Benachrichtigung aktivieren Dürfen wir Sie in Ihrem Browser über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts informieren? Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Fast geschafft Erlauben Sie handelsblatt.com Ihnen Benachrichtigungen zu schicken. Dies können Sie in der Meldung Ihres Browsers bestätigen.
Benachrichtigungen erfolgreich aktiviert Wir halten Sie ab sofort über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts auf dem Laufenden. Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Jetzt Aktivieren
Nein, danke

Reform der Aktionärstreffen Streit über virtuelle Hauptversammlungen: „Zwischen komatös und blutleer“

Die Firmen wollen dauerhaft Onlineformate. Das Notgesetz wird wohl bis Ende 2021 verlängert. Investoren- und Aktionärsvertreter fürchten um ihre Rechte.
03.09.2020 - 12:15 Uhr Kommentieren
Die Möglichkeit, Aktionärstreffen nur online zu übertragen, hatte die Bundesregierung in einem Notgesetz wegen der Corona-Pandemie geschaffen.  Quelle: Munich Re, Oliver Soulas
Virtuelle Hauptversammlung der Munich Re

Die Möglichkeit, Aktionärstreffen nur online zu übertragen, hatte die Bundesregierung in einem Notgesetz wegen der Corona-Pandemie geschaffen. 

(Foto: Munich Re, Oliver Soulas)

Frankfurt, Düsseldorf Für die börsennotierten Unternehmen in Deutschland endet in diesen Tagen eine außergewöhnliche Hauptversammlungssaison – und eine höchst umstrittene dazu. Wegen der Veranstaltungsverbote im Zuge der Corona-Pandemie wurden seit März Aktionärstreffen nur noch im Internet abgehalten. Viele CEOs fühlten sich zwar sichtlich unwohl vor der Kamera. Aber: Die Unternehmen sind letztlich überzeugt vom virtuellen Format. Im Gegensatz zu Investoren- und Aktionärsvertretern wollen sie Online-Hauptversammlungen gern dauerhaft etablieren.

Das zeigt eine aktuelle Umfrage unter den Investor-Relations-Verantwortlichen von Unternehmen aus dem Dax und MDax, die dem Handelsblatt exklusiv vorliegt. Ihre zentrale Forderung lautet: Keine Rückkehr zum alten Hauptversammlungsformat, stattdessen sollte die „in die Jahre gekommene Gesetzgebung an die Neuzeit angepasst werden“. Erstellt hat Umfrage und Studie die Kommunikationsberatung Gauly Advisors gemeinsam mit dem Deutschen Investor Relations Verband (DIRK).

43 Prozent der IR-Manager wünschen sich eine komplette Umstellung auf virtuelle Hauptversammlungen (HVs), 35 Prozent verlangen immerhin ein Hybrid-Format, bei dem ein Präsenztreffen mit einem Onlineformat kombiniert wird. Nur 22 Prozent, ergab die Umfrage, wollen die langjährige Art der Hauptversammlungen beibehalten, also Veranstaltungen, die im Wesentlichen vor Ort stattfinden.

Absehbar ist: Auch im kommenden Jahr wird es HVs im Onlineformat geben. Die Bundesregierung werde das wegen der Corona-Pandemie verhängte Notgesetz bis Ende 2021 verlängern, heißt es in Regierungs- und Industriekreisen. Das Bundesjustizministerium teilte auf Anfrage mit, man prüfe diesen Schritt derzeit. Damit ist Zoff programmiert: Investoren- und Aktionärsvertreter laufen seit Wochen Sturm gegen die virtuellen HVs. Sie sehen sich ihrer Rede- und Mitwirkungsrechte beraubt.

Top-Jobs des Tages

Jetzt die besten Jobs finden und
per E-Mail benachrichtigt werden.

Standort erkennen

    Die Vorstandschefs wissen um die Bedenken vieler Aktionäre und wogen ihre Worte behutsam ab, als es bei den Hauptversammlungen um das Thema ging. „Ich werde den direkten Austausch mit Ihnen vermissen. Ihre Reaktionen. Ich kann Ihre Gesichter nicht sehen. Ich spreche hier bloß in zwei Kameras“, rief zum Beispiel Stephan Sturm, Vorstandschef von Fresenius, den Aktionären beim digitalen Aktionärstreffen des Gesundheitskonzerns vergangene Woche zu. „Aber ich will auch das Positive sehen. Heute nehmen sicher mehr Aktionärinnen und Aktionäre teil als in früheren Jahren.“

    Auch Evonik-Chef Christian Kullmann fühlte sich umgeben von Kameras und Monitoren in einem Konferenzraum bei der HV etwas unwohl. „Unsere klare Präferenz war es, für Sie eine Hauptversammlung im gewohnten Präsenzformat abzuhalten“, sagte der CEO des Essener Spezialchemiekonzerns auf der Online-Hauptversammlung am Montag.

    60 Vorstände fordern Verlängerung

    Kullmann zeigte sich danach aber als Freund des digitalen Formats: „Ich sehe durchaus auch einige Vorteile. Es ist ein Blick in die Zukunft, den wir hier gerade wagen.“ Den Aktionären versprach er, dass man sie an der Debatte beteiligen werde, wie sich das bisherige Format der Hauptversammlung digital weiterentwickeln kann – „unter Wahrung aller Rechte als Aktionäre“.

    Die Möglichkeit, rein virtuelle HVs abzuhalten, hatte die Bunderegierung in einem Notgesetz wegen der Corona-Pandemie geschaffen. Eine Verlängerung bis Ende 2021 wäre ganz im Sinne der Unternehmen. Denn genau dies fordern 60 Vorstände börsennotierter Unternehmen in einem Brief, den sie gemeinsam mit dem Deutschen Aktieninstitut an Bundesjustizministerin Christine Lambrecht (SPD) geschickt haben. Sie wollen jetzt Planungssicherheit fürs kommende Jahr und scheuen den Aufwand, zweigleisig eine physische und eine virtuelle HV vorzubereiten. Bei Konzernen wie Thyssen-Krupp oder Siemens, bei denen das Geschäftsjahr bereits im Oktober beginnt, steht das Aktionärstreffen schon früh im Jahr im Januar oder Februar an.

    Ein weiteres Jahr ohne Präsenz-HVs, ohne Auftritte, ohne Investoren-Reden und Debatten – für Aktionärsvertreter wie Marc Tüngler ist das eine Horror-Vorstellung: „Der Eindruck, den virtuelle Hauptversammlungen hinterlassen, bewegt sich meist irgendwo zwischen komatös und blutleer“, sagt der Hauptgeschäftsführer der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW). „Durch fundamentale Einschränkung der Aktionärsrechte sehen wir die virtuelle Hauptversammlung unter dem Covid-19-Regime definitiv nicht als Zukunftslösung.“

    Die Investor-Relations-Manager aus den Unternehmen ziehen dagegen ein positives Fazit der abgelaufenen Saison. So gab es keine Abstriche bei der Präsenz des stimmberechtigten Kapitals, der Wert lag ungefähr auf Vorjahresniveau, währen die absoluten Teilnehmerzahlen frühere Werte teils übertrafen, ergab die Studie von Gauly Advisors und dem DIRK.  „Alles in allem scheint das virtuelle Format bei den Unternehmen gut funktioniert zu haben. IR-Vertreter berichten von überwiegend neutralem bis positivem Feedback der Aktionäre“, sagt Andreas Martin, Managing Partner von Gauly.

    Das ist nicht überraschend, denn das Covid-19-Notgesetz der Bundesregierung hat den Unternehmen einige Sonderrechte eingeräumt: So mussten Aktionäre ihre Fragen zwei Tage vorab einreichen, teils wurden ähnliche Fragen gebündelt beantwortet. Die Möglichkeit, bis in die HV hinein Fragen zu stellen, etwa in Reaktion auf die Rede des Vorstandsvorsitzenden, wurde nicht eingeräumt. Die Wortbeiträge liefen nur in eine Richtung – nämlich aus den Firmenzentralen hinaus in die angeschlossenen Aktionärsstuben.

    Anleger kritisieren „maximale Distanz“

    „Es fehlte der zentrale Aspekt: der direkte Austausch mit der Verwaltung“, resümiert Hendrik Schmidt, Corporate Governance Analyst der Fondsgesellschaft DWS. Schmidt fordert, den Aktionären künftig mindestens die Möglichkeit zur berechtigten Rückfrage zu geben. Ähnlich bewertet es Vanda Heinen, ESG-Analystin bei der Fondsgesellschaft Union Investment. „Aus dem Fragerecht ist nur noch eine Fragemöglichkeit geworden“, kritisiert sie und konstatiert eine „maximale Distanz“ zu den Aktionären. „Das kann nicht im Interesse der Unternehmen sein, denn das Korrektiv für das Handeln von Vorstand und Aufsichtsrat wird dadurch geschwächt.“

    Auch in dieser Hinsicht bilanzierten die IR-Manager die erste virtuelle Hauptversammlungssaison ganz anders. „Durch die Zweitagesfrist für die Einreichung von Fragen sei die Vorbereitung viel besser gewesen, und die Fragen hätten mit mehr Tiefe beantwortet werden können“, heißt es in der Umfrage von Gauly. Die größere Zeitspanne sei im Vergleich zum hektischen Treiben auf einer Präsenz-HV gezielt für höhere Qualität der Antworten genutzt worden.

    Die IR-Manager gestehen zwar ein, dass sich die Aktionäre in einem virtuellen Format weniger einbringen können. Doch nur eine Minderheit von ihnen sieht darin eine Einschränkung der Aktionärsrechte. Dahinter steckt eine Kritik, die viele Unternehmen hinter vorgehaltener Hand seit Langem äußern: Sie monieren die reihenweisen Redebeiträge renitenter Aktionäre, die die Präsenz-Hauptversammlungen zu einem nervigen und langgezogenen Event machen.

    Doch es geht auch um das schärfste Schwert, das Aktionäre in Sachen Hauptversammlung haben: nämlich die nachträgliche Anfechtung der dort gefassten Beschlüsse. Derartige Klagen hat die Bundesregierung im Notgesetz für die virtuellen HVs faktisch ausgeschlossen, denn Kläger müssten den Unternehmen schon Vorsatz nachweisen, was ihnen kaum gelingt. Viele Firmen empfanden diese Ausnahmeregel als Segen, weil ihnen die anschließenden rechtlichen Auseinandersetzungen mit sogenannten Berufsklägern in diesem Jahr erspart blieben.

    Investoren fordern aber, genau diese Anfechtungsklagen wieder zu ermöglichen. Eine dauerhafte Einschränkung wird für den Gesetzgeber schwer zu begründen sein – und auch die IR-Manager selbst erwarten dies nicht. Aktionärsrechte müssten auch in einer virtuellen HV umgesetzt werden, aber es müsse auch dem Missbrauch vorgebeugt werden, fordert Kay Bommer, Geschäftsführer des Branchenverbandes DIRK.

    Die Positionen und Meinungen zur Zukunft der Hauptversammlungen liegen weit auseinander. Das Bundesjustizministerium will sich mit den Unternehmen, Investoren und Aktionärsvertreten bald darüber austauschen, wie die Aktionärstreffen über das Jahr 2021 hinaus dauerhaft neu geregelt werden können. Doch wo könnte dabei die Kompromisslinie liegen?

    Für Union-Analystin Vanda ist eine Minimalanforderung an die virtuelle Hauptversammlung, dass sich Aktionäre während der Versammlung interaktiv auf elektronischem Weg zu Wort zu melden und Fragen stellen können. DWS-Manager Schmidt geht es nicht nur ums reine Fragerecht, aus seiner Sicht müsse gesichert werden, dass Investoren ihrer gesetzlich vorgeschriebene Überwachung und Mitwirkung nachkommen können.

    Dies wird aus seiner Sicht gerade in der HV-Saison 2021 zu einem entscheidenden Punkt: Dann wird erstmals die Abstimmung der Aktionäre über Vergütungssysteme in den Unternehmen verbindlich. Das Reizthema Managergehälter dürfte für Zündstoff sorgen, die Investoren haben künftig mehr Macht bei diesem Thema. „Es sollte im Interesse aller Beteiligten sein, diesen Punkt nicht in einer Geisterdebatte zu behandeln“, sagt Schmidt.

    Aktionärsschützer Tüngler schlägt ein Hybridmodell vor: „Wer seine Rechte vollumfänglich wahrnehmen möchte, wird auf die Präsenzveranstaltung verweisen. Wer allein die Hauptversammlung verfolgen und ausgesuchte Rechte wahrnehmen möchte, dem steht die Online-Teilnahme zur Verfügung“, erläutert er.

    Hybride Modelle lehnen aber viele Unternehmen wegen des Aufwands ab. „Eine hybride HV bedeutet vielfach doppelte Kosten und doppeltes Risiko. Sie kann keine Blaupause für die HV der Zukunft sein“, sagt DIRK-Chef Bommer. Zumal sich die Unternehmen in der abgelaufenen Saison daran erfreut haben, wie kostengünstig eine rein virtuelle Hauptversammlung ist. Bei der Deutschen Post etwa hat das digitale Aktionärstreffen rund eine Million Euro gekostet – und damit gerade einmal die Hälfte einer Präsenz-HV.

    Mehr: Offener Brief: Dax-Vorstände fordern Verlängerung der Regelung für virtuelle Hauptversammlungen

    Startseite
    Mehr zu: Reform der Aktionärstreffen - Streit über virtuelle Hauptversammlungen: „Zwischen komatös und blutleer“
    0 Kommentare zu "Reform der Aktionärstreffen: Streit über virtuelle Hauptversammlungen: „Zwischen komatös und blutleer“"

    Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

    Zur Startseite
    -0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%