Waagen-Hersteller Seca: Nur wer waagt, gewinnt
Die Zusammensetzung des Körpers zu ermitteln war bislang schwierig.
Foto: ImagoHamburg. Hätten Sie‘s gewusst? Mit welchem Produkt kommt jeder hierzulande in seinem Leben zu allererst in Berührung? Weder mit Pampers noch mit Milupa. Mit bald hundertprozentiger Wahrscheinlichkeit mit einer Babywaage von Seca. Die steht in fast jeder Entbindungsstation der Republik.
Seca aus Hamburg ist Weltmarktführer für medizinische Waagen – und das mit großem Abstand. „In Europa haben wir 70 Prozent Marktanteil, weltweit mehr als 50 Prozent“, sagt Robert Vogel, der mit seinem jüngeren Bruder Frederik die Traditionsfirma in vierter Generation führt. Produziert wird in Hamburg und in China. Nur vier Prozent des Umsatzes macht Seca in Deutschland, obwohl die Firma hierzulande den Markt dominiert. Momentan streben die Hamburger einen Umsatz weltweit von 100 Millionen Euro Umsatz an.
Eine äußert komfortable Marktposition, sollte man meinen. Trotzdem sind die Vogels dabei, ihr Unternehmen komplett umzukrempeln. „Wir erfinden uns gerade völlig neu – wandeln uns von einer reinen Hardwarefirma auch zu einer Softwarefirma.“ Der Grund für den Totalumbau: „In zehn bis 15 Jahren werden sich herkömmliche Waagen kaum noch verkaufen lassen. Die müssen viel mehr können als nur wiegen“, konstatiert Frederik Vogel, der Entwicklung, Produktion und Logistik leitet. „Wir wollten uns verändern, solange es uns gut geht und nicht erst dann, wenn wir mit dem Rücken zur Wand stehen.“
Die Geschäftsführer Thomas Wessels sowie die beiden Brüder Frederik und Robert Vogel (v.l.) steckten zehn Jahre Entwicklungszeit in die neue Waage.
Foto: PR1840 gründete Schlossermeister A.C.C. Joachims aus Hamburg die erste Waagenfabrik Deutschlands. Die Firma Seca stellte lange Zeit ganz unterschiedliche Waagen für Handel, Industrie, Labor und Medizin her. Sönke Vogel, Vater von Robert und Frederik, fokussierte sich ganz auf den Medizinbereich. „Wir wollten auf einem Gebiet die Besten sein“, sagt Robert Vogel, verantwortlich für Vertrieb und Marketing. Doch inzwischen sind die Wettbewerber aus Asien auf dem Vormarsch. Die Hamburger wollten deshalb eine wirklich bahnbrechende Innovation entwickeln, die ihnen über Jahre einen komfortablen Vorsprung verschafft.
Das Gerät, auf das Seca alle Hoffnungen setzt, hat mit einer Waage nicht mehr viel gemein. Der sogenannte Medical Body Composition Analyser ermittelt neben dem Gewicht auch den Anteil von Muskeln, Fett und Wasser sowie deren genaue Verteilung im Körper. Zudem wird die Zellgesundheit gemessen. Körperfettwaagen und ähnliches gibt es seit längerem. Doch messen sie so ungenau, dass sich keine medizinisch verwertbaren Diagnosen treffen lassen.
Auch der Body-Mass-Index (BMI) ist längst überholt. „Ein Footballer mit 1,75 Metern, der 100 Kilogramm wiegt, würde als adipös gelten (BMI >32), obwohl er einen Körperfettanteil von unter 15 Prozent haben kann“, sagt Robert Percy Marshall, Sportmediziner vom Universitätsklinikum Eppendorf und Vize-Mannschaftsarzt beim Fußball-Bundesligaklub HSV.
Hinzu kommt: „Viele Deutsche sind fettleibig, aber nicht unbedingt übergewichtig“, sagt Robert Vogel. In den USA spricht man vom „Tofi“ (thin outside, fat inside) – ein Mensch, der äußerlich dünn wirkt, aber innerlich verfettet, weil er viel sitzt und sich kaum bewegt. Rund 14 Prozent der Männer sind Tofis, haben die britischen Ernährungswissenschaftler Louise Thomas und Gary Frost ermittelt. Laut BMI gelten Tofis als gesund. Das Risiko für Herzinfarkt oder Schlaganfall ist jedoch erhöht.
Das Gerät von Seca misst die Bioimpedanz (BIA), den elektrischen Widerstand des Körpers. Mit blanken Füßen stellt man sich auf das Gerät und fasst mit den Händen an Kontakte an einem Geländer. Innerhalb von 17 Sekunden wird unmerklich Strom durch den Körper geschickt. Diese Methode ist nicht neu, auch Hersteller wie Tanita oder Datainput nutzen sie. Solche Messungen gibt es seit über 30 Jahren, üblicherweise im Liegen. „Messanordnungen im Stehen mit eingebauter Waage sind einfacher und schneller durchführbar, galten bislang aber als ungenau und für die Anwendung am Patienten unbrauchbar“, sagt Matthias Pirlich, Professor und Chefarzt für Innere Medizin an der Evangelischen Elisabeth Klinik in Berlin. „Seca hat erstmals durch aufwendige wissenschaftliche Studien die Messtechnik im Stehen validiert.“
Tausende Probanden in Deutschland, Großbritannien, den USA, Mexiko und Japan hat Seca vermessen. Denn jede Ethnie hat eine andere Verteilung von Muskeln, Fett und Wasser im Körper. Die Studien waren zwar langwierig und kostspielig, aber dadurch sind die Ergebnisse erstmalig klinisch nutzbar. Die Vogel-Brüder hoffen, dass ihre Innovation in Zukunft Standard wird in Kliniken, Praxen und gesundheitsorientierten Fitnessstudios.
Denn das Wissen über die Zusammensetzung des Körpers ist von großer Bedeutung für chronisch Kranke, von denen viele mangelernährt sind, aber auch für Menschen mit Übergewicht und Diabetes oder vermehrter Wassereinlagerung im Gewebe, sagt Chefarzt Pirlich. Das Gerät kann helfen, die richtige Therapie für Ernährung und Muskelaufbau zu finden. Auch für Sportler ist die Innovation interessant. „Beim HSV messen wir Spieler regelmäßig mit dieser Technik aus“, sagt Sportarzt Marshall. Nach Verletzungen wie Kreuzbandrissen verändere sich die Zusammensetzung des Körpers komplett. Ärzte könnten mit der BIA-Waage Fortschritte der Reha besser und objektiv überwachen.
Das Gerät erschließe eine neue Dimension, meint Mediziner Pirlich. „Das ist durchaus vergleichbar mit dem Schritt vom Handy zum Smartphone.“ Eine solche Innovation sei wohl nur in einem Familienunternehmen möglich, das weiterforsche, auch wenn es mal Rückschritte gebe.
Der Weg dorthin war für Seca steinig. Zehn Jahre Entwicklung steckten die Hamburger in das Gerät – Ausgang ungewiss. „Wir haben uns das Projekt deutlich einfacher vorgestellt“, räumen die Vogels ein. Immer wieder gab es Rückschläge. Die Kosten waren deutlich höher als gedacht. „Das war unsere persönliche Elbphilharmonie – nur dass wir unser Gerät bereits vollendet haben“, scherzt Frederik Vogel. Finanzchef Thomas Wessels betont: „An der Zukunft zu sparen wäre ein großer Fehler. Schließlich wollen wir den Markt verändern.“
Seca musste viele Bereiche im Unternehmen ganz neu aufbauen, von der Software-Abteilung bis zur internationalen Service-Mannschaft. Mehr als 40 Leute kamen zur heute 500-köpfigen Belegschaft neu dazu. Software ist ein ganz zentraler Punkt des neuen Geräts. „Hierfür suchen wir noch händeringend Experten“, sagt Frederik Vogel. Alle Investitionen hat Seca aus den Gewinnen gestemmt. Trotzdem liege die Eigenkapitalquote bei mehr als 70 Prozent und die Ebit-Zahlen seien zweistellig, betont Wessels.
Das finanzielle und strategische Wagnis hat sich gelohnt. Vor vier Jahren kam die Innovation auf den Markt. Die Kunden zu überzeugen, war anfangs gar nicht leicht. Auf hunderten Kongressen weltweit musste Seca Klinken putzen. Eine normale Waage kostet eine Klinik etwa 800 Euro, das neuartige BIA-Gerät dagegen gibt es für 5000 bis 10.000 Euro plus Wartungsvertrag.
„In den USA sehen wir jetzt den Durchbruch“, sagt Robert Vogel. Insgesamt wachse der Umsatz zweistellig – beim neuen Gerät wie bei den traditionellen Waagen. Denn die haben ebenfalls vom Leuchtturmprojekt profitiert. Wird ein Neugeborenes jetzt auf eine Babywaage gelegt, funkt diese alle Werte direkt in die digitale Patientenakte.