bis neun Monate, und das ist schon ein sehr hohes Tempo.

Das alles macht deutlich: Der Faktor Zeit lässt sich in der Impfstoff-Fertigung auch mit noch so vielen Milliarden nicht eliminieren. Die Verfahren sind kompliziert und die Sicherheitsanforderungen extrem hoch.

Quelle: Kostas Koufogiorgos
Karikatur
(Foto: Kostas Koufogiorgos)

In Deutschland leben derzeit etwa 83 Millionen Menschen. Davon kommen rund zwölf Millionen Kinder und Jugendliche unter 16 Jahren für eine Impfung vorerst nicht infrage, weil es für sie bisher keinen zugelassenen Covid-Impfstoff gibt. Die Impfbereitschaft im Rest der Bevölkerung wird derzeit auf 65 bis 70 Prozent geschätzt.

Unter diesen Bedingungen werden hierzulande also Covid-Impfstoffe für knapp 50 Millionen Menschen benötigt. Das entspricht etwa 100 Millionen Dosen bei zweifacher Impfung. 

Liefermengen von 97 Millionen Impfstoff-Einheiten für die Bundesrepublik

Dem steht nach bisherigen Planungen der Bundesregierung eine Liefermenge von knapp 97 Millionen Impfstoff-Einheiten bis Ende des zweiten Quartals gegenüber, davon mehr als 60 Millionen Dosen der hochwirksamen Vakzine von Biontech und Moderna sowie weitere gut 30 Millionen Impfstoffdosen von Astra-Zeneca, Johnson & Johnson und Curevac. Zudem wird im Laufe des zweiten Quartals mit dem Impfstoff von Novavax möglicherweise noch ein weiteres gutes Vakzin in der EU zugelassen.

Vorausgesetzt, es bleibt bei den Lieferplänen und es gelingt tatsächlich, die Impfraten von derzeit etwa 800.000 auf rund 6,5 Millionen pro Woche zu erhöhen, können theoretisch also in der Tat bis Jahresmitte fast alle impfwilligen Bürger geimpft werden. Schon im Juli könnte es unter diesen Bedingungen an Abnehmern für die bereitstehenden Impfstoffe mangeln.

Und angesichts weiter steigender Liefermengen und der jüngst kommunizierten Pläne der Bundesregierung, insgesamt mehr als 600 Millionen Impfstoffdosen zu ordern, dürfte sich diese Überversorgung verstärken. 

Natürlich wird es längerfristig weiteren Bedarf geben. Vieles deutet darauf, dass modifizierte Vakzine und regelmäßige Auffrisch-Impfungen nötig werden. Vor diesem Hintergrund erscheint es logisch und attraktiv, den Pharmastandort Deutschland als globales Impfstoff-Zentrum zu positionieren – zumal die mRNA-Impfstoffe besondere Flexibilität im Kampf gegen Covid und andere Infektionskrankheiten versprechen. 

Klar sollte aber auch sein, dass diese Strategien am Impfstoff-Mangel der kommenden Wochen wenig ändern und längerfristig auch das Risiko von Fehlsteuerungen bergen. Überkapazitäten sind jetzt schon vorgezeichnet. Im vergangenen Jahr hat man vielleicht zu verhalten agiert. Aber inzwischen wächst die Gefahr, dass der Impfstoff-Aktionismus übers Ziel hinausschießt. 

Mehr: Evonik will Lipidproduktion für Biontech-Impfstoff hochfahren

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