Schutz der Fußball-WM 2022: Krauss-Maffei will katarischen Scheichs Flugabwehrpanzer verkaufen
Das fast 50 Tonnen schwere Ungetüm stammt aus den Schlachtplänen für den Kalten Krieg und sollte im Ernstfall Nato-Panzer gegen russische Tiefflieger verteidigen.
Foto: imago/photothekBerlin, Düsseldorf, Frankfurt, Zug. Der Panzer war feuerbereit, aber die Kamele standen noch im Weg. Es war Montag, der 29. Oktober 2018, als Hans Schommer zum ersten Mal sein Zielgebiet begutachtete. Tags zuvor im Morgengrauen aus München abgeflogen, standen Schommer und die anderen Söldner, wie sie sich nannten, in der katarischen Wüste. Auf dem Schießplatz Al-Galail, nahe der Grenze zu Saudi-Arabien, sollten sie im Auftrag des Rüstungskonzerns Krauss-Maffei Wegmann (KMW) vorführen, wozu ein Gepard Flak-Panzer 1A2 fähig ist.
In der Bundeswehr hatte es Schommer bis zum Oberstleutnant gebracht. Dass dort, wo er bald die gewaltigen Maschinenkanonen des Gepard-Panzers testen sollte, Kamele, Schafe und Ziegen weideten, brachte den Ex-Offizier leicht aus dem Konzept. Es gebe einen Vertrag mit der Regierung, dass die Beduinen auf eigenes Risiko in dem Gebiet herumziehen durften, notierte Schommer später in einem Bericht. „Dieser Umstand liegt mir irgendwie auf dem Magen.“
Die skurrile Szene ist Teil eines millionenschweren Rüstungsdeals. Nach Informationen des Handelsblattes ist das Emirat Katar dabei, einen neuen Großauftrag zu vergeben. 2022 soll in dem Wüstenstaat die Fußballweltmeisterschaft stattfinden, die Scheichs suchen militärisches Gerät, das die Stadien gegen Angriffe aus der Luft schützt.
Das Bedrohungsszenario lautet: Terroristen steuern bewaffnete Drohnen auf die Fußball-Tempel, in denen 50.000 Fans aus aller Welt mit Messi, Ronaldo und den anderen Weltstars fiebern.
Wie ernst die Gefahr ist, zeigten vor einem Jahr jemenitische Huthi-Rebellen im Nachbarland Saudi-Arabien. Die Huthis steuerten zehn Drohnen auf zwei Raffinerien des weltgrößten Ölkonzerns Saudi Aramco in Abquiq und Khurais und trafen sie so, dass die Saudis ihre Förderung um fünf Millionen Barrel pro Tag drosseln mussten.
Das Emirat Katar liegt mitten in einer Krisenregion. Vom Iran trennt das Land nur der Persische Golf, die politische Situation mit den arabischen Nachbarn ist seit 2017 angespannt. Ägypten, Saudi-Arabien, Bahrain und die Vereinigten Arabischen Emirate boykottieren Katar.
Schutz vor Kampfdrohnen
Die WM wäre für Terroristen ein ideales Ziel. Die Stadien sind nicht zu verfehlen und stehen während des Turniers im weltweiten Medienfokus. Es war deshalb naheliegend, dass der Weltfußballverband Fifa bei der Vergabe der Weltmeisterschaft 2022 eine wichtige Bedingung hatte: die Absicherung der Arenen gegen Drohnenangriffe.
KMW hat die passenden Produkte im Angebot – und die Deutschen verfügen über gute Geschäftsbeziehungen zum Wüstenstaat. 2013 bestellte Katar 62 hochmoderne Leopard-2-Panzer, 24 Panzerhaubitzen und anderes Militärgerät im Wert von rund zwei Milliarden Euro.
Der kleinere Auftrag für die Gepard-Panzer zur Drohnenabwehr käme den Münchenern gelegen, um den Fuß in der Tür zu behalten. Auf der Einkaufsliste des Emirats stehen in naher Zukunft auch Schützenpanzer mit einem Auftragsvolumen im Milliardenbereich. Eine ähnliche Summe würde wohl fällig, wenn Katar seinem Plan folgt, eine zweite Panzerbrigade mit neuen Panzern auszurüsten.
2022 soll in dem Wüstenstaat die Fußballweltmeisterschaft stattfinden, die Scheichs suchen militärisches Gerät, das die Stadien gegen Angriffe aus der Luft schützt.
Foto: Getty Images Sport/Getty ImagesWie weit die Verhandlungen zum WM-Auftrag sind, will KMW nicht mitteilen. Ein Kenner der Szene sagt, die Panzer sollten im Herbst auf die Reise gehen. Ein anderer will den Vertragsentwurf gesehen haben. Die Bundesregierung wollte eine Exportgenehmigung nicht bestätigen. Nach Recherchen des Handelsblattes wäre der Einsatz des Flak-Panzers für die Fußball-WM mit einigen Problemen behaftet.
Das fast 50 Tonnen schwere Ungetüm stammt aus den Schlachtplänen für den Kalten Krieg und sollte im Ernstfall Nato-Panzer gegen russische Tiefflieger verteidigen. In Deutschland wurden die Flugabwehrkanonen schon vor zehn Jahren ausgemustert. Das ist kein Grund, an der Zuverlässigkeit des Gepards zu zweifeln. Aber von wem soll der katarische Kunde die Benutzung erlernen?
KMW setzt auf Männer wie Hans Schommer. Schon im Herbst 2017 bat der Rüstungskonzern den Oberstleutnant a. D. nach Schleswig-Holstein. Auf dem Truppenübungsplatz Putlos sollten Schommer und seine Crew katarischen Besuchern vorführen, was der Gepard 1A2 alles konnte. Dabei sah man auch, was er nicht konnte.
„Waffenabgangsfehler“, nannte Schommer später in einem Bericht, was in Schleswig-Holstein schiefging. Ein Fehler, den es „nach dem Bekunden unserer Schrauberfraktion gar nicht geben konnte“. Die Deutschen bekamen das Problem in den Griff – ihre jahrzehntelange Erfahrung mit der Militärtechnik zahlte sich aus. Völlig ungewiss ist dagegen, ob katarische Soldaten in der Lage wären, das Gleiche zu tun.
Beunruhigende Fehler am Flak-Panzer
Die Probleme nämlich wurden in Putlos nicht behoben, nur umschifft. Ein Jahr später beim Probeschießen in der katarischen Wüste trafen beim Abschießen wieder nicht alle Geschosse, wo sie sollten. „Ablagefehler bei den Periskopen und Waffenabgangsfehler“ notierte Schommers. „Ich bin ein wenig beunruhigt.“
Kurz darauf gab die rechte Kanone auf. Eine Hülse steckte im Patronenlager und ließ sich nicht bewegen. Die Söldner fuhren den Panzer in eine Halle und holten einen Kran. „Danach wird geklopft und gehämmert – immer noch nix“, schrieb Schommer. Schließlich gab die Kanone nach, allerdings brach ein Stück Stahl aus dem Verschlusskopf.
Am 21. November 2022 Stätte des Eröffnungsspiel der Fußball-WM.
Foto: ReutersAm nächsten Tag verweigerte die Turmsteuerung des Panzers den Dienst. Ein Problem mit dem Kondenswasser, vermutete Schommer, in der Wüste könne es nachts kalt werden. „Die Besatzung fährt das System rauf und wieder runter.“
Nach einer dreiviertel Stunde habe sich der Panzer selbst „kuriert“. Schommers Resümee: „Tja, so ist das, wenn man mit einem Ausstellungstück zum Schießen fährt.“ Der Gepard war zuvor auf der Rüstungsmesse Dimdex in Doha zu sehen.
Es ist nicht bekannt, ob die Katarer merkten, mit welchen Schwierigkeiten die deutschen Vorführer kämpften – oder ob KMW es dem Kunden verriet. Der Bericht von Schommer soll von der Firma abgesegnet worden sein, liegt aber nur in Deutsch vor. Wer weiß, wo er suchen muss, findet das Wüstentagebuch unverschlüsselt im Internet.
KMW beantwortete weder Fragen zu dem Auftrag aus Katar noch zu den Problemen auf dem Schießplatz. Seit das Handelsblatt im vergangenen Jahr über den Verkauf der Leopard-Panzer berichtete, verweigert der Konzern Presseauskünfte – auch zu den mutmaßlichen millionenschweren Nebengeschäften und Provisionen für Firmen, die von katarischen Generälen kontrolliert wurden.
Vor den Augen des Kunden demonstrierten KMW-Vertreter hingegen größte Zufriedenheit. Mehrfach gelang es den Deutschen, Drohnen aus dem Himmel zu schießen. „Ich lass mir auf der Tribüne von den Führungskräften unserer Firma noch mal kräftig ‚auf die Schulter klopfen“, schrieb Schommer. Der katarische Beobachter sei hochzufrieden abgefahren.
Unzulänglichkeiten bei Kataris
Die Katarer wären nicht der erste WM-Kunde. „Als relativ kostengünstiges System zur Drohnenabwehr kann der Gepard durchaus Sinn machen“, sagt Otfried Nassauer vom Berliner Informationszentrum für transatlantische Sicherheit. Der Experte verweist auf Brasilien. Die Südamerikaner hätten vor der WM 2014 Geparden für rund 30 Millionen Euro gekauft. Der Betreiber brauche jedoch unbedingt das geeignete Personal für Betrieb und Wartung.
Hier soll am 18. Dezember 2022 das Finale der Fußball-WM ausgetragen werden. Noch ist die Anlage im Bau befindlich, das Bild ein Modell.
Foto: AFPOb es das in Katar gibt, ist zweifelhaft. Die Katarer scheiterten etwa schon bei der Bedienung der Ziele für den Geparden. Ein „Drohnentrupp“ war angerückt, um die Deutschen herauszufordern. Statt Drohnen ließ die Einheit Modellflugzeuge aufsteigen. Der katarische Leutnant „verpeilte den Schusssektor und ‚grounded‘ die erste Drohne als Totalschaden“, notierte Schommer. Der zweite Flieger sei beim Start abgestürzt. Beim dritten Anlauf sei die Maschine 30 Meter geflogen. „Dann Bauchlandung und Abbruch beider Tragflächen.“ Am Ende schossen die Deutschen auf mitgebrachte Drohnen.
Für KMW müssen die Unzulänglichkeiten des Kunden nichts Schlechtes heißen. So könnte es naheliegen, langfristige Schulungsleistungen mit zu verkaufen. Experten würden das empfehlen. Die militärische Disziplin, auch unter großem Druck genau die richtigen Handgriffe zu tun, braucht jahrelange Übung. Ein ehemaliger Soldat, der in Katar Soldaten ausbildete, sagte dem Handelsblatt, dort hätten selbst Offiziere „oft nur die Aufmerksamkeitsspanne eines Fünftklässlers“.
Die Armee von Katar besteht größtenteils aus afrikanischen, indischen und pakistanischen Söldnern. Sprachprobleme sind keine Seltenheit. In zwei Jahren sollen sie bei der WM 2022 Spieler und Zuschauer aus aller Welt beschützen. Es wird ein spannendes Turnier.