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Slack-Chef Stewart Butterfield„E-Mails sind zur Zusammenarbeit das komplett falsche Werkzeug“

Sieben Milliarden Dollar ist Slack jetzt wert. Der Chef des Messengerdienstes spricht über Kommunikation im Büro, die Europa-Expansion und Börsenpläne.Michael Scheppe 21.08.2018 - 17:03 Uhr Artikel anhören

Der Slack-Chef will die Kommunikation in Unternehmen revolutionieren.

Foto: Bloomberg

San Francisco. Während des Gesprächs schaut Stewart Butterfield den kleinen, hellen Körnern beim Rieseln zu. Immer wieder dreht der Slack-Gründer die Sanduhr um, die vor ihm steht. Fast so, als wolle er die Zeit beschleunigen. So wie er mit seiner Kommunikationssoftware die Unterhaltungen im Büro beschleunigen will. Über Slack können sich Mitarbeiter unterhalten und in Gruppen zusammenarbeiten.

Am Dienstag hat das Unternehmen die größte Finanzierungsrunde seiner Geschichte abgeschlossen und 427 Millionen Dollar eingesammelt. Damit steigt die Gesamtbewertung des US-Konzerns auf 7,1 Milliarden Dollar. „Wir haben die neue Finanzierungsrunde angestrebt, damit wir noch mehr Ressourcen und eine größere Flexibilität haben, um unsere Kunden besser bedienen und unser Business weiter entwickeln zu können“, ließ Slack am Dienstag verlautbaren.

Butterfield empfängt das Handelsblatt in der Zentrale in San Francisco. Die Büroräume sind genau so, wie sich der Slack-Chef die Kommunikation in Firmen vorstellt: offen und transparent.

Herr Butterfield, Sie haben gerade 427 Millionen Dollar eingesammelt. Vor einem Jahr waren es auch schon 250 Millionen Dollar.
Als wir das letzte Mal Geld eingesammelt haben, hatten wir noch das komplette Kapital aus den beiden vorherigen Finanzierungsrunden. Wir sind kein besonders kapitalintensives Unternehmen.

Eine andere Möglichkeit, an Geld zu kommen, wäre ein Börsengang. Darüber denken Sie seit Jahren öffentlich nach. Was ist der aktuelle Stand?
In einer Liste von 100 Dingen, die für unsere Kunden und den weiteren Erfolg von Slack wichtig sind, steht ein Börsengang nicht unter den ersten 20. Zum jetzigen Zeitpunkt würde das unsere Mitarbeiter nur ablenken.

Ist Slack profitabel?
Die Margen sind gut. Es wird aber noch eine Weile dauern, bis wir buchhalterisch betrachtet profitabel sind.

Schreiben Sie eigentlich noch E-Mails?
Ja, klar. Für E-Mails geht jeden Tag viel Zeit drauf, weil ich oft mit Menschen außerhalb des Unternehmens kommuniziere, mit Kunden und Investoren etwa.

Wollen Sie mit Slack die E-Mail irgendwann abschaffen?
Nein. Für Rechnungen, Hochzeitseinladungen oder für offizielle Schreiben mit Behörden und Banken sind Mails immer noch nützlich. Das möchte ich mit Slack auch gar nicht ändern.

Sondern?
Unsere Mission ist es, Arbeit produktiver zu gestalten. E-Mails sind zur Zusammenarbeit innerhalb eines Unternehmens das komplett falsche Tool. Neue Mitarbeiter starten mit einem leeren E-Mail-Postfach und sind von der kompletten Historie des Unternehmens einfach abgeschnitten. Mit Slack hätten die Angestellten einen viel größeren Zugriff auf das Firmenwissen und würden nicht nur einen kleinen Bruchteil von dem mitbekommen, was im Unternehmen überhaupt passiert.

Vita Stewart Butterfield
Butterfield, Jahrgang 1973, stammt aus Kanada. Er studierte Philosophie und war 2003 Co-Gründer des Fotoportals Flickr. Zwei Jahre später verkaufte er es an Yahoo. 2014 launchte er Slack. Die Idee war ein Zufall: Eigentlich wollte er ein Computerspiel programmieren.
Slack ist eine Plattform für kollaboratives Arbeiten. Firmensitz ist San Francisco. Mitarbeiter können sich mithilfe des Tools in privaten und öffentlichen Kanälen austauschen. Das Archiv aus Dateien und Nachrichten ist durchsuchbar. Investoren bewerten das Unternehmen seit der neuesten Finanzierungsrunde mit 7,1 Milliarden Dollar.

Inwiefern?
Wenn Mitarbeiter in Slack an einem Projekt zusammenarbeiten, kann jeder sehen, was ich gemacht habe. Alle sind auf dem gleichen Stand, alles ist in einem System. Das ist effizienter als mit jedem Einzelnen Mails zu schreiben. In den meisten Unternehmen wird viel Zeit dafür aufgewendet, Arbeitsprozesse transparent zu machen. Mit Slack ist das möglich, Aufgaben können besser aufgeteilt werden.

Mitarbeiter können mit Slack nicht nur wichtige Dokumente, sondern auch lustige Filmchen verschicken. Lenkt das Programm nicht von der Arbeit ab?
Es ist normal, dass Mitarbeiter irgendeine Art von privaten Informationen austauschen. Wir glauben sogar, dass das im richtigen Maß den Teamgeist und auch die Unternehmenskultur stärkt. Das hat einen großen Einfluss auf den Firmenerfolg, ist also nicht per se negativ. Slack bietet Möglichkeiten für den Austausch. Letztendlich liegt es aber in den Händen der Nutzer, wie sie diese Möglichkeiten nutzen.

Wenn Unternehmen mit Slack kommunizieren wollen, ist das eine enorme Umstellung.
Die Umstellung verändert vieles im Unternehmen, da braucht es logischerweise Zeit, sich daran zu gewöhnen. In zehn Jahren werden sich die Menschen an einen Workflow gewöhnt haben, der unabhängig von E-Mails ist. Anfang der 90er-Jahre war auch noch nicht genau klar, wofür E-Mails genutzt werden. Nur ein paar Leute hatten überhaupt eine Mail-Adresse. Es hat fast zwei Jahrzehnte gedauert, bevor die E-Mail zu dem geworden ist, was sie nun ist. Das war eine sehr langsame Evolution. Die Evolution mit Slack geht sehr viel schneller: 2014 haben weltweit 500.000 Menschen täglich Slack genutzt. Mittlerweile sind es über acht Millionen.

Allerdings bezahlen nur drei Millionen Kunden, die anderen nutzen die Gratisvariante. Beunruhigt Sie das?
Nein, das ist Marketing. Wir hoffen, dass die Kunden irgendwann auf die kostenpflichtige Variante umsteigen, die mehr Funktionen und mehr Speicherplatz bietet.

30 Prozent der Slack-Nutzer kommen aus Europa. Welche Bedeutung hat der deutsche Markt für Slack?
Deutschland ist sehr wichtig für uns. Fast jedes Start-up in Berlin nutzt Slack. Viele Mittelständler sind schon auf unser Tool umgestiegen. Und 60 Prozent der Dax-Konzerne verwenden Slack.

Zum Beispiel?
Einer unserer größten Kunden ist SAP. Vor der Einführung haben wir uns mit dem Betriebsrat ausgetauscht. Das war für uns eine neue Erfahrung, in Amerika reden wir nicht mit so vielen Parteien.

Planen Sie, einen Standort in Deutschland zu eröffnen?
Ja. Konkrete Pläne gibt es aber noch nicht. Bislang steuern wir das Europageschäft aus unserem Büro in Dublin.

Im Herbst haben Sie eine deutschsprachige Version auf den Markt gebracht. Welche Auswirkungen hatte das?
Viele Start-ups nutzen Slack weiter auf Englisch. Für sie ist das irgendwie cooler. Ich habe den Eindruck, dass viele Mittelständler die deutsche Version bevorzugen. Slack scheint zwar total simpel, hat aber viele versteckte Einstellmöglichkeiten. Ab einem gewissen Punkt ist es für einige leichter, bestimmte Funktionen in der eigenen Muttersprache verwenden zu können.

Viele Unternehmen verstehen nicht so genau, was Slack überhaupt ist – egal ob auf Englisch oder Deutsch.
Slack ist tatsächlich nicht so einfach zu erklären. Wir müssen versuchen, die Menschen mit einer zugänglicheren Kampagne zu erreichen. Das ist eine schwierige Aufgabe, weil wir noch ein relativ neues Produkt anbieten. Anders ist das, wenn Unternehmen eine neue Biersorte oder einen neuen Flugzeugtyp vorstellen. Da versteht jeder sofort, um was es geht. Kein Mensch wird aber jemals sagen: Uns fehlt ein Programm für kollaboratives Arbeiten.

Hierzulande tauschen sich viele Unternehmen über Outlook aus. Wie wollen Sie die Vorherrschaft von Microsoft überwinden?
Der bestmögliche Weg ist, wenn Kunden unser Programm mögen und das weitererzählen. Wenn wir das Leben unserer Kunden einfacher machen, werden sie für immer unsere Kunden bleiben.

Vor zwei Jahren hat Microsoft den Messenger Teams auf den Markt gebracht, der so ähnlich funktioniert wie Slack. Seit Kurzem ist das Programm in der Basisversion auch kostenlos. Macht Sie das nervös?
Wahrscheinlich ist es sogar gut für uns, dass Microsoft in den Markt vordringt. Das zeigt den Unternehmen: Programme für kollaboratives Arbeiten sind wichtig. Teams kann unseren Verkaufsprozess in manchen Fällen verlangsamen. Es ist bislang aber kein wirklich einsatzfähiges Produkt, Microsoft ist momentan zwei Jahre hinterher – selbst bei Basisfunktionen. So ermöglicht Teams zum Beispiel keine privaten Nachrichtenkanäle. Von dem Rückstand können wir profitieren. Wir sollten trotzdem genau darauf achten, was Microsoft macht.

Wo speichert Slack die Chat-Archive?
In den USA. Vereinzelt auch in Europa.

Nutzer wünschen sich, dass die Daten ausschließlich auf europäischen Servern gespeichert werden.
Wir wissen, dass Datensicherheit für europäische Nutzer sehr wichtig ist. Die Speicherung auf europäischen Servern können wir derzeit aber noch nicht anbieten. Wir werden das tun, es gibt aber noch keinen genauen Zeitplan. Wir erfüllen allerdings die Bedingungen der Europäischen Datenschutzverordnung.

Verglichen mit dem europäischen Datenschutz ist die US-Rechtslage lax. Unternehmer sind besorgt, dass ihre Geschäftsgeheimnisse auf amerikanischen Servern ausspioniert werden.
Ich verstehe diese Angst. Ich glaube aber, dass sich die Sicherheitslage nicht verändern wird, wenn wir Daten auf Servern in der EU abspeichern. Hacker können überall sein, in Amerika und in Europa. Wir arbeiten kontinuierlich daran, die Daten so sicher wie möglich zu speichern. Die Lösung ist nur nicht so einfach.

Warum?
Wir sind ein international tätiges Unternehmen, genauso wie unsere Kunden. Auch deutsche Firmen haben Büros in Amerika und Geschäftsbeziehungen zu Kunden aus der ganzen Welt. Die Frage ist: Wem gehören die Daten: dem deutschen Unternehmen oder dem internationalen Kunden? Und wo sollen wir diese Daten speichern: in den USA oder in Europa? Das ist kompliziert.

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Microsoft und Amazon sollen bis zu neun Milliarden Dollar für Slack geboten haben. Ihr erstes Unternehmen, den Bilderdienst Flickr, haben Sie nach nur drei Jahren an Yahoo verkauft. Ist es nun an der Zeit, Slack zu verkaufen?
Nein. Wenn es für Microsoft und Amazon Sinn macht, uns zu kaufen, macht es für uns Sinn, unabhängig zu bleiben. Unser Geschäftsmodell hat so viel Potenzial wie kaum ein anderes. Ich werde nicht noch mal das Glück haben, Teil einer Firma zu sein, die so schnell wächst. Es gibt noch so viel zu entwickeln und zu verbessern, da möchte ich jetzt nicht aufhören. Es macht mir Spaß, ich könnte das die nächsten 20 Jahre machen.

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