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Silicon-Valley-Kritiker Tristan Harris„Das iPhone ist der Glücksspielautomat der digitalen Gesellschaft“

Tristan Harris arbeitete bei Google und Apple, heute kritisiert er die Programme, die er selbst entwickelte. Die Menschen hätten die Kontrolle über die Technik verloren – auch weil die Konzerne uns ständig manipulieren würden.Britta Weddeling 16.05.2017 - 13:12 Uhr aktualisiert Artikel anhören

iPhone-Besitzer schauen alle zehn Minuten auf ihr Telefon.

Foto: Getty Images; Per-Anders Pettersson

New York. Tristan Harris stürzt den Kaffee hinunter und fährt sich durchs Haar. Hinter dem Fenster der Lobby des Hotels im New Yorker Stadtteil Chelsea lärmt die Metropole. Taxis rasen hupend vorbei, Werbebanner buhlen um Aufmerksamkeit. Der 32-Jährige blinzelt gegen das frühe Morgenlicht, er sieht übernächtigt aus. Das Smartphone liegt in Griffweite auf dem Tisch. Harris sagt, er könne das Gerät jetzt in die Hand nehmen und auf den Bildschirm schauen, um zu sehen, was sich getan hat in der digitalen Welt, während er schlief. Die Neuigkeiten bei Facebook oder Instagram checken, die Nachrichten bei Twitter, die Updates der Apps, die Nachricht seiner Assistentin.

Doch das hieße, mal wieder auf die psychologischen Tricks des Silicon Valley hereinzufallen, sagt er. Internetnutzer würden sich nur vormachen, selbst zu entscheiden, wem oder was sie ihre Aufmerksamkeit schenken. „Nicht wir bedienen das iPhone, das iPhone steuert uns.“ Die Menschen des digitalen Zeitalters hätten die Kontrolle über ihre Beziehung zur Technologie verloren. „Ein paar wenige private Konzerne bestimmen unmittelbar, womit Milliarden Menschen täglich ihre Zeit verbringen, wie sie denken und fühlen.“

Harris ist kein Verschwörungstheoretiker, sondern so etwas wie ein neues Gewissen der US-Westküste. Sechs Jahre lang arbeitete der Entwickler bei Google, darunter als Design-Philosoph, wo er über die Konsequenzen moderner Technologien nachdachte und Gründer Larry Page seine Thesen vortrug. Davor schrieb er Software für Apple. Harris entwickelte selbst die Programme, die er heute kritisiert, die digitalen Daumenschrauben, die menschliche Schwächen ausnutzen und das Gehirn überlisten.

Der 32-jährige programmierte jahrelang für Google und Apple.

Foto: Tristan Harris

Mit seinen Essays und Vorträgen, in denen er eine neue Ethik für Technologien und einen „hippokratischen Eid für Programmierer“ fordert und bei renommierten Digitalkonferenzen wie TED oder DLD in New York auftritt, begeistert der Mann inzwischen Millionen Menschen weltweit – auch im Valley. Josh Elman, langjähriger Investor bei der Risikokapitalfirma Greylock Partners, erklärte als Reaktion auf Harris’ Thesen, das Silicon Valley habe sich zu einer neuen „Tabakindustrie“ entwickelt.

Die Kritik des Programmierers Harris erzeugt so viel Resonanz, weil sie einen Zeitgeist trifft. Die Intensität der elektronischen Dauerbeschallung nimmt schließlich zu. Der durchschnittliche Apple-Nutzer checkt sein iPhone, wenn er wach ist, laut Konzernangaben alle zehn Minuten. Facebook oder Youtube ringen ihren Fans mehr als eine Stunde täglich ab. Wearables wie Apple Watch oder Fitbit optimieren die Zeit für Schlaf, Gesundheit und Fitness. Die Streamingfirma Netflix prägte sogar ein neues Wort: „Binge-Watching“, was so viel bedeutet wie: Fernsehen in Dauerschleife. 

Die Digitalisierung besitzt viele positive Seiten, sie schafft Offenheit und Zugang zu Informationen für alle. Doch sie arbeitet auch an der Maximierung von Effektivität, der Abschaffung der Langeweile und saugt dabei immer mehr Zeit auf. Das erinnert an die grauen Herren, die Zeitdiebe aus dem Klassiker „Momo“.

Bewusstes Abhängigmachen

Die moderne Abhängigkeit von iPhone & Co. sei kein Zufall, sondern bewusst herbeigeführt, argumentiert Harris. Er selbst habe die entsprechenden Techniken dahinter an der Universität Stanford studiert, bei dem einflussreichen Informatikprofessor B.J. Fogg, auf den sich viele Produktdesigner im Valley berufen. „Wenn du die Schwächen der Leute kennst, kannst du auf ihnen spielen wie auf einem Klavier.“

Die Menüfunktion in Apps oder auf Plattformen etwa gaukele dem Nutzer nur vor, dass er selbst die freie Wahl habe. Das eigentliche Ziel des Menüs laute, den Nutzer möglichst lange zu beschäftigen. Kein Zufall sei auch die Dauerschleife der Benachrichtigungen von Twitter oder Facebook in roter Signalfarbe direkt auf dem Bildschirm des Telefons. Sie vermittelten dem Menschen permanent das Gefühl, etwas zu verpassen. Oder der Trick mit dem „unendlichen Bildschirm“. Hier werden beim Herunterscrollen in Facebook, Instagram oder Twitter immer neue Inhalte geladen, der Nutzer wird also nie richtig „fertig“, so Harris. „Wie im Kasino gewinnt letztlich immer die Bank. Das iPhone ist der Glücksspielautomat der digitalen Gesellschaft.“

Facebook oder Google weisen solche Kritik gern von sich und erwidern, es liege doch in der Macht des Nutzers, selbst zu entscheiden, wie oft er ihre Technologien benutzt. Harris hält das für „ein falsches Narrativ“, die Plattformen seien keinesfalls „neutral“. Tausende Softwaredesigner arbeiteten ständig daran, einen Nutzer zu überzeugen, doch wieder zu klicken oder zu scrollen.

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Ziele unterscheiden sich

Dies geschehe nicht etwa, weil sie selbst oder die von ihnen programmierten Algorithmen „bösartig“ seien, so der 32-jährige Design-Philosoph, sondern, weil sich ihre Ziele von denen der Nutzer unterscheiden. Die Agenda von Facebook, Netflix & Co. laute, möglichst viel Aufmerksamkeit der Menschen abzugreifen, um ihnen Werbung zu verkaufen oder ihre Produkte zu präsentieren.

Manipulation der Kunden durch Werbung ist zwar ein altes Phänomen. Schon lange platzieren Supermärkte bewusst die wichtigsten Lebensmittel des täglichen Bedarfs ganz weit hinten im Geschäft, damit Kunden auf dem Weg dorthin alle anderen Produkte abschreiten müssen und vielleicht zu einem weiteren Kauf verführt werden. Doch zu keiner Zeit beeinflussten mit Apple, Google oder Facebook so wenige Firmen so unmittelbar, wie Menschen leben, von der Informationssuche über das Einkaufen bis zur Frage, wie oft sie mit der Familie interagieren.

Tristan Harris hofft darauf, dass der Druck der Öffentlichkeit zunimmt, damit Silicon Valley seine Manipulationstechniken abstellt und ein Geschäftsmodell jenseits der Erlösquellen mit Werbung findet. Falls nötig, auch mit Hilfe des Gesetzgebers. Aus sich selbst heraus werde die Tech-Industrie kaum etwas ändern, das habe er inzwischen gelernt, sagt Harris. „Als ich Google-Programmierern von den ethischen Problemen mit den Programmen erzählte, schauten sie mich an, als spräche ich Latein.“

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