Automatisierung: Wenn die Software Verträge schließt: Gehört die Zukunft der dezentralen Finanzwirtschaft?
Keine Utopie, sondern in Teilen bereits Realität.
Foto: Moment/Getty ImagesFrankfurt. Geld leihen und verleihen ohne Bank. Versicherungen, die komplexe Prämien automatisch errechnen – etwa anhand meteorologischer Daten in der Landwirtschaft. Bordcomputer, die eigenständig die Zündung eines Autos freischalten, nachdem ein Leasingnehmer seine Rate gezahlt hat.
Solche automatisierten Anwendungen sind keine Utopie, sondern in Teilen bereits Realität – als Teil einer dezentralen Finanzwirtschaft, kurz „DeFi“ („Decentralized Finance“) genannt, die eine Vielzahl von Branchen für sich entdeckt. Das Kürzel bezeichnet Anwendungen und Unternehmen, die Finanzdienstleistungen auf Basis dezentraler Blockchain-Technologie anbieten.
Die Idee dahinter: Fast alle Vorgänge im Finanzwesen, Transaktionen und der Austausch von Informationen können ohne Vermittler abgewickelt werden. Klassische Finanzdienstleister wie Banken, Versicherer, Fondsmanager oder Börsen werden für die Ausführung nicht gebraucht. Damit entfallen Gebühren und bürokratische Hindernisse.
Das Ziel: ein neues Ökosystem für Finanzdienstleistungen schaffen, in dem Automatisierung die neue Norm darstellt und absolute Transparenz herrscht. Denn als Open-Source-Technologie sind die Quellcodes der Anwendungen für alle einsehbar. Patrick Hansen, Leiter des Blockchain-Bereichs beim Digitalverband Bitkom, ist überzeugt: „Decentralized Finance hat enormes disruptives Potenzial.“
Ausgeführt werden können Transaktionen über „Smart Contracts“, intelligente Verträge, die sich selbst erfüllen. Dafür werden sie in Computerprogramme übersetzt, die Vertragsbedingungen sind wortwörtlich vorprogrammiert. So ist die Umsetzung im Idealfall schneller und transparenter als herkömmliche zentralisierte Methoden zum Austausch von Waren, Dienstleistungen oder Informationen.
Kryptowährungen ersetzen Euro oder Dollar
Zudem erhalten alle, die möchten, Zugang zum System – Voraussetzung sind nur ein internetfähiges Endgerät und eine Wallet, also eine digitale Geldbörse. Denn im dezentralen Raum ersetzen Kryptowährungen oder digitale Token Fiatwährungen wie Euro oder Dollar. Die meisten Smart Contracts laufen über die Ethereum-Blockchain, die auch die zweitgrößte Kryptowährung Ether beherbergt.
Die deutsche Fintech-Bank TEN31 ermöglicht ihren Kunden so direkte Überweisungen zwischen herkömmlichen Sepa-Mandaten und Kryptowährungen. Und die Deutsche Telekom investiert nicht nur in das DeFi-Netzwerk Celo, das Finanzdienste per Smartphone anbietet, sondern betreibt sogar Teile der Infrastruktur.
DeFi ist einer der am schnellsten wachsenden Sektoren der Kryptobranche. Die Plattform DeFi Pulse schätzt, dass aktuell über 65 Milliarden Dollar auf DeFi-Anwendungen hinterlegt sind – vor einem Jahr war es noch nicht einmal eine Milliarde.