Türkische Verteidigungsindustrie: Ankara rüstet auf
Präsident Erdogan will sogar einen Flugzeugträger von der heimischen Industrie selbst bauen lassen.
Foto: Anadolu Agency/Getty ImagesIstanbul, Frankfurt. Für Engin Aykol ist die Sache alternativlos. Seit dem Kalten Krieg steige die Zahl der Konflikte mit Staaten und Terrorgruppen, „vor allem rund um die Türkei“, erklärt der Chef des türkischen Rüstungsherstellers Nurol Makina aus Ankara. Für den umtriebigen Firmenchef ist das allerdings nicht bloß ein Grund zur Trauer ob der vielen Gewalt. „Ich kann Ihnen sagen“, setzt er zufrieden an, „wir sehen großes Interesse aus Ländern dieser Region an unseren Produkten.“
Politische Umbrüche, Terror, Streit mit den Nachbarn und ein Bürgerkrieg im Nachbarland Syrien: Die türkische Wirtschaft ist in schwierigem Fahrwasser unterwegs. Trotzdem erlebt sie gerade ihr kleines Wirtschaftswunder – im Rüstungssektor. Aus einem „Leistungsreport“ der türkischen Vereinigung für Verteidigung und Luftfahrt (Sasad) geht hervor, dass im vergangenen Jahr in dem Land militärische Produkte und Dienstleistungen im Wert von sechs Milliarden US-Dollar hergestellt worden sind. Ein Anstieg um ein Fünftel gegenüber dem Vorjahr.
„Das Rückgrat unserer Rüstungspläne muss auf nationalen Möglichkeiten basieren“, forderte der türkische Staatschef Recep Tayyip Erdogan im Juli. „Wenn es sein muss, müssen wir noch mehr Zeit und Geld opfern.“ Die Türkei ziele darauf ab, ihre Abhängigkeit von der ausländischen Rüstungsindustrie bis 2023 zu beenden, ergänzte Erdogan. „Um das zu erreichen, müssen wir größere Fortschritte machen.“
Milliardenmarkt entsteht
Klar ist: Die Türkei wird aufrüsten. Am Ende will sie als Regionalmacht dastehen, politisch und auch militärisch. Das bedeutet auch: Ein noch viel größerer Milliardenmarkt entsteht. Und obwohl Erdogan sein Land unabhängig von Rüstungsimporten machen will, bietet die Aufrüstung auch für deutsche Hersteller eine Chance.
Bislang spielten vor allem Waffenimporte aus Deutschland in der Türkei eine große Rolle. 2015 genehmigte die Bundesregierung Exporte im Wert von knapp 39 Millionen Euro in die Türkei. Doch seit dem Putschversuch in der Türkei im vergangenen Sommer genehmigt die Bundesregierung kaum noch Waffenlieferungen in das Land. Im März dieses Jahres wurde bekannt, dass sie elf Anträge auf Rüstungsexporte in die Türkei abgelehnt hatte.
Doch mit einem Trick können die deutschen Waffenkonzerne die politischen Zwänge umgehen: Sie gründen Auslandstöchter und bauen Fabriken in der Türkei. Der Rüstungskonzern Rheinmetall ist etwa seit Jahren in dem Land über Joint Ventures und Tochterunternehmen aktiv. Bei der Ausschreibung für einen neuen türkischen Kampfpanzer bietet auch das türkisch-katarische Joint Venture BMC mit, an dem Rheinmetall beteiligt ist. Der deutsche Konzern hatte erst im Mai den ehemaligen Bundesverteidigungsminister und aktuellen Bundestagsabgeordnete Franz-Josef Jung in den Aufsichtsrat gewählt. Sein Auftrag: Er soll das Türkei-Geschäft ausbauen.
Rheinmetall-Vorstandschef Armin Papperger will über Kooperationen die weltweite Präsenz der Düsseldorfer ausweiten. Dazu schließt sich der Konzern mit lokalen Herstellern zusammen. Während die technische Expertise aus Deutschland kommt, steuert der Partner Standort und Marktzugang bei. Beispiel für diese Vorgehensweise ist der Thyssen-Krupp-Konzern, der U-Boote an die Türkei liefert. In einem nächsten Schritt wollen die Partner die Unterwasserfahrzeuge auch in Drittländer verkaufen. Das erste Projekt haben Thyssen-Krupp und die Türkei bereits angestoßen: Gemeinsam wollen sie U-Boote nach Indonesien exportieren. Wegen der hohen Korruptionsanfälligkeit und der unsicheren politischen Lage wäre dies von Deutschland aus kaum möglich.
Doch auch die heimische Produktpalette türkischer Rüstungsgüter kann sich bereits sehen lassen. Von der Pistole bis zur hochausgerüsteten Drohne ist nahezu alles dabei. Und so tummeln sich im türkischen Rüstungsmarkt auch gleich mehrere große Player. Dem Rüstungsmagazin „Defence News“ zufolge sind unter den 100 weltweit größten Waffenproduzenten nun auch drei türkische Hersteller.
Der Waffenhersteller Aselsan (Platz 57) ist der größte unter ihnen und der einzige, der an der Börse in Istanbul gelistet ist. Das Unternehmen produziert vor allem Militärtechnik wie Radargeräte, aber auch kleine Luftabwehrsysteme. Im Geschäftsjahr 2016 erreichte Aselsan einen Umsatz in Höhe von umgerechnet fast einer Milliarde Euro, der operative Profit lag bei über 200 Millionen Euro und hat sich gegenüber dem Vorjahr vervierfacht.
Der Luftfahrt- und Militärkonzern TAI (Platz 72) entwickelt die erste heimische Drohne „Anka“ und ist nach eigenen Angaben an der Produktion des europäischen Militärflugzeugs „A400M“ beteiligt. Das Unternehmen Roketsan (Platz 98), an dem Aselsan mit 15 Prozent beteiligt ist, wurde 1988 vom türkischen Staatssekretariat für Rüstungsindustrie gegründet. Roketsan produziert inzwischen eine breite Palette fliegender Sprengsätze bis hin zu Anti-U-Boot-Raketen.
Neben den größeren Konzernen gibt es eine wachsende Anzahl spezialisierter türkischer Waffenfirmen, die mit Milliarden von der türkischen Regierung bezuschusst werden. Erst am vergangenen Wochenende teilte der Drohnenentwickler Bayraktar den erfolgreichen Abschuss einer intelligenten Bombe mit dem Namen MAM-L mit. Das Kürzel steht übersetzt für „Nationales intelligentes Geschoss“.
Spezialanbieter Nurol Makina aus Ankara bekommt die Hochkonjunktur besonders zu spüren. Das Unternehmen ist auf gepanzerte Fahrzeuge spezialisiert, die auch gegen Demonstrationen und im Kampf gegen kurdische Gruppen im Südosten des Landes eingesetzt werden. Die Firma entwickelt eine Neuversion des gepanzerten Fahrzeugs „Ejder Yalcin“, das dem US-amerikanischen „Humvee“ ähnlich ist. Firmenchef Aykol erhält Anfragen aus dem gesamten Nahen Osten für das Fahrzeug. Ende Juli beispielsweise gab das usbekische Verteidigungsministerium bekannt, zehn Panzerfahrzeuge aus Aykols Schmiede zu bestellen. Über Exportbeschränkungen wird dabei in Ankara nicht geredet. Der Aufbau der Rüstungsindustrie hat Vorrang vor eventuellen Bedenken.
Kampferprobte Armee
Das türkische Militär habe gegenüber Streitkräften aus anderen Ländern einen großen Vorteil, meint Aykol: „Unsere Armee ist deutlich kampferprobter und weiß genau, welche Anforderungen sie an uns stellen muss.“ Aber auch die Nachfrage der krisengeplagten Länder in der Region nimmt offenbar zu. So wurde im Juni bekannt, dass Tunesien die ersten Panzerfahrzeuge erhält, die komplett in der Türkei entwickelt und produziert worden sind – von Nurol Makina.
Auch der Rüstungshandel mit der Ukraine steigt stetig und lag 2016 bei einem Volumen von 3,7 Milliarden US-Dollar; in fünf Jahren soll sich der Wert verfünffacht haben. Mit Katar sind allein in diesem Jahr Rüstungsprojekte im Wert von zwei Milliarden US-Dollar geplant. Im Mai gab der türkische Rüstungshersteller Aselsan bekannt, Technologie für pakistanische Kampfjets im Wert von über 25 Millionen US-Dollar zu entwickeln.
Anfang Juli weihte Staatspräsident Erdogan persönlich eine heimisch produzierte Fregatte ein. Das 100 Meter lange Kriegsschiff „Kinaliada“ sei ein Schritt auf dem Weg, bei der Verteidigung des Landes sich selbst versorgen zu können. „Wir werden auf keinen Fall Versuche tolerieren, die uns daran hindern wollen“, erklärte der türkische Staatschef. Erdogan hat bei seiner Einweihungsrede der lokalen türkischen Verteidigungsindustrie die Unterstützung des Staates zugesagt. „Wir müssen ein Auge auf unsere Strategien haben und Unternehmen unterstützen, die auf dem Feld der Verteidigungsindustrie arbeiten.“ Geht es nach Erdogan, baut die Türkei bald auch einen eigenen Flugzeugträger selbst.
Nurol-Makina-Chef Aykol meint zu Recht, die türkische Verteidigungsindustrie könne noch nicht mit der französischen oder deutschen mithalten. Dass die Bundesregierung zuletzt Rüstungsexporte in die Türkei untersagt hatte, möchte Aykol nicht kommentieren. Er sagt nur so viel: „Die Türkei liegt in einer der hitzigsten Regionen der Welt, weshalb wir auch in Zukunft einen großen Bedarf an Verteidigungs- und Sicherheitsmaßnahmen haben.“
Vom Aufbau der heimischen Rüstungsindustrie verspricht sich die Regierung aber noch mehr, wie Alper Ücok vom türkischen Industrieverband Tüsiad sagt: „Die türkische Regierung glaubt, mit einer vollintegrierten Rüstungsindustrie das Wirtschaftswachstum in vielen weiteren Sektoren anzukurbeln und die Transformation dort voranzutreiben.“