Rüstung: Thyssen-Krupp Marine Systems will mit Stealth-U-Booten Neustart schaffen
Die frühere Howaldtswerke-Deutsche Werft (HDW) ist weltweit führend im Bau von konventionellen U-Booten.
Foto: IMAGO/penofotoKiel. Der U-Boot-Bauer Thyssen-Krupp Marine Systems (TKMS) erhofft sich durch die geplante Aufrüstung der Bundesregierung neue Aufträge. Die Werft will eine nächste Generation von Unterseebooten entwickeln, die mit ihrem leisen Antrieb und einer Stealth-Technologie praktisch nicht mehr zu orten sein soll. Vorstandschef Oliver Burkhard hat diese bereits der Bundesregierung offeriert. „Wir haben ein Angebot über sechs weitere U-Boote abgegeben“, sagte er dem Handelsblatt.
Ein Zuschlag des Bundes würde auch intern ein wichtiges Signal senden – denn im Konzernverbund ist TKMS das ungeliebte Kind. Die frühere Howaldtswerke-Deutsche Werft (HDW) ist zwar weltweit führend im Bau von konventionellen U-Booten, über 20 Nationen setzen auf die Produkte der Kieler. Thyssen-Krupp fremdelte aber mit der Tochter, produziert diese doch Rüstungsgüter.
Rüstung: Thyssen-Krupp fremdelt mit Tochter
Über Jahre hinweg versuchte das Konglomerat daher den Ableger zu verkaufen, ohne Erfolg. Zuletzt hatte Vorstandschefin Martina Merz zum Jahresstart Konkurrenten um Gebote für TKMS gebeten. Mit dem Überfall Russlands auf die Ukraine unterband das Kanzleramt aber den Prozess – TKMS soll in deutscher Hand bleiben. Zumindest bis auf Weiteres.
Mit dem Kriegsausbruch hat sich die Lage grundlegend verändert, nicht nur für TKMS, sondern für die Rüstungsindustrie insgesamt. Wöchentlich tagen nun Vertreter von Branche und Bundesregierung, um über die Ausrüstung für die Bundeswehr und auch mögliche Lieferungen für die ukrainischen Streitkräfte zu reden. Die Bundeswehr ist über die Jahre kurzgehalten worden, muss nun in Eile neues Gerät anschaffen.
Ein Schwerpunkt liegt dabei auf der Marine, die in den kommenden Jahren für 19,3 Milliarden Euro aufgerüstet werden soll. Deutschland fällt im Rahmen der Nato-Planungen die Sicherung der Nord- und Ostsee zu. Dazu hat die Bundesregierung bereits vor dem Kriegsausbruch zwei U-Boote bestellt. Nun würde Burkhard das Kontingent um eben jene sechs Einheiten verstärken. Diese Stealth-U-Boote sollen größer sein und auch im Atlantik operieren können.
Thyssen-Krupp Marine Systems: Volle Auftragsbücher, kein Geld
Wie die Deutschen so wollen auch andere Länder ihre Seestreitkräfte aufrüsten, was sich in konkreten Zahlen niederschlägt. „Der für uns adressierbare Markt hat sich für dieses Jahrzehnt auf 30 Milliarden Euro verdreifacht“, sagt der Manager. Die Boote von TKMS sind speziell für den Einsatz in seichterem Gewässer wie Nord- und Ostsee oder in Küstennähe konzipiert. Derzeit würden unter anderem Indien, Indonesien, Polen und die Niederlande über die Anschaffung nachdenken.
Die Nachfrage ist hoch, und TKMS technisch gut positioniert. Zufrieden ist Burkhard aber nicht. Denn Geld verdient die Gesellschaft nicht. Die Auftragsbücher seien voll, aber die Werft habe Verluste ausgewiesen, sagt er. „Wir müssen effizienter werden und uns auf einen Wachstumsschub vorbereiten.“
Beim Rundgang über das Werftgelände gegenüber der Kieler Innenstadt präsentiert Burkhard die U-Boote, die hier dicht an dicht liegen. In Halle neun stehen zwei Kolosse eng beieinander, schwarz, zwischen 60 und 80 Metern lang und sieben Meter breit. Während bei einem Fahrzeug die Arbeiter bereits im Inneren zugange sind, muss beim anderen noch die Nase mit dem Torpedoraum angeschweißt werden.
Im Schnitt dauert es sieben Jahre, bis ein U-Boot übergeben werden kann, sagt Burkhard. Zu lang, er will den Ablauf um mindestens ein Jahr verkürzen. Mit strafferen Prozessen, so betont der Werftchef, wird TKMS rentabel. Die Pläne für den Umbau will Burkhard im eigenen Haus erarbeiten lassen. „Die Mitarbeiter erarbeiten in Teams Maßnahmen, mit denen wir unsere Effizienz steigern können.“
Der Manager will die Prozesse bei der Werfttochter von Thyssen-Krupp straffen.
Foto: IMAGO/BildFunkMVDie U-Boote sind Einzelanfertigungen – mit viel Handarbeit. „Jedes ist so gesehen ein Prototyp, der fehlerfrei sein muss“, sagt Burkhard. Denn Mängel an den kilometerlangen Kabellagen oder Leitungen sind ein enormes Risiko, das zum Verlust eines Bootes führen kann. Bis ein Mitarbeiter selbst eine der armdicken Kabelstränge flechten darf, muss er fünf Jahre dabei sein, sagte ein Techniker beim Rundgang.
Norwegen, Israel, Ägypten und Singapur lassen in Kiel bauen
Die Namen der Auftraggeber für die zwei U-Boote in Halle neun verschweigt Burkhard. Diese bestünden auf Vertraulichkeit, sagte er. Die Kundenliste ist lang. Bekannt ist, dass neben Deutschland etwa Norwegen, Israel, Ägypten und Singapur in Kiel bauen lassen.
Die Werft ist bis zum Jahr 2034 ausgelastet. Mit dem Umbau von TKMS will Burkhard daher den Raum schaffen, neue Aufträge annehmen zu können. Dazu soll die Kapazität in Kiel erweitert und die Fertigung modernisiert werden. Der Mutterkonzern hat dazu Investitionen in Höhe von 250 Millionen Euro freigegeben. Mit dem Geld wird unter anderem eine neue Halle gefertigt und eine neue, eigene Brennstoffzelle entwickelt, die leise Tauchfahrten möglich macht.
Der Thyssen-Krupp-Ableger braucht aber auch mehr Raum, um neue Aufträge annehmen zu können. Dazu erwarb TKMS die insolvente MV-Werft in Wismar. An dem Standort will die Firma ebenso U-Boote bauen. Aber nicht nur. Burkhard hofft auf Aufträge für Korvetten und Fregatten. „Wir sind bereit, uns stärker auch in diesem Bereich zu engagieren.“
Gelingt der Mannschaft um Burkhard die Wende, dann bedeutet das nicht eine neue Ruhephase. Im Gegenteil: Mit einer neuen Aufstellung dürfte das Thema Abspaltung aus dem Thyssen-Krupp-Reich wieder auf den Tisch kommen. Denkbar ist eine gesellschaftliche Verzahnung mit einem Partnerunternehmen oder ein Börsengang, wie es in Industriekreisen heißt.
Die europäische Marine-Industrie braucht aus Sicht von Marktteilnehmern eine Konsolidierung, da es zu viele Werften gibt. Bevor sich TKMS aber mit einem Wettbewerber aus Italien, Frankreich oder Spanien verbündet, stünde eine Neuordnung an der deutschen Küste an. TKMS indes wäre anders als bisher nicht Ziel einer Übernahme, sondern selbst in einer starken, übernehmenden Position, erklärte ein Vertreter der Industrie.