Kapitalerhöhungen: Liquidität als knappes Gut: Wie es Firmen gelingt, in der Krise an frisches Geld zu kommen
In der Unsicherheit der Corona-Pandemie, in der Liquidität ein knappes Gut ist, zapfen einige Unternehmen erfolgreich den Kapitalmarkt an.
Foto: Getty [M]Düsseldorf. Anfangs kam die Mitteilung von Covestro, mit der der Dax-Konzern seine Aktionäre vor ein paar Wochen überraschte, gar nicht gut an: Für 1,6 Milliarden Euro will der Kunststoffhersteller inmitten der Konjunkturkrise eine Sparte des niederländischen DSM-Konzerns kaufen, um damit sein Spezialchemiegeschäft rund um Lacke und Beschichtungen von Glasfaserkabeln auszubauen.
Nach einhelliger Auffassung von Experten ist das zwar ein zukunftsträchtiger Bereich. Doch viele Aktionäre störten sich offenbar an dem ihrer Meinung nach zu hohen Kaufpreis – und möglicherweise auch an der Finanzierung des Deals: 450 Millionen Euro kommen über die Herausgabe neuer Aktien herein.
Das Kapital und die künftigen Erträge der Altaktionäre werden dadurch verwässert, weil sich Gewinne und Dividenden künftig auf mehr Anteilscheine verteilen. Salopp gesprochen: Der Kuchen bleibt gleich groß, doch die Stücke werden kleiner.
Die Covestro-Aktien verloren unmittelbar nach Ankündigung des Kaufs sieben Prozent an Wert. Doch Teil zwei der Börsenstory folgte prompt, als Covestro Taten folgen ließ und vor gut zwei Wochen 10,2 Millionen neue Aktien zum Stückpreis von 43,85 Euro verkaufte. Zum vorangegangenen Schlusskurs war das nur ein Abschlag von 40 Cent.
Das ist auffallend wenig und zeigt, wie gut der Markt die neuen Aktien aufgenommen hat. Mehr noch: Tags darauf zählte die Covestro-Aktie mit einem Kursgewinn von drei Prozent zu den Gewinnern im Dax.
Als „sehr positiv“ beurteilte die Baader Bank Covestros Kapitalmaßnahme. Sie sei erfolgreich verlaufen, was für das Vertrauen der Anleger spreche, so Analyst Markus Mayer. Ebenso wie die meisten Analysten waren offenbar auch viele Anleger zu dem Urteil gelangt, dass die Übernahme Sinn ergibt.
In der Unsicherheit der Corona-Pandemie, in der Liquidität ein knappes Gut ist, das es im Unternehmen zu halten gilt, zapfen nicht nur Covestro-CEO Markus Steilemann und sein Finanzvorstand Thomas Toepfer erfolgreich den Kapitalmarkt an.
Merck holte sich bei Anlegern 1,2 Milliarden Euro und gab dafür eine bis 2080 laufende Anleihe heraus. Der Chemie- und Pharmakonzern nutzt das niedrige Zinsumfeld. Für die Anleihe mit ungewöhnlich langer Laufzeit wird nur ein Jahreszins von 1,6 Prozent fällig.
Daimler holte sich ebenfalls 1,2 Milliarden Euro frisches Kapital und bezahlt für seine bis 2030 laufende Anleihe nur einen Zins von weniger als einem Prozent.
Ähnlich günstig kamen zuletzt Adidas, Fresenius und Freenet an Bares. Wegen geschlossener Läden und hoher Einnahmeausfälle nach dem Lockdown im Frühjahr hatte sich Adidas bei der staatlichen Förderbank KfW und bei Großbanken drei Milliarden Euro geliehen. Rund eine Milliarde Euro hat der Sportartikelkonzern bereits zurückgezahlt.
Wer weder Zinsen zahlen noch anschließende Tilgung leisten will, was bei Anleihen nötig ist, macht es wie Covestro. Der Stromversorger RWE etwa besorgte sich bei Investoren zwei Milliarden Euro durch die Herausgabe neuer Aktien. Das ist vergleichsweise viel Geld, angesichts eines Gesamtbörsenwerts von nur rund 20 Milliarden Euro. Das Geld fließt in den Ausbau der Wind- und Sonnenenergie, um so die Transformation zum grünen Stromversorger zu beschleunigen.
Zwar fiel der Aktienkurs von RWE nach der Ankündigung um zehn Prozent. Also genau um so viel, wie die neuen Aktien das Kapital verwässern. Doch das war nur ein kurzzeitiges Moment. Seit dem Börsentief vor fünf Jahren, als RWE nicht nur aus Sicht der Finanzmärkte als sterbender Dinosaurier galt, weil Kernenergie in Deutschland ein Auslaufmodell ist und Braunkohle keine Zukunftsfantasie mehr entfacht, ist der Kurs um 260 Prozent gestiegen.
Grund dafür ist der rasante und größte Umbau in der 122-jährigen Konzerngeschichte – und dieser gelingt mit frischem Geld durch die Herausgabe neuer Aktien noch schneller als gedacht, was den Kurs über den Tag hinaus betrachtet steigen lässt.
Der Versorger habe sich erhebliche Mittel zur Sicherung künftigen Wachstums verschafft, lobte Goldman-Sachs-Analyst Alberto Gandolfi. Das Management könne sich jetzt ganz auf das zukunftsträchtige Thema der erneuerbaren Energien konzentrieren, hob Kollegin Deepa Venkateswaran vom Analysehaus Bernstein Research hervor.
Drägerwerk, der Hersteller von Beatmungsgeräten und Schutzmasken, besorgte sich 76,5 Millionen Euro mithilfe einer Million neuer Aktien. Der Erlös floss in die Stärkung der Liquidität und ins Eigenkapital nach dem stark gestiegenen Auftragseingang infolge der Corona-Pandemie.
Siemens Healthineers, die jüngste Siemens-Abspaltung, sammelte 2,7 Milliarden Euro ein. Damit finanzierte der Gesundheitsspezialist einen Teil des 14 Milliarden Euro teuren Kaufs von Varian, eines amerikanischen Krebstherapie-Spezialisten. Fast alle Experten, darunter Max Yates von der Schweizer Großbank Credit Suisse, halten die Übernahme für strategisch sinnvoll, um Margen und Gewinne nachhaltig zu steigern.
Ende vergangener Woche nahm der Deal eine wichtige Hürde, als die amerikanische Kartellbehörde dem Zukauf zustimmte. Zuvor hatten die Varian-Aktionäre die Offerte mit großer Mehrheit gebilligt.
Infineon sammelte bei Aktionären eine Milliarde Euro ein, um den Preis des amerikanischen Speicherherstellers Cypress Semiconductor in Höhe von neun Milliarden Euro zu reduzieren. Durch seinen Kauf schafft es der deutsche Halbleiterhersteller, in die Phalanx der weltweiten Top Ten der Chipkonzerne aufzurücken. Ohne Wachstum durch Zukäufe und frisches Kapital wäre das nicht möglich.
Die Unternehmen nutzen eine wohl einmalige Situation. 2020 bricht die Weltwirtschaft voraussichtlich um gut vier Prozent und damit so stark ein wie noch nie seit dem Zweiten Weltkrieg. Doch die Stimmung an den Finanzmärkten ist besser als in der Realwirtschaft – und auch sehr viel besser als in früheren großen Krisen.
Das sah vor einem Jahrzehnt, in der letzten großen Krise ganz anders aus. Kurz nach Ausbruch der Finanzkrise besorgten sich im September 2008 die Deutsche Bank 2,2 Milliarden und die Commerzbank 1,1 Milliarden Euro über neue Aktien. Doch anders als aktuell bei Covestro, RWE und Co. quittierten die Investoren dieses Vorgehen mit massenhaften und panikartigen Verkäufen. Beide Aktien brachen in den folgenden acht Wochen um jeweils gut 60 Prozent ein.
Angesichts solch verheerender Kursstürze samt Vernichtung von Börsenkapital ist es in großen Krisen eigentlich so gut wie unmöglich, sich Kapital mithilfe neuer Aktien zu besorgen – auch wenn die Konzerne es dringend benötigen.
Abgesehen von der Deutschen Bank und der Commerzbank traute sich in der akuten Konjunktur- und Börsenkrise zwischen Herbst 2008 und Frühjahr 2009 kein börsennotiertes Unternehmen, Aktien im Volumen von 250 Millionen Euro oder mehr herauszugeben. Zu groß war die Sorge, damit bei den Investoren durchzufallen.
Billiges Geld sucht eine Anlage
Den Grund für den Unterschied in der früher in Krisenzeiten schlechten und diesmal verhältnismäßig guten Börsenstimmung sehen Ökonomen in dem vielen billigen Geld. Es fließt angesichts der Nullzinspolitik der Notenbanken und deren Aufkauf von Staats- und Unternehmensanleihen an die Finanzmärkte und sucht dort nach einer Anlage. Das wiederum eröffnet Unternehmen die Chance, sich günstig Geld bei ihren Aktionären zu holen.
Gemessen an den guten Ausgangsbedingungen ist es nach Ansicht von Banken- und Finanzprofessor Christoph Kaserer von der TU München auf den ersten Blick erstaunlich, dass in der aktuellen Wirtschaftskrise nicht sehr viel mehr Unternehmen neue Aktien herausgeben: „Angesichts der relativ guten Liquidität an den Börsen könnte man erwarten, dass Unternehmen ihr Eigenkapitalpolster vergrößern.“
- Wenn Unternehmen neue Aktien ausgeben, ärgert das meistens die Aktionäre. Dabei haben solche Kapitalerhöhungen durchaus auch ihren finanziellen Reiz. Darüber haben wir in unserem täglich erscheinenden Podcast „Handelsblatt Today“ mit Aktienanalyst Ulf Sommer gesprochen.
Doch der Experte rechnet trotz guter Voraussetzungen nicht damit. Seine Argumentation: „Fremdkapital ist aufgrund der expansiven Geldpolitik deutlich günstiger geworden.“ Das heißt nichts anderes: Extrem niedrig verzinste Bankkredite und Anleihen dürften viele Unternehmen davon abhalten, es RWE und Covestro gleichzutun und neue Aktien herauszugeben.
Zu groß ist oftmals die Angst vor schlechten Kursreaktionen und davor, die Anleger zu verärgern. Darüber hinaus sind die neuen Aktien ebenso wie die alten dividendenberechtigt. Das erhöht auf Dauer dann doch wieder die Kosten und den Kapitalabfluss.