Indischer Unternehmer: „Langfristig glauben wir immer noch an Deutschland“
Neu-Delhi. Ranghohe indische und deutsche Wirtschaftsvertreter fordern die Europäische Union zu einem anderen Fokus bei den Freihandelsgesprächen mit der weltweit fünftgrößten Volkswirtschaft auf. „Wir treten für ein begrenztes Abkommen ein, mit dem wir den Handel phasenweise liberalisieren können. So können wir schneller vorankommen“, sagt Ramachandran Dinesh, Vorsitzender des deutsch-indischen CEO-Forums, dem Handelsblatt.
Das neue Gesprächsformat, das Geschäftsführer mit der politischen Führung beider Länder zusammenbringt, hatte vergangene Woche im Beisein von Kanzler Olaf Scholz und Indiens Regierungschef Narendra Modi seine Auftaktveranstaltung.
Seit zwei Jahrzehnten verhandeln die EU und Indien über einen umfassenden Freihandelsdeal, der auch Nachhaltigkeitsstandards umfasst. Von einer Einigung sind beide Seiten jedoch weit entfernt – Streit gibt es unter anderem über die Öffnung des Agrarsektors.
Dinesh, der bis Frühjahr dieses Jahres auch den indischen Industrieverband CII leitete, warnt: Sollten die Verhandler am Plan eines umfassenden Abkommens festhalten, drohten weitere Verzögerungen. Auch EU-Regularien wie das CO2-Grenzausgleichssystem und die Antientwaldungsrichtlinie sieht er als Hürden für das indisch-europäische Wirtschaftsverhältnis. „Diese Maßnahmen sorgen nur für zusätzliche Bürokratie, die vor allem kleine und mittelständische Unternehmen überfordert.“
Lesen Sie hier das vollständige Interview:
Herr Dinesh, Sie sind Vorsitzender des neu gegründeten deutsch-indischen CEO-Forums und haben vergangene Woche mit Bundeskanzler Olaf Scholz und Indiens Regierungschef Narendra Modi beraten. Was beschäftigt Sie am meisten?
Unser Hauptthema ist das geplante Freihandelsabkommen zwischen Indien und der EU. Wir sind uns einig darüber, dass es wohl zu weiteren Verzögerungen kommen wird, wenn beide Seiten am Plan eines umfassenden Abkommens festhalten. Deshalb treten wir für ein begrenztes Abkommen ein, einen sogenannten „Early Harvest Deal“, mit dem wir den Handel phasenweise liberalisieren können. So können wir schneller vorankommen.
Auch die Bundesregierung plädiert für ein abgespecktes Abkommen. Laut Kanzler Scholz wäre eine Einigung dann binnen Monaten statt Jahren möglich. Ist das realistisch?
Indien hat in den vergangenen Jahren mehrere Freihandelsabkommen abgeschlossen, einige davon nach Verhandlungen, die weniger als ein Jahr dauerten. Ich glaube, dass es politisch und wirtschaftlich auf beiden Seiten den Willen gibt, ein Abkommen abzuschließen. Die Herausforderung liegt jedoch darin, eine Lösung zu finden, die sowohl für die EU als auch für Indien passt. Meiner Meinung nach ist ein schnelles Freihandelsabkommen möglich – wenn wir uns auf das Wesentliche konzentrieren.
Ein Freihandelsabkommen würde der deutschen Wirtschaft auch bei ihrem Plan helfen, sich in Asien breiter aufzustellen und von China unabhängiger zu werden. Welche Rolle kann Indien bei den Diversifizierungsbemühungen einnehmen?
Indien hat große Fortschritte bei der Verbesserung der Rahmenbedingungen für Unternehmen gemacht, vor allem durch Investitionen in Infrastruktur und Bürokratieabbau. Dies stärkt Indien als attraktiven Produktionsstandort. Die Kombination aus einer wachsenden heimischen Nachfrage und einer wettbewerbsfähigen Produktionsbasis macht Indien zu einem wichtigen Teil der globalen Lieferketten.
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Der Standortwettbewerb ist jedoch hart. Länder wie Vietnam profitieren bereits in großem Umfang von der Lieferkettenverlagerung – auch weil das Land bereits ein Freihandelsabkommen mit der EU hat. Wie kann Indien punkten?
In Indien lockt der große lokale Markt. Ausländischen Investoren geht es zunächst darum, diesen Markt zu erschließen. Anschließend nutzen sie ihn dann als Basis für Exporte. In vielen Sektoren, wie etwa der Automobilindustrie, ist die Nachfrage in Indien selbst bereits sehr hoch, was den Standort attraktiv macht.
Sie selbst führen mit TVS Supply Chain Solutions eines der größten Logistikunternehmen in Indien. Die hohen Logistikkosten waren in Indien lange eine große Hürde für Investoren.
Natürlich gibt es immer noch Verbesserungspotenzial. Der Transport auf der Straße von Delhi nach Chennai dauert heute etwa 60 bis 68 Stunden. Hätten wir deutsche Verhältnisse, wären es nur 42 Stunden. Aber wir haben schon bedeutende Fortschritte erzielt. Die Regierung investiert massiv in die Infrastruktur. Ich glaube deshalb, dass die notwendigen Bausteine vorhanden sind, um die Logistikkosten in den kommenden zwei bis drei Jahren weiter zu senken.
Die Infrastrukturausgaben treiben das Wirtschaftswachstum an – auf zuletzt sieben bis acht Prozent. Was könnte einen nachhaltigen Aufschwung Indiens in den kommenden Jahren noch gefährden?
Die Regierung arbeitet an wichtigen Reformen, etwa beim Arbeitsrecht und beim Landerwerb. Außerdem geht es darum, den Wettbewerb zwischen den Bundesstaaten zu erhöhen, um sie für Investoren attraktiver zu machen. Wenn die Fortschritte hier in gleicher Geschwindigkeit weitergehen wie bisher, sind wir gut aufgestellt. Externe Herausforderungen sehe ich als die größeren Risiken an – zum Beispiel mit Blick auf steigende Energiepreise und sicherheitspolitische Ausgaben.
Besonders das Verhältnis zu China ist für Indiens Sicherheit relevant. Nach jahrelangen Spannungen im Zuge des Grenzkonflikts gab es zuletzt wieder eine Annäherung. Bringt das auch chinesische Investoren nach Indien?
Es ist noch zu früh, um das zu beurteilen. Es gab in der Vergangenheit einige chinesische Investitionen in Indien, aber ob daraus jetzt eine größere Kapitalquelle wird, bleibt abzuwarten. Wir sind immer froh, wenn es mehr freundschaftliche Beziehungen zu anderen Ländern gibt – aber ich will das nicht voreilig kommentieren, ohne zu wissen, wie sich die Situation weiterentwickelt.
In Deutschland werden chinesische Investoren mit zunehmender Skepsis gesehen. Für indische Unternehmen gilt das nicht. Sehen Sie das Potenzial, dass auch mehr indische Unternehmen in Deutschland investieren?
Für indische Unternehmen bietet Deutschland wegen seiner technologischen Stärke große Chancen. Mein Unternehmen ist seit 2008 in Deutschland tätig. Wir wachsen zwar nur langsam, aber der Zugang zu Technologie macht das Land trotzdem interessant für uns. Es ist eine Win-win-Situation, weil wir auch den deutschen Partnern helfen können – etwa mit dem digitalen Know-how, das wir in Indien haben.
Was sehen Sie als die größten Herausforderungen für Geschäfte in Deutschland?
Meine erste Investition in Deutschland als eine vergleichsweise kleine Firma war sehr schwierig. Inzwischen ist vieles einfacher geworden. Es gibt aber immer noch Herausforderungen wie zum Beispiel die Mobilität von Mitarbeitern – die Verfügbarkeit der entsprechenden Visa ist da ein wichtiges Thema. Oder unterschiedliche Regulierungen je nach Region in Deutschland. Aber mit solchen Hürden lernt man mit der Zeit umzugehen. Viel schwerer wiegen Themen wie das CO2-Grenzausgleichssystem und die Antientwaldungsrichtlinie der EU. Wir stimmen mit Europa überein, dass der Planet grüner werden soll. Aber diese Maßnahmen sorgen nur für zusätzliche Bürokratie, die vor allem kleine und mittelständische Unternehmen überfordert.
Während Indiens Wirtschaft boomt, erlebt Deutschland das zweite Rezessionsjahr in Folge. Schreckt Sie das ab?
Wir verstehen, dass das Land gerade eine schwierige Zeit durchmacht. Aber langfristig glauben wir immer noch an Deutschland – und ich denke, dass wir das Wachstum auch unterstützen können. In Indien sind wir es gewohnt, mit hauchdünnen Gewinnmargen Geschäfte zu machen, indem wir skalieren. Dabei sind einige Innovationen entstanden, von denen auch Deutschland profitieren könnte – vor allem im digitalen Bereich.
Herr Dinesh, vielen Dank für das Interview.