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Livestreaming-Plattform So entwickelte Emmett Shear „Twitch“ zur Königklasse

Ein Freund von Gründer Emmett Shear hielt es für die „dümmste Idee auf dem Planeten“, nun ist die Plattform „Twitch“ Marktführer.
15.07.2018 - 18:00 Uhr Kommentieren
„Twitch“-Gründer leitet seine Plattform noch immer – unter der Führung Amazons. Quelle: Bloomberg/Getty Images
Emmett Shear

„Twitch“-Gründer leitet seine Plattform noch immer – unter der Führung Amazons.

(Foto: Bloomberg/Getty Images)

Berlin Die Pferdeschwanz-Dichte ist hoch in der Lobby des Berliner Hotels: Dutzende junge Menschen, meist Männer, meist kaum Mitte 20, unterhalten sich dort in violettes Licht gehüllt und warten auf Emmett Shear – ihren Arbeitgeber, wenn man so will. Der schmale 35-Jährige ist der Mitgründer und Chef von Twitch, der größten Livestreaming-Plattform der Welt.

„Streaming kann ein einsames Geschäft sein, wir wollen den Leuten hier das Gefühl geben, dass sie Teil von etwas Größerem sind“, sagt Shear, der zum Handelsblatt-Interview ein violettes Hemd zu violetten Socken trägt. Seine „Twitch Tour“ hat Shear schon nach Paris geführt, nun Berlin, morgen Kiew, dann Stockholm. Er will seine Streamer persönlich kennen lernen, über Geschäftsstrategien auf der Plattform und Probleme sprechen.

Prinzipiell kann man auf Twitch jede Aktivität live übertragen: Ein älterer Langhaariger, der im rot-gelben Gaukler-Outfit aus der Menge in der Hotellobby heraussticht, klampft auf seinem Kanal für seine Fans auf mittelalterlichen Instrumenten. Die meisten Gäste spielen aber professionell Computer, das Strategiespiel „Overwatch“ etwa oder den Ego-Shooter „Counterstrike“, und kommentieren sich dabei selbst. Bei manchen von ihnen schauen Hunderttausende Fans zu.

Twitch verdient an Werbeerlösen und teilt sie mit den Streamern. „Wir sind dabei, eine ganz neue Art von Entertainmentjob zu schaffen“, schwärmt Shear, und ganz kurz mimt der trockene Programmierer den Visionär: „Arbeit verändert sich fundamental, wir müssen ganz neue Jobs entwickeln. In fünf Jahren soll es Millionen Menschen geben, die von Twitch leben.“

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    Die Streaming-Szene wird immer professioneller

    Doch die Geschichte vom talentierten Ego-Schützen oder Fantasie-General am Kinderzimmer-Computer ist nur noch ein Teil der Wahrheit. Die Szene professionalisiert sich, Sportvereine wie Schalke 04 und Konzerne wie Comcast investieren in Teams, die Spielefirmen wie Activision Blizzard organisieren Ligen mit regelmäßigen Spieltagen. E-Sports wird zum Multimillionengeschäft.

    Und mittendrin ist Emmett Shear, der quasi das Sky der E-Sports-Szene betreibt – auch wenn ihm der Vergleich wohl nicht gefiele. Shear nennt den professionellen Liga-Betrieb etwas abfällig den „glitzernden, aufmerksamkeitsheischenden Teil“ von Twitch, der aber nur die „Kirsche auf dem Eisbecher“ sei.

    Die Betreiber der kleineren Kanäle, die das Unternehmen hier nach Berlin eingeladen hat, machten Twitch eigentlich aus. 788.000 aktive Kanäle hatte Twitch Ende 2017 und damit weit mehr als Youtubes Gamingportal, Facebook Live oder Twitters Periscope. Täglich besuchen mehr als 20 Millionen Menschen die Seite.

    Seinen Startvorteil verdankt Shear einer seltsamen Idee seines Schulfreundes Justin Kan, mit dem er 2006 Justin.tv gründete – eine 24-Stunden-Liveübertragung von Kans Leben. Für seine persönliche Truman-Show musste Kan den ganzen Tag eine Kamera und einen 15 Kilo schweren Computer auf seinem Rücken mitschleppen. Shear, der in Yale Informatik studiert hat, wurde Chief Technical Officer des Start-ups, das ein Freund der beiden als „dümmste Idee auf dem Planeten“ bezeichnete.

    Dass der Freund wohl recht hatte, merkten die Gründer bald auch – entwickelten die Idee aber weiter. Statt Kan beim Schlafen und Essen zu beobachten, wollten die Nutzer lieber sich selbst streamen. Weil sich die notwendige Hardware und Internet-Bandbreiten nur langsam entwickelten, dümpelte Justin.tv jahrelang vor sich hin. Bis Shear, der als Kind gerne das Sammelkartenspiel „Magic: The Gathering“ spielte, die rettende Idee hatte.

    Er entwickelte ein Angebot, das speziell Computerspieler auf die Plattform brachte. Die Nutzerzahl explodierte. Shear wurde CEO, Justin.tv benannte sich in Twitch um und war unter Silicon-Valley-Konzernen plötzlich begehrt: 2014 stach Amazon Google aus und übernahm Twitch für fast eine Milliarde Dollar.

    Anders als seine drei Mitgründer ist Shear bis heute geblieben. „Amazon ist ein toller Mutterkonzern“, sagt Shear. „Sie lassen dir Freiheit, du bist immer noch CEO.“ Gleichzeitig sei der Einfluss, den Jeff Bezos und seine Manager nähmen, nicht größer als der von Investoren vor der Übernahme. „Amazon schafft es besser als andere große Firmen, die Gründer-CEOs zu halten“, sagt Shear und fängt an aufzuzählen: der Chef der Filmdatenbank ImdB, des Hörbuchanbieters Audible oder des Zalando-Vorbilds Zappos. „Alle noch da.“

    Wettbieten mit Facebook

    Amazons Unterstützung braucht Twitch auch, um in Bietergefechten um exklusive Übertragungsrechte für die besten E-Sports-Ligen zu bestehen. Im Januar erwarb Facebook das Recht, zwei von dem Kölner E-Sports-Pionier ESL organisierte Ligen übertragen zu dürfen. Ähnliche Verträge hat ESL mit Youtube und Twitter. Darauf angesprochen gibt sich Shear trotzig: „Es wäre nicht klug von uns, jede Auktion gewinnen zu wollen.“

    Dennoch zieht Twitch nach: Anfang 2018 schloss das Unternehmen einen Exklusivdeal mit der Spielefirma Activision Blizzard, um zwei Jahre lang die Schlachten von Menschen und waffenstarrenden Robotern im Mehrspieler-Shooter Overwatch zeigen zu dürfen. 90 Millionen Dollar soll Twitch dafür bezahlt haben – auch wenn Shear die Zahl nicht bestätigen will.

    Bislang muss Twitch Geld an Spieleentwickler zahlen. Doch Amazon ist schon dabei, eigene Spiele zu entwickeln. Dort sollen künftig auch sogenannte Triple-A-Games entstehen, also aufwendig produzierte Blockbusterspiele, die sich mit Klassikern wie „League of Legends“ oder eben „Overwatch“ messen können. „Wir haben so was noch nie gemacht“, sagt Shear. Aber das Amazon-Management habe ohne Weiteres zugestimmt. „Das ist die Art von Verrücktheit, die Amazon voll draufhat.“

    Wann das erste, große Twitch-Amazon-Spiel erscheint, könne er aber nicht sagen. „Spiele entwickeln ist eine Kunst, keine Wissenschaft.“ Shear spricht mit Ehrfurcht von seinen Entwicklern. Schließlich spielt er heute noch regelmäßig Computer, inzwischen aber eher Strategiespiele als Ego-Shooter: „Es ist peinlich, ständig von einem 14-Jährigen mit besseren Reflexen abgeknallt zu werden.“

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