Pro Sieben: Weg frei für Übernahme durch Berlusconi-Holding
Düsseldorf. Der Weg für eine Übernahme von Pro Sieben Sat 1 durch die Berlusconi-Familienholding MFE – Media for Europe ist frei. Der tschechische Großaktionär PPF steigt bei dem deutschen Fernsehkonzern aus. Man habe entschieden, die Aktien in Form des Anteils von 15,68 Prozent an Pro Sieben Sat 1 der MFE anzudienen und die verbleibenden Finanzinstrumente in Pro Sieben Sat 1 abzuwickeln, teilte PPF am Mittwochabend mit.
Die Aktien von MFE kletterten an der Börse in Mailand am Donnerstagvormittag um fast acht Prozent, während die Papiere von Pro Sieben Sat 1 rund drei Prozent im Plus lagen.
Damit gibt es im Machtkampf um den bayerischen Fernsehkonzern eine neue Wendung. Die von den Erben des tschechischen Milliardärs Petr Kellner beherrschte PPF Group war im Frühjahr 2021 bei Pro Sieben Sat 1 eingestiegen. Die Italiener sind bereits seit 2019 dabei. Chef von MFE ist Pier Silvio Berlusconi, der Sohn des ehemaligen Ministerpräsidenten Silvio Berlusconi.
Beide Investoren hatten rivalisierende Übernahmeangebote vorgelegt – MFE hatte ihres zwischenzeitlich noch einmal nachgebessert. Die Aktionäre von Pro Sieben Sat 1 entschieden sich daher mehrheitlich für die Offerte aus Italien. MFE hält seit Ablauf der Annahmefrist Mitte August mehr als 43 Prozent der Stimmrechte – und hat damit wohl bereits eine einfache Mehrheit auf den Hauptversammlungen.
Die Tschechen kamen mit ihrem Gegengebot nur auf einen Anteil von 18,4 Prozent. Damit war der nach MFE zweitgrößte Aktionär an seinem Ziel gescheitert, den Anteil auf bis zu 29,99 Prozent zu verdoppeln, um zusammen mit dem Streubesitz ein Gegengewicht zu den Italienern zu bilden.
Nun kann MFE stärker bei Pro Sieben Sat 1 durchregieren. Wie tiefgreifend die Italiener in das operative Geschäft eingreifen und welche Einsparungen sie durchsetzen können, hängt am Ende von der aktuell laufenden zweiwöchigen Nachfrist ab. Diese können die Aktionäre nutzen, um der Berlusconi-Holding ihre Anteile noch anzudienen. Das Ergebnis dürfte am 4. September feststehen. MFE und Pro Sieben Sat 1 wollten sich zu den jüngsten Entwicklungen nicht äußern.
Klar ist jetzt, dass die Italiener die 50-Prozent-Hürde überspringen werden. Damit können sie Umsätze und Gewinne von Pro Sieben Sat 1 voll in die eigene Bilanz aufnehmen. Für einen Beherrschungs- und Gewinnabführungsvertrag, der ihnen den Zugriff auf die Finanzmittel geben würde, wäre aber eine Dreiviertelmehrheit nötig.
In der Mitteilung der Tschechen hieß es, dass es PPF nicht gelungen sei, ausreichend Aktionäre zur Unterstützung der eigenen Ziele zu gewinnen. Daher könne PPF seine „ursprüngliche Rolle als strategischer Investor mit dem Anspruch, auf Augenhöhe mit MFE zusammenzuarbeiten und ihre Expertise beim Aufbau digitaler Medienplattformen einzubringen, nicht fortführen“, hieß es. Gleichzeitig habe PPF als Katalysator für eine wesentliche Verbesserung der Angebotsbedingungen von MFE gewirkt.
MFE und PPF wollten beide eine strategische Veränderung bei Pro Sieben Sat 1 erreichen. Beide drängen darauf, dass sich der Konzern auf das Kerngeschäft TV und Unterhaltung rund um die Streamingplattform Joyn fokussiert – und Randaktivitäten verkauft. Zu der TV-Gruppe gehören auch ein E-Commerce-Geschäft mit der Onlineparfümerie Flaconi sowie eine Datingsparte, die durch das Portal Parship bekannt ist.
Pro Sieben Sat 1 mit seinen 15 TV-Sendern steht unter Druck. Der Jahresumsatz stagniert bei knapp unter vier Milliarden Euro. Das wegen der Konjunkturflaute schwächelnde Werbegeschäft macht dem Unternehmen zu schaffen. Zudem drückt die Verschuldung auf die Bilanz. Dabei muss der Konzern investieren, um gegen globale Streaminganbieter wie Netflix oder Disney+ zu bestehen.
MFE will eine paneuropäische Sendergruppe schaffen, um den US-Streamingriesen Paroli zu bieten. Im italienischen Heimatmarkt haben die Berlusconi-Sender im Fernsehgeschäft einen Marktanteil von fast 36 Prozent. Auch in Spanien erreicht die Gruppe nach Zukäufen etwa ein Viertel der dortigen TV-Zuschauer. Nun baut der Konzern im wichtigsten Werbemarkt Europas, Deutschland, seinen Einfluss weiter aus.
Laut MFE könnte ein Zusammenschluss zu Einsparungen und Ergebniseffekten von mehr als 400 Millionen Euro führen. Kostenvorteile dürfte es vor allem bei Technik, Daten und Werbung geben. Analysten rechnen allerdings mit deutlich geringeren Synergien.
Neben Sorgen um Arbeitsplätze weckt die mögliche Übernahme in Deutschland aber auch Bedenken hinsichtlich der politischen Ausrichtung der Sender. Medienstaatsminister Wolfram Weimer will am kommenden Dienstag mit MFE-Chef Pier Silvio Berlusconi im Kanzleramt sprechen.
„Sollte die italienische Medienholding MFE die deutsche Pro Sieben Sat 1 tatsächlich mehrheitlich kontrollieren, erwarten wir, dass die journalistische Unabhängigkeit der Redaktionen erhalten bleibt und kein Einfluss durch die neuen Anteilseigner genommen wird“, erklärte Weimer.
Mit Agenturmaterial