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Rüstungsindustrie„Daten sind die neue Munition“ – Wie das Schlachtfeld der Zukunft aussieht

Künftige Kriege werden mit Drohnen und Robotern geführt – und mit weniger Soldaten. Doch die Optimierung durch Algorithmen und Künstliche Intelligenz hat noch eine Grenze.Markus Fasse, Martin Murphy 21.06.2024 - 04:08 Uhr
Rheinmetall-Stand auf der Rüstungsmesse Eurosatory in Paris: Der Panzer der Zukunft soll mit immer weniger Personal auskommen. Foto: Getty Images

Paris. Der „Panzerjäger“ ist eine Attraktion von Rheinmetall auf der Rüstungsmesse Eurosatory in Paris. Im Stundentakt führen die Experten hohe Militärs durch die multimediale Präsentation und gleich nebenan in das Innere des leichten Radpanzers.

Der Clou: Anders als bisher kann die Besatzung mithilfe von Drohnen und Algorithmen gegnerische Panzer sekundenschnell ausmachen und auf eine Entfernung von über fünf Kilometer bekämpfen – schneller und effizienter als je zuvor. „Bevor der Gegner den Panzerjäger bemerkt, ist er schon erfasst“, versprechen die Rheinmetall-Manager.

Und tatsächlich: Wer auf dem Sitz des Kommandanten hinter dem Fahrer Platz nimmt, bekommt eine Vorstellung davon, wie die Kriegsführung sich wandelt. Der Computer berechnet die optimale Route, die der Panzerjäger zum Gegner einnehmen muss, um nicht selbst entdeckt zu werden.

Zwei Bildschirme liefern die Daten der vom Fahrzeug aus startenden Aufklärungsdrohnen, ein Joystick reicht, um eine der vier panzerbrechenden Raketen vom Dach des leichten Radpanzers aus zu starten. Die Bekämpfung schwerer Kampfpanzer, einst das Ergebnis vieler Truppengattungen und langer Befehlsketten, schrumpft im Zeitalter von Drohnen und Algorithmen zu einem Vorgang von wenigen Minuten. „Daten sind die neue Munition“, heißt es bei Rheinmetall.

Mehr als zwei Jahre nach Ausbruch des Ukrainekrieges zeigt sich auf der Rüstungsmesse Eurosatory in Paris, wie hochentwickelte Armeen in Zukunft operieren werden. Galten früher Masse, Logistik und Feuerkraft als Voraussetzung für die Dominanz auf dem Schlachtfeld, so verlangen Militärs heute von der Rüstungsindustrie zusätzlich Systeme, die ihr knappes Personal schonen, indem Informationen schneller beschafft und Waffen effektiver eingesetzt werden.

Komplexe militärische Abläufe von Aufklärung, Auswertung und Bekämpfung werden immer weiter automatisiert und auf nur noch wenige menschliche Entscheidungsträger konzentriert. Und auch die könnten im Krieg der Zukunft keine Rolle mehr spielen, fürchtet etwa der Papst. „Keine Maschine soll jemals die Entscheidung treffen können, einen Menschen zu töten“, mahnte Franziskus eindringlich auf dem jüngsten G7-Gipfeltreffen in Italien mit Blick auf den Einsatz von Künstlicher Intelligenz in Waffensystemen.

„Wingman“: Auf der Luftfahrtmesse ILA stellt Airbus im Juni 2024 seine Kampfdrohne vor. (Animation) Foto: Airbus

Die Mahnung ist berechtigt: Weltweit forschen Militärs an autonomen Waffensystemen. Für die Militärs in den Nato-Staaten gilt der Grundsatz „Human-in-the-Loop“ (HITL) – am Ende hat ein Mensch über den Einsatz tödlicher Waffen zu entscheiden.

Automatisierung des Kriegs soll „Tödlichkeitsrisiko“ senken

Der kann dann mitunter in einer anderen Zeitzone sitzen, so wie die „Operatoren" der in Afghanistan oder Irak eingesetzten Kampfdrohnen vom Typ „Predator". Doch der Weg in das Kampfgebiet, das Aufklären von Bedrohungen und Zielen überlässt das Militär immer häufiger selbstlernenden Maschinen.

Auf der Eurosatory in Paris zeigen vor allem die von Russland bedrohten baltischen Staaten, wie sehr die Automatisierung des Krieges kleineren Armeen hilft. Der estnische Anbieter Milrem hat ein ganzes Arsenal an kompakten Kettenfahrzeugen entwickelt, die autonom fahren und die „Überlebensfähigkeit der Truppe“ erhöhen und das „Tödlichkeitsrisiko“ senken.

Die Milrem-Roboter transportieren Nachschub, bergen Verletzte, können aber auch Kanonen und Mörser tragen, die ferngelenkt bedient werden.  Ein Vorteil des Konzepts: Ein Gefährt ohne Menschen hat mehr Platz für Nutzlast wie Waffen und Treibstoff – kann also deutlich länger im Kampfgebiet bleiben. Neben Deutschland hat schon ein gutes Dutzend westlicher Staaten die Milrem-Roboter im Einsatz.

Dazu gehört auch die Ukraine, die sich gegen die Invasion Russlands wehren muss. Neben Munition, Panzern oder Flugabwehrsystemen erhält Kiew Zugang zu westlicher Technologie. Der Drohnen-Hersteller Quantum Systems aus München etwa hat einige Tausend seiner Fluggeräte an die ukrainischen Streitkräfte geliefert, die damit die russischen Stellungen auskundschaften.

In der Ukraine testen Rüstungsfirmen ihre Systeme

Quantum hat in der Ukraine ein Team vor Ort, auch um die Erfahrung aus dem Einsatz im Kriegsgebiet zu nutzen. Die Drohnen fliegen inzwischen ohne das störungsanfällige Satellitensignal GPS eigenständig festgelegte Gebiete ab und liefern Daten über die feindlichen Stellungen. Mithilfe eines selbstlernenden Algorithmus liefert das System immer mehr Details zu möglichen Zielen.

Quantum ist eines von vielen Unternehmen, das die Kriegserfahrungen für seine Systeme nutzt. Der ukrainische Rüstungsminister Olexander Kamyschin wirbt im westlichen Ausland für weitere Partnerschaften. In seinem Land würden derzeit die modernsten Techniken getestet, sagte er kürzlich dem Handelsblatt. Nirgends sonst auf der Welt ließen sich die Daten generieren, mit denen Systeme fortentwickelt werden könnten. Gewonnen werden die im Gefechtseinsatz, wie sich an den Quantum-Drohnen zeigt.

Auch ohne autonome Kriegsgeräte soll die Zahl der erforderlichen Soldaten schrumpfen. Die in Paris vorgestellten Systeme kommen mit weniger Soldaten aus. Der von Rheinmetall und Lockheed Martin entwickelte Raketenwerfer Gmars soll als Nachfolger des bereits eingesetzten Vorgängers Himars mit einer Besatzung von zwei statt mit drei Soldaten auskommen. Bei der vom Hersteller KNDS präsentierten neuesten Version „Leopard 2 arc 3.0“ schrumpft die Mannschaft um eine Person auf drei.

Die schwere Hauptkanone mit einer Reichweite von fünf Kilometern wird ferngesteuert, und die Vollautomatisierung vom Ausrichten der Kanone bis zum Laden und Schießen wird erheblich beschleunigt, sodass der Panzer jetzt innerhalb von zehn Sekunden drei Schuss abgeben kann.

Der neue „Leo“ enthalte schon viel jener Technologie, die KNDS in den Nachfolger – Main Ground Combat System – einbauen wolle, sagt KNDS-Geschäftsführer Axel Scheibel. In Paris unterzeichnete die Industrie einen Vertrag zur Entwicklung des deutsch-französischen Gemeinschaftsprojektes, das bis 2040 einen hochautomatisierten Leopard-Nachfolger entwickeln soll. Teil des Konzepts: Neben dem noch von Menschen bedienten Kampfpanzer soll eine ganze Armada von Robotern und Drohnen das Umfeld sichern und den Kampf bereits aufnehmen, bevor menschliche Soldaten eingreifen müssen.

Drohnen sollen den Einsatz an vorderster Front übernehmen

Der Mensch wird zwar entscheidend bleiben, allerdings soll er sich möglichst weit vom Kampfgebiet entfernt aufhalten. Auf der Luftfahrtmesse ILA stellte Airbus kürzlich sein Konzept für eine neue Drohne vor. Das Gerät mit dem Namen „Wingman" hat mit knapp 15 Meter Länge das Format eines Kampfflugzeuges. Als Begleiter etwa vom Eurofighter soll die Drohne feindliche Bewegungen aufklären und diese auch bekämpfen können.

Dem Kampfgebiet wird der Pilot den Planungen zufolge fernbleiben. Dies soll nicht nur für Flugzeuge, sondern auch für Panzer und Marineeinheiten gelten. Jede dieser Waffengattungen soll Begleiter wie den „Wingman" erhalten.

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Ob die Zahl der in den Kampf geschickten Soldaten letztlich sinken wird, ist für Experten zweifelhaft. Gerade in der Ukraine zeige sich, dass trotz des technologischen Wandels eine ausreichende Zahl an Soldaten ein wichtiger Faktor sei, sagte ein Militärexperte. Ausschlaggebend wird auch künftig die Finanzkraft sein. Neue Waffensysteme werden immer teurer, gerade wenn sie mit modernen Anwendungen wie Künstlicher Intelligenz ausgestattet werden.

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