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Schuh-Unternehmer Heinrich Deichmann„Ich besitze weder Jacht noch Jet“

Heinrich Deichmann steht auf Rang 228 der Forbes-Liste und ärgert sich über solche Reichen-Rankings. Im Interview nennt der Schuhkonzern-Inhaber die Gründe und spricht über niedrige Zinsen, hohe Vermögen und was er sich leistet.Anja Müller, Christian Rickens 01.03.2016 - 16:19 Uhr Artikel anhören

„Die frühen Bilder von Schmidt-Rottluff gefallen mir eigentlich besser, aber die waren mir schlicht zu teuer.“

Foto: Dirk Hoppe/Netzhaut für Handelsblatt

Essen. Vermutlich muss das so sein bei Europas größtem Schuh-Einzelhändler: Bei der Begegnung in der schlichten Zentrale in einem Essener Gewerbegebiet geht der erste Blick zu den Füßen. Dann die unvermeidliche Frage: „Das sind aber keine Deichmann-Schuhe, die Sie da tragen, oder Herr Deichmann?“ Doch, erwidert der Unternehmer, dessen Vermögen Forbes auf 5,6 Milliarden Dollar schätzt, die seien von der Zweitmarke Roland.

Herr Deichmann, heute ist die neue „Forbes“-Reichenliste herausgekommen. Sie sind auf Platz 228. Ärgert es Sie eigentlich, wenn man Sie als Milliardär bezeichnet?
Mich ärgern diese Reichenlisten von „Forbes“ oder dem „Manager Magazin“, bei denen mein Vermögen mit soundso viel Milliarden Euro angegeben wird. Das ist ja, wenn überhaupt, der Wert des Unternehmens, der sich bei einem Verkauf ergeben würde. Und auch der ist sehr willkürlich geschätzt. Ich habe aber gar nicht die Absicht zu verkaufen.

Juristisch ist es nun einmal Ihr Unternehmen. Sie wollen nicht verkaufen, aber das ist ja Ihre freiwillige Entscheidung. So wie jeder Hausbesitzer oder Aktionär auch frei entscheiden kann, ob er seine Immobilie verkauft.
So fühlt es sich aber nicht an. Das Unternehmen bedeutet für mich nicht Reichtum, sondern Verantwortung. Alle Gewinne werden reinvestiert oder für unser Hilfswerk verwendet. Die Gesellschafter schütten sich nichts aus, ich selbst bekomme ein normales Gehalt als Geschäftsführer.

Welche Bewertung Ihres Vermögens würden Sie denn selbst für angemessen halten?
Ich möchte überhaupt nicht auf solchen Listen mit irgendwelchen Milliardensummen erscheinen. Und wenn, dann müsste man die Vermögensarten differenzierter darstellen. Es ist eben doch ein Unterschied, ob ich Aktien besitze oder Immobilien oder ein Familienunternehmen.

Dazu bräuchte man aber Transparenz darüber, in welcher Form das Vermögen vorliegt. Wären Sie bereit, diesen Einblick zu gewähren?
Ich weiß, worauf Sie hinaus wollen. Wir erleben im Moment eine globale Debatte darüber, ob die Schere zwischen Arm und Reich zu weit auseinanderklafft oder sich sogar immer weiter öffnet. Diese Debatte wurde zum Beispiel angeheizt durch einen statistisch fragwürdigen Bericht, der im Umfeld des Weltwirtschaftsgipfels von Davos erschienen ist.

…demzufolge die reichsten 62 Menschen der Erde so viel besitzen wie die gesamte ärmere Hälfte der Weltbevölkerung.
Wobei der Bericht aber Schulden mit einrechnet, was zu dem absurden Ergebnis führt, dass die ärmsten zehn Prozent der Weltbevölkerung in den USA leben, weil im Schnitt Amerikaner eben höhere Schulden haben als Menschen in Indien oder Bangladesch.

Heinrich Deichmann
Der 53-Jährige führt in dritter Generation die Deichmann SE als Vorsitzender des Verwaltungsrates und der geschäftsführenden Direktoren. Vom Vater übernahm er 1999 nicht nur die Führung des Unternehmens, sondern auch die Leitung der Hilfsprojekte. Deichmann engagiert sich aktuell auch besonders für Flüchtlinge. Er ist verheiratet und hat zwei Kinder.
Europas größter Schuheinzelhändler erwirtschaftete 2015 einen Umsatz von 5,3 Milliarden Euro – ein Plus von währungsbereinigt 3,1 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Rund 37 000 Mitarbeiter verkauften weltweit mehr als 170 Millionen Paar Schuhe.

Auch in Deutschland soll die Schere weiter auseinandergegangen sein...
In Deutschland ist die Schere zwischen Arm und Reich zwischenzeitlich tatsächlich weiter auseinander gegangen, hat sich inzwischen aber auch wieder etwas geschlossen, vor allem durch die Zunahme der Beschäftigung. Man darf auch nicht vergessen, dass in Deutschland durch die Steuer- und Sozialversicherungssysteme in erheblichem Maße umverteilt wird. Zehn Prozent der steuerpflichtigen Spitzenverdiener bestreiten 54 Prozent des Einkommenssteueraufkommens, was grundsätzlich auch nicht zu kritisieren ist. Auch weltweit gesehen ist die absolute Armut in den letzten 20 Jahren etwas zurückgegangen. Noch lange nicht in dem Maße, das ich mir wünsche, aber das zeigt immerhin: Es gibt keinen Automatismus, dass die Reichen immer reicher werden und die Armen immer ärmer. Im Übrigen: Wenn derzeit eine Institution dazu beiträgt, dass die Kluft in Deutschland größer wird, dann ist es die Europäische Zentralbank.

Inwiefern?
Die Niedrigzinsen treffen vor allem die weniger Vermögenden, die ihr Geld auf dem Sparbuch oder dem Festgeldkonto angelegt haben. Die Vermögenden haben ihr Geld meist in Aktien angelegt, und deren Kurse wurden durch die Niedrigzinsen sogar nach oben getrieben.

Bis vor kurzem zumindest.
Stimmt, aber wenn sich auch dieser Effekt inzwischen verbraucht hat, ist das nur ein Argument mehr, die Zinsen endlich wieder anzuheben. Was am Anfang der Finanzkrise ein Instrument war, um einen noch schlimmeren Konjunktureinbruch zu verhindern, ist längst in finanzielle Repression abgeglitten: Versteckte Staatsfinanzierung auf Kosten der Sparer.

Fühlen Sie sich nur von den Reichenrankings ungerecht behandelt oder auch von der Gesellschaft insgesamt?
Ich persönlich kann mich nicht beklagen. Aber die Rolle der mittelständischen Familienunternehmen als Rückgrat der deutschen Wirtschaft könnte noch klarer gesehen werden. Die wenigsten Familienunternehmer, die ich kenne, sind Unternehmer geworden, um ihre konsumtiven Bedürfnisse zu befriedigen.

Befriedigen Sie denn gelegentlich konsumtive Bedürfnisse, wie Sie es nennen, bei denen Sie sich bewusst sind: Das könnte sich ein Durchschnittsdeutscher jetzt nicht leisten?
Ich besitze weder eine Jacht noch einen Jet und interessiere mich auch nicht für Autos. Ich fahre privat wie geschäftlich eine große Limousine. Sicher kein Wagen für Durchschnittsverdiener, für einen Geschäftsführer allerdings auch nicht besonders extravagant. Aber es gibt durchaus Erlebnisse, die ich mir in dem Bewusstsein leiste: Das ist jetzt etwas Besonderes.

Zum Beispiel?
Wenn ich meinen Skiurlaub in die Schweizer Alpen verbringe, dann nehme ich mir für eine Woche einen privaten Bergführer, der mir die unberührtesten Tiefschneeabfahrten zeigt.

Für Sie ganz allein?
Ja, nur ich, der Bergführer und die Natur. Das begeistert mich. Aha, und jetzt schauen Sie auf das Bild über meinem Sofa und denken sich ihren Teil.

Die deutsche Schuhindustrie in Zahlen
Pro Jahr geben die Deutschen über zwölf Milliarden Euro für Schuhe aus.Quelle: Statistisches Bundesamt
Nike und Adidas sind hierzulande die am weitesten verbreiteten Schuhmarken.
Deichmann ist sowohl nach Umsatz als auch nach Filialzahl der größte Schuhhändler Deutschlands.
Insgesamt setzt der stationäre Fachhandel über sieben Milliarden Euro netto um.
Im Jahr 2015 wurden Schuhe im Wert von 2,5 Milliarden Euro aus China importiert.

Ein Gemälde von Karl Schmidt-Rottluff, wenn wir die Signatur richtig entziffern. Gehört in den meisten Unternehmen nicht zur Standard-Büroausstattung.
Stimmt, aber wissen Sie was? Das ist ein Schmidt-Rottluff aus den 50er-Jahren. Seine Bilder aus dieser Zeit kosten nur einen Bruchteil der Werke aus den 20er- oder 30e- Jahren. Die frühen Bilder von ihm gefallen mir eigentlich besser, aber die waren mir schlicht zu teuer – auch wenn sie wahrscheinlich wesentlich wertstabiler sind als das Bild an meiner Wand.

Als Ihr Vater vor einigen Jahren starb, mussten Sie da eigentlich Erbschaftsteuer zahlen für das Unternehmen, das er Ihnen hinterlassen hat?
Glücklicherweise hatte mein Vater schon viele Jahre vor seinem Tod angefangen, kleine Teile des Unternehmens zu verschenken. So ist der Großteil des Erbes bereits zu einem Zeitpunkt geflossen, als das Unternehmen bei weitem nicht so groß und auch nicht in allen Teilen so profitabel war wie heute.

Und für den restlichen Teil des Erbes profitieren Sie vermutlich von der Ausnahmeklausel für Familienunternehmen? Der zufolge entfällt die Erbschaftsteuer, wenn das Unternehmen nach dem Erbfall mindestens zehn Jahre mit allen Arbeitsplätzen fortgeführt wird.
Richtig.

Diese großzügige Ausnahmeregelung ist vom Verfassungsgericht gekippt worden, weil sie Erben von Unternehmen allzu stark bevorzugt. Jetzt kommt eine Neuregelung…
…ja, bei der jeder Unternehmenserbe erst einmal sein Privatvermögen offenlegen muss, um sich für eine Verschonung von der Erbschaftsteuer zu qualifizieren.

Klingt nach einem bürokratischen Albtraum. Wäre es nicht an der Zeit zu sagen: Schluss mit den Ausnahmen, alle Erbschaften unterliegen einer niedrigen, aber dafür durchgehend erhobenen Erbschaftsteuer von fünf oder zehn Prozent?
Man darf nicht vergessen, dass das Vermögen, das der Erbschaftsteuer unterliegt, aus bereits versteuertem Einkommen stammt. Es handelt sich um eine klassische Doppelbesteuerung.

Die aber an vielen Stellen im deutschen Steuersystem vorkommt, nicht nur bei der Erbschaftsteuer. Wie sieht denn Ihr Alternativkonzept aus?
Der Ertrag der Erbschaftsteuer liegt bei etwa vier Milliarden. Und Sie haben Recht, mit der jetzt diskutierten Neuregelung wird der bürokratische Aufwand noch einmal deutlich steigen. Es handelt sich um ein enorm ideologiebehaftetes Instrument, das dem Staat unterm Strich kaum Einnahmen bringt. Mein Alternative ist daher: Schafft die Erbschaftsteuer ab! Sie ist eine reine Neidsteuer.

Neidsteuer? Die Erbschaftsteuer ist doch eher der Versuch, wenigstens ein bisschen Chancengerechtigkeit zu schaffen. Warum soll dem Sohn des Unternehmers das ererbte Vermögen steuerfrei in den Schoß fallen – während das Arbeiterkind, das sich seinen sozialen Aufstieg hart erkämpft, nahezu jeden Cent seines Arbeitseinkommens versteuern muss?
Das ist doch genau das Missverständnis. Der Unternehmersohn erbt schließlich keinen Barscheck. Er erbt eine Aufgabe, die er fortführen muss. So zumindest mein Verständnis. Die Erbschaftssteuer schmälert zwangsläufig die Investitionskraft, denn der Unternehmenserbe muss die Steuer aus dem Betriebsvermögen abzweigen. Meine Kinder zumindest haben kein Privatvermögen.

Wo wollen Sie denn da die Grenze ziehen? Es gibt Familienunternehmen mit 600 Familienmitgliedern als Gesellschaftern. Die fühlen sich längst nicht mehr alle als Unternehmer. Mit welcher Rechtfertigung wollen Sie denen die Erbschaftsteuer erlassen?
Sie haben Recht, das ist eine andere Situation. Ich kann nur sagen: Bei uns ist es anders.

Wenn wir eine höhere Erbschaftsteuer oder gar eine Vermögenssteuer bekämen, würden Sie dann in ein Land mit niedrigerer Steuerlast ziehen, die Schweiz beispielsweise?
Das wäre für mich wirklich nur der allerletzte Ausweg, wenn das Unternehmen ansonsten existenziell gefährdet wäre. Praktisch kommt dieser Schritt nicht in Frage, denn um die Erbschaftsteuer zu umgehen, müssten ja auch meine Kinder mit umziehen. Zudem habe ich eine hohe emotionale Bindung an Deutschland und an meinen Wohnort Essen.

Verkehren Sie in Essen denn vor allem mit anderen Unternehmerfamilien?
Nicht nur. Ich habe einen gemischten Freundeskreis. Darunter sind Theologen, Ärzte, Musiker und alte Schul- und Studienfreunde. Ich bin durch meine Familie sehr christlich und geisteswissenschaftlich geprägt worden. Ich bin zum Beispiel Mitglied im Kuhnke-Kreis, benannt nach Hans Helmut Kuhnke, dem früheren Vorstandschef der Ruhrkohle AG. Da laden wir uns zwei, dreimal im Jahr einen renommierten Historiker zu einem Vortrag ein. So etwas bereitet mir unheimlich viel Freude. Ansonsten verbringe ich sehr gerne Zeit mit meinen Kindern. Die sind inzwischen zwar beide zum Studieren ausgezogen, kommen aber zum Glück gelegentlich vorbei

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Wissen Sie eigentlich schon, wer Ihnen eines Tages nachfolgen soll?
Es gibt begründete Hoffnungen, dass es eine Nachfolgeregelung gibt. Aber darüber reden wir, wenn es soweit ist.

Herr Deichmann, vielen Dank für das Interview.

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