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Tesla-FilesMitarbeiter warnten vor potenziell tödlichen Autopilot-Fehlern

Elon Musk preist Teslas Autopiloten seit Jahren als Sicherheitsfeature. Unterlagen aus dem Konzern zeigen: Mitarbeiter hielten Fahrten mit dem System offenbar für lebensgefährlich.Sönke Iwersen, Vinzenz Neumaier, Michael Verfürden 01.12.2023 - 15:18 Uhr Artikel anhören

Tesla-Chef Musk hält den Autopilot für sicher. Seine Mitarbeiter sind offenbar anderer Meinung.

Foto: Reuters

Düsseldorf. Bei Gregory Dahl* passierte es „ein bis zwei Mal“ pro Fahrt. Mateusz Nowak* erlebte den Schock einer Phantombremsung immer auf demselben Straßenabschnitt. Erik Larsen* schaltete nach regelmäßigen Fehlern des Autopiloten seines Model X die Funktion lieber ab.

Die Erfahrungsberichte der Tesla-Mitarbeiter sind in einer Excel-Tabelle festgehalten. Sie und ein gutes Dutzend weiterer Kollegen schildern darin, wie ihre Fahrzeuge bei eingeschaltetem Autopiloten selbstständig und ohne erkennbaren Grund bremsten, teils bei hoher Geschwindigkeit. Dabei preist Tesla-Chef Elon Musk den Autopiloten seit Jahren als Sicherheitsfeature.

Mit den Systemen Autopilot und Full Self Driving will Tesla Fahrzeuge autonom über Landstraßen und Autobahnen steuern lassen. Musk sieht die Technologie als einen wichtigen Schritt hin zum Verkehr der Zukunft. Kritiker bemängeln hingegen: Die Software des Autopiloten sei nicht ausgereift und gefährde deshalb Fahrer und Fußgänger.

Der Autopilot kann in bestimmten Versionen die Spur halten und wechseln. Das Tempo regulieren. Auf der Autobahn selbstständig fahren. Komplett autonom ist ein Tesla mit eingeschaltetem Autopilot aber nicht unterwegs. Der Fahrer muss die Hände am Lenkrad lassen.

Die Datei mit Beschwerden von Mitarbeitern aus Norwegen trägt den Titel „NO Employee Vehicles false braking“ und ist Teil der Tesla-Files, über die das Handelsblatt seit Mai berichtet. Der Mitarbeiter Lukasz Krupski im norwegischen Werk Drammen hatte sie kopiert, nachdem er intern mit Warnungen vor Sicherheitsmängeln nicht durchgedrungen war. Krupski arbeitet inzwischen nicht mehr bei Tesla.

Tesla schweigt

Das Handelsblatt bat Tesla um Stellungnahme zu der Datei über die Phantombremsungen. Das Unternehmen antwortete nicht. Das Urteil der in diesem Dokument genannten Mitarbeiter zu diesem Merkmal des Autopiloten war durchweg negativ. Im Oktober 2020 hielten sie die Fehlfunktion wohl für lebensgefährlich, das Risiko bei Fahrten mit aktivem Autopiloten offenbar für unkalkulierbar.

Der Angestellte Tor Karlsson* nahm an, der Autopilot seines Model 3 lese das Tempolimit auf Verkehrsschildern falsch. Jedenfalls bremste sein Tesla „mehrmals pro Tag“ unvermittelt ab. Auch bei Gegenverkehr auf einer engen Straße neigte der Autopilot laut Karlssons Angaben zu Phantombremsungen.

Mehr zu den Tesla-Files

Erik Larsen* war bei Tesla für den Ausbau der Ladesäulen in Skandinavien zuständig. Auf LinkedIn teilt er öffentlich seine Begeisterung für seinen Arbeitgeber und dessen Ziele. Nach fünf ungewollten Bremsungen in nur einer Woche überwog aber auch bei Larsen die Skepsis: „Ich schalte den Autopiloten oft wegen der Phantombremsung aus.“

Stichhaltige Erklärungen für die Vorfälle fand keiner der Mitarbeiter. Es blieb bei Vermutungen. „Ich schätze, dass auch tiefe Schatten unter Brücken etwas damit zu tun haben könnten“, überlegte Servicetechniker Borja Clausen*, nachdem sein Tesla innerhalb von drei Wochen drei Mal beim Überholen auf der Autobahn stark gebremst hatte. Ingenieur Jesper Thomassen* schrieb: „Falsches Abbremsen erlebe ich fast bei jeder Fahrt und harte Phantombremsungen seltener, aber normalerweise ein paar Mal bei meinen längeren Wochenendfahrten an verschiedenen Orten.“

Joshua Brown verunglückte mit seinem Tesla Model S, während der Autopilot das Fahrzeug gesteuert haben soll.

Foto: AP

Vor einem besonders gefährlichen Straßenabschnitt in Norwegen warnte Mitarbeiter Nowak. Auf dem Weg nach Oslo liege ein Tunnel, vor dem der Autopilot immer abbremse. Nowak habe das mit zehn verschiedenen Teslas probiert und schrieb: „Jedes Auto, das ich dort teste, wird ohne Grund langsamer.“

Kunden verklagen Tesla wegen Autopilot

Es ist nicht bekannt, welche Folgen die Beobachtungen der Tesla-Mitarbeiter in Norwegen hatten. In Deutschland gingen Kunden mit ähnlichen Problemen schon vor Gericht. Der Besitzer eines Model 3 verklagte Tesla im Jahr 2022 vor dem Landgericht Berlin. Begründung: ein angeblich fehlerhafter Autopilot.

Das Gericht beauftragte einen Sachverständigen mit einem Gutachten. Sein Fazit: Ein eingeschalteter Autopilot bedeute Gefahr auf deutschen Straßen. Bei Testfahrten habe der untersuchte Tesla „nach links in Richtung Gegenverkehr“ gesteuert. Der Autopilot reagiere „relativ spät auf Spurabweichungen, sodass bereits vorher der Fahrzeugführer Angst bekommt und ein Fahreingriff erfolgt“.

Handelsblatt Today Spezial vom 26.05.2023

„Tesla-Files“: Der Autopilot

25.05.2023
Abspielen 35:00

Den Rechtsanwalt des Klägers konnte das Sachverständigengutachten nicht überraschen. „Das ist kein Einzelfall“, sagt Christoph Lindner. „Zu uns kommen immer wieder Mandanten, die Probleme mit dem Autopiloten haben. Viele nutzen ihn gar nicht mehr. Das ist ihnen zu gefährlich.“

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Im Falle des klagenden Model-3-Besitzers hat das Gericht noch keine Entscheidung gefällt. Der Prozess läuft.

*Namen der Personen geändert

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