VW-Software: Volkswagen probt in China den Neustart mit neuem Betriebssystem
Düsseldorf, Peking. Deutschlands größter Autohersteller Volkswagen hat am Montag neue Details zur Kooperation mit seinem chinesischen Partner Xpeng bekannt gegeben. Damit stellt er wichtige Weichen für die problembehaftete Software-Strategie des Dax-Konzerns.
Die beiden Autobauer wollen bis 2026 zusammen eine neue Elektronikarchitektur entwickeln, die die bestehenden Betriebssysteme aller Elektroautos der Marke Volkswagen in China ablöst. Die neue Software soll auch in gemeinsamen Fahrzeugen von VW und Xpeng zum Einsatz kommen, deren Marktstart ab 2026 anvisiert ist.
Von der neuen Elektronikarchitektur verspreche man sich nicht nur, die eigene Wettbewerbsfähigkeit in China zu stärken, erklärte der zuständige China-Vorstand Ralf Brandstätter. Insgesamt will VW mithilfe der Xpeng-Kooperation ein Drittel seiner Entwicklungszeit und bis zu 40 Prozent seiner Kosten reduzieren.
VW-Xpeng-Deal: Blaupause für Elektronikarchitektur mit Rivian
Wie das Handelsblatt aus Konzernkreisen erfuhr, könnte das Vorgehen in ähnlicher Form mit anderen Partnern, auch in der westlichen Hemisphäre, als Vorbild für weitere Konzernmarken dienen. „Der Xpeng-Deal ist eine Blaupause für die gesamte Softwarestrategie des Konzerns“, heißt es von einem hochrangigen Manager.
Um Tempo zu machen und den Anschluss zur Konkurrenz nicht zu verlieren, setzt Konzernchef Oliver Blume anders als sein Vorgänger Herbert Diess verstärkt auf Kooperationen. In China gehört neben Xpeng auch Horizon Robotics im Bereich des automatisierten Fahrens und Thundersoft für das Infotainment zu den derzeitigen Partnern.
Im Westen hat der VW-Konzern kürzlich die Gründung eines Fünf-Milliarden-Dollar-Joint-Ventures mit dem US-Elektro-Pick-up-Hersteller Rivian angekündigt. Auch hier steht die Entwicklung einer gemeinsamen Elektronikarchitektur im Vordergrund.
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Die neue Architektur für den chinesischen Markt wird im konzerneigenen Entwicklungszentrum in Hefei entwickelt. Angeführt wird das Projekt von VWs kriselnder Softwareeinheit Cariad.
Volkswagen behält die Kontrolle über den Programmcode, kann aber gleichzeitig von Xpengs Know-how in Sachen Software profitieren. Xpeng hat in dem Feld unter Chinas E-Autobauern einen guten Ruf.
Software ist für Konzernchef Blume eine Großbaustelle
Die Software der Fahrzeuge gilt als eine der größten Baustellen für den Konzernvorstand um CEO Blume. Bislang ist Cariad dafür zuständig, die Software und Hardware von Lieferanten in die Betriebssysteme des VW-Konzerns zu integrieren. Weil es dabei in den letzten Jahren immer wieder Verzögerungen gegeben hatte, wurde der Produktionsstart strategisch wichtiger Autos wiederholt nach hinten verschoben.
So sollte beispielsweise der elektrische Macan, den der Sportwagenbauer Porsche dieses Jahr auf den Markt gebracht hat, ursprünglich bereits Ende 2021 vorgestellt werden. Auch Audi musste den Marktstart seines in diesem Jahr präsentierten Elektro-SUV Q6 E-Tron mehrmals verschieben.
Der Volkswagen-Konzern ist mit 700 Millionen Dollar in Xpeng investiert und hält 6,85 Prozent an dem Start-up. Beide Unternehmen entwickeln bereits eine Fahrzeugplattform für den chinesischen Markt, der Schritt jetzt vertieft die Partnerschaft. Xpeng und VW hatten bereits im April ein Betriebssystem für China ab 2026 in Aussicht gestellt, aber keine Details zu Technologie und Zuschnitt genannt.
Wie die Unternehmen nun erklärten, soll die neue Elektronikarchitektur namens „China Electronic Architecture“ (CEA) mit weniger Steuergeräten auskommen als aktuelle Elektronikarchitekturen. Damit lassen sich künftig einfacher als bislang Updates drahtlos „over the air“ aufspielen. Zudem gelten die Architektur und Anwendungen als weniger fehleranfällig, wenn weniger Rechner verbaut sind.
VW-Rivian-Architektur soll in 36 Monaten fertig werden
VW arbeitet mit dem US-Partner Rivian an einer Software nach dem gleichen Prinzip. Konzernchef Blume hatte vor Investoren erste Fahrzeuge aus dem Deal für „Mitte der zweiten Hälfte des Jahrzehnts“ angekündigt. In Konzernkreisen ist von 36 Monaten für ein gemeinsames Betriebssystem die Rede.
Eines der Fahrzeuge, die als erste von der Software-Allianz mit Rivian profitieren sollen, ist demnach der Porsche-Siebensitzer mit dem Arbeitstitel „K1“, der frühestens ab 2027 in Leipzig vom Band laufen soll.
Dieser steht technisch auf der in diesem Jahr gelaunchten Fahrzeugplattform PPE, auf der auch der Porsche E-Macan und der Audi Q6 E-tron basieren. Später soll ein Upgrade der Rivian-Software auch in Autos der konzernweiten Einheitsplattform SSP laufen. Allerdings hatte das Management nach Informationen des Handelsblatts aus Konzernkreisen zuletzt mehrere geplante Produktanläufe der SSP nach hinten geschoben. Zuerst hatte das „Manager Magazin“ darüber berichtet.
Mit den neuen Elektronikarchitekturen will Volkswagen erste Schritte in Richtung eines softwaredefinierten Fahrzeugs gehen, bei dem der Programmcode und nicht mehr Motorisierung und Karosserie des Fahrzeugs am Anfang der Entwicklung stehen. Diesen Anspruch propagieren Autobauer weltweit schon seit Längerem, konnten ihn aber bislang nur ansatzweise in die Realität umsetzen.
Die Deals mit Xpeng in China und Rivian sind auch ein Teileingeständnis, dass die derzeitigen Softwarearchitekturen nur bedingt wettbewerbsfähig sind. „Ohne hohe Rabatte kriegen wir die Autos so in China nicht mehr verkauft“, heißt es von einem Manager.
VW-Konzern in China: Schwindende Marktanteile, Probleme bei Kernmarke und Porsche
Der VW-Konzern hatte auf seinem wichtigsten Absatzmarkt nach eigenen Angaben 1,35 Millionen Fahrzeuge an Kunden ausgeliefert, etwa sieben Prozent weniger als im Vorjahr.
Bei den Elektroauto-Auslieferungen konnte der Konzern mit gut 90.000 Fahrzeugen zwar deutlich zulegen. Allerdings liegt der Konzern damit chinaweit bei reinen Elektroautos bei um die drei Prozent Marktanteil.
Bereits im Vorjahr hatte die Marke Volkswagen erstmals seit Jahrzehnten ihre Marktführerschaft in China verloren, die meisten Autos verkauft in China aktuell der lokale Hersteller BYD.
Um die Zeit bis zur nächsten Softwaregeneration zu überbrücken und Marktanteile zurückzugewinnen, hatte VW am Mittwoch in Hefei den Marktstart des ID.Unyx gefeiert. Dieser basiert allerdings noch nicht auf der neuen China-Plattform und hat auch noch die alte Elektronikarchitektur an Bord.
Nicht nur die Kernmarke VW kämpft in China mit Problemen. Der Absatz der Luxustochter Porsche ist auf dem wichtigen Markt im ersten Halbjahr um ein Drittel eingebrochen. Unter chinesischen Händlern war angesichts des Absatzeinbruchs zuletzt der Unmut über das Management gewachsen. Wie am Samstag bekannt wurde, tauscht der Konzern deshalb den China-Chef aus. Michael Kirsch soll durch den bisherigen Porsche-Deutschland-Chef Alexander Pollich ersetzt werden.
Erstpublikation: 22.07.2024, 13:48 Uhr