Privat-TV: Spitze von Pro Sieben Sat 1 für Annahme von Berlusconi-Angebot
Berlin, Düsseldorf. Eine mögliche Übernahme von Pro Sieben Sat 1 durch den italienischen Berlusconi-Konzern MFE ist einen Schritt näher gerückt. Die Spitze des deutschen Medienunternehmens empfiehlt den Aktionären, das nachgebesserte Übernahmeangebot von MFE anzunehmen. Das teilten Vorstand und Aufsichtsrat mit. Sie halten das geänderte Angebot von MFE für „angemessen“.
Im Mai hatte die Konzernspitze noch Vorbehalte gehabt und das MFE-Angebot als finanziell unangemessen erachtet. Nun heißt es im neuen Statement: „Pro Sieben Sat 1 begrüßt das geänderte Angebot von MFE, welches das langfristig angelegte Investment und Engagement von MFE in Pro Sieben Sat 1 unterstreicht.“
Vor gut einer Woche hatte MFE sein Angebot deutlich erhöht und damit seine Position in der internationalen Bieterschlacht um Pro Sieben Sat 1 gestärkt. Der konkurrierende tschechische Finanzinvestor PPF wird seine Offerte nicht mehr erhöhen, wie das Unternehmen bereits klargestellt hat. Das Handelsblatt berichtete darüber.
MFE will paneuropäische Sendergruppe schaffen
Beide drängen darauf, dass sich der Konzern auf das Kerngeschäft TV und Unterhaltung rund um die Streamingplattform Joyn fokussiert – und Randaktivitäten verkauft. Zu der TV-Gruppe gehören auch ein E-Commerce-Geschäft mit der Onlineparfümerie Flaconi sowie eine Dating-Sparte, die durch das Portal Parship bekannt ist.
MFE will eine paneuropäische Sendergruppe schaffen. Die Italiener waren 2019 bei Pro Sieben Sat 1 eingestiegen. Das Unternehmen wird von Pier Silvio Berlusconi, dem Sohn des früheren italienischen Ministerpräsidenten Silvio Berlusconi, geführt.
MFE rechnete vor, dass ein Zusammenschluss zu Einsparungen und Ergebniseffekten von mehr als 400 Millionen Euro führen könne. Kostenvorteile dürfte es vor allem bei Technik, Daten und Werbung geben. Analysten rechnen allerdings mit deutlich geringeren Synergien.
Die italienische Holding bietet inzwischen 1,3 Anteile an MFE je Pro-Sieben-Sat-1-Aktie, zuvor waren es lediglich 0,4. Das gilt zusätzlich zum bestehenden Barangebot von 4,48 Euro je Aktie. PPF hingegen hatte den Pro-Sieben-Sat-1-Aktionären sieben Euro pro Aktie geboten. Während der Wert des MFE-Angebots zum Teil vom künftigen Aktienkurs der Italiener abhängt, bekommen Anleger bei der PPF-Offerte eine bereits festgelegte Summe.
Kulturstaatsminister Wolfram Weimer in Sorge
Vater Berlusconi nutzte seinen Medienkonzern über Jahrzehnte, um seine politische Karriere samt der dazugehörigen Partei Forza Italia zu befördern. Die Berlusconi-Kinder sind bislang nicht in die Politik eingestiegen, stehen der Partei aber nach wie vor nahe.
Kulturstaatsminister Wolfram Weimer zeigte sich jüngst besorgt und lud Sohn Pier Silvio Berlusconi zum Gespräch ins Kanzleramt. „Meine Besorgnis kreist um die Frage, ob die journalistische und wirtschaftliche Unabhängigkeit auch nach einem Eigentümerwechsel gewahrt bleibt“, sagte Weimer dem „Spiegel“. Darauf reagierte Berlusconi bereits. Demnach werde MFE die redaktionelle Unabhängigkeit und die nationale Identität von Pro Sieben Sat 1 bewahren.
Kritiker werfen MFE-Medien dennoch rechtspopulistische Positionen vor. So werden Berlusconi senior gute Verbindungen zu Russlands Präsidenten Wladimir Putin nachgesagt. Deutschland hat der Regierung in Moskau wiederholt die bewusste Verbreitung von Desinformation in Europa vorgeworfen.
Im italienischen Heimatmarkt haben die Berlusconi-Sender im Fernsehgeschäft dennoch einen Marktanteil von fast 36 Prozent. Auch in Spanien erreicht die Gruppe nach Zukäufen etwa ein Viertel der dortigen TV-Zuschauer. Nun will Berlusconi in Deutschland, dem größten Werbemarkt Europas, weiter expandieren.
Pro Sieben Sat 1 ist neben der RTL-Familie der zweite große private Fernsehkonzern in Deutschland. Neben klassischen Sendern wie Pro Sieben, Sat 1 und Kabel Eins gehört unter anderem auch der Streaminganbieter Joyn zu der Firmengruppe.